Nachfolge – Joseph

Lieber Luther,

manche Geschichten in der Bibel fesseln einen, sie sind spannender als jeder Krimi. So ist es mit der Geschichte von Noah, Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob Israel mit seinen vielen Frauen und 12 Kindern. Der Kreis wird in der Genesis geschlossen mit der Geschichte Josephs und seiner Brüder. Die Geschichte hat mich so gefesselt, dass ich auf meinen Sonntagsspaziergang verzichtet habe, um die Geschichte ganz zu lesen. Wegen ihrer Bedeutung, nimmt sie viel Raum ein. Das Wesentliche versteht man nur im Zusammenhang und der ist überraschend: Hier wird die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt, das ganze Panorama, von gut bis böse(1.Mose 37-50).

Die Geschichte kann man unter zwei Aspekten sehen: Das Verhältnis Josephs zu seiner Familie, insbesondere seinen Brüdern, und das Verhältnis zwischen dem Pharao, seinem Volk und Joseph. Beides ist so voller Botschaften, dass es nicht in einen Brief passt. Deshalb wende ich mich zunächst dem unglaublichen, unbegreiflichen, wunderbaren Verhältnis zwischen Joseph und den Ägyptern zu. Joseph und die Ägypter ist eine Beschreibung, wie Gott sich unser Verhältnis zu ihm idealtypisch vorstellt, seine ideale Konstellation zwischen König und Knechten, zwischen Gott und den Menschen, das ideale Zusammenleben in Überfluss und auch in der Not. Es ist eine große Vision, die schon auf Jesus vorgreift, gleich ganz am Anfang der (biblischen) Geschichte zwischen Gott und Mensch.

Ausgangspunkt ist die besondere Liebe Jakobs zu seinem jüngsten Sohn, Joseph, und der Neid der Brüder auf diese Liebe. Sie beschließen ihn zu beseitigen. Eigentlich wollten sie ihn umbringen, aber Ruben, der älteste Sohn, verhindert das, und so beschließen sie, ihn als Sklaven nach Ägypten zu verkaufen. Dem Vater gaukeln sie vor, er sei von einem wilden Tier zerrissen worden.

So kommt Joseph als unfreier Fremdling nach Ägypten, so wie auch schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater jeweils Fremdlinge an den verschiedenen Orten, an denen sie sich aufhielten, waren. Was Joseph anfasst, gelingt, er hat die Gabe einer besonderen Gottesnähe, die ihn verstehen lässt, was andere nicht verstehen. Wie auch schon Abraham, Isaak und Jakob. Was erst einmal als Unglück daherkommt, entpuppt sich später als Vorsehung, um Schlimmes zu verhindern und Gutes zu bewirken, zu retten.

Joseph hat eine besondere Ausstrahlung. Die Dienstherrn, an die er kommt, erkennen das und stellen ihn jeweils über ihre Habe, verlassen sich völlig auf ihn, anerkennen seine Besonderheit und treten selbst zurück. Sie erkennen den Segen, der über Joseph liegt und auf sie ausstrahlt. Sein erster Dienstherr wird Potiphar, der Kämmerer des Pharao, ein mächtiger Mann. Er gibt alle Befugnisse an Joseph, den Fremdling, ab: er setzt ihn über sein Haus und all seine Güter. Zum Verhängnis wurde ihm die Frau seines Dienstherrn, die ihm vergebens nachstellte und ihn dann bei ihrem Mann falsch anschwärzte. Der Dienstherr glaubte der falschen Frau anstatt Joseph und so kam er ins Gefängnis.

Joseph nahm alles mit Demut und der Gefängnisaufseher befahl alle Gefangenen und alles was im Gefängnis geschah unter die Hand Josephs, denn der HERR war mit Joseph und was er tat, dazu gab der HERR Glück. Im Gefängnis traf er 2 Bedienstete des Pharaos, die von Träumen geplagt wurden. Joseph legte die Träume aus und was er voraussagte geschah. Auch der Pharao hatte einen Traum, er sah sieben fette und sieben magere Kühe, und niemand konnte ihn auslegen, bis sich einer der Bediensteten, der Joseph vom Gefängnis kannte, seiner erinnerte. So wurde Joseph zum Pharao gerufen und sagte sieben Jahre im Überfluss und sieben Jahre der Not voraus. Joseph sagte: Gott verkündigt, was er vorhat. Und der Pharao vertraute Joseph blind und bedingungslos.
Joseph gab auch noch einen Ratschlag: Sammle Getreide in den üppigen Jahren, dass du Speise hast in den Notjahren. Der Pharao folgt: Weil dir Gott solches alles hat kundgetan, ist keiner so verständig und weise wie du. Du sollt über mein Haus sein und deinem Wort soll all mein Volk gehorsam sein; allein um den königlichen Stuhl will ich höher sein als du. Siehe, ich habe dich über ganz Ägyptenland gesetzt. Er ließ ihn mit seinem Wagen fahren und ließ ausrufen: Der ist des Landes Vater! Und setzte ihn über ganz Ägyptenland. Ich bin der Pharao aber ohne deinen Willen soll niemand seine Hand und Fuß regen in ganz Ägyptenland. Und nannte ihn den heimlichen Rat (1.Mose 41, 39-45).

Hier ist ein Rat, der dem späteren Wunderrat im Alten Testament sozusagen in der Tat, mitten im Leben, voran geht. Joseph hat weniger gelehrt, er hat umfassend vorgelebt, getan und bewirkt, was Jesus später gelehrt hat. Im Gegensatz zu allen anderen Personen, ist von Joseph nichts Böses berichtet. Er war das personifizierte Gut, wie später Jesus. Sein Leben wird von seinen Brüdern verkauft, aus Neid, wie später Jesus von den Pharisäern gekauft wird, aus Neid, um ihn zu töten. Der Verkaufte wird zum Herrscher. Hier wie dort wird Korn in die Scheuer gesammelt. In dem einen Fall praktisch, in dem anderen Fall durch Wort und Predigt.

Das Volk der Ägypter unterwirft sich demütig dem Diktat Josephs ohne zu murren, nicht nur der Pharao, auch das Volk vertraut ihm, dem Fremdling mit dem fremden Gott, blind und Joseph speist sie auch in den Jahren der Not. Sie geben ihm all ihr Habe, alles Geld, alles Vieh, alles Land: Also kaufte Joseph dem Pharao das ganze Ägypten, ausgenommen das Land der Priester. Ihnen war verordnet, dass sie sich nähren sollten von dem Verordneten, das er ihnen gegeben hat. Deshalb brauchten sie ihr Land nicht verkaufen. Sie veräußern ihm alles und er gibt ihnen Brot, speist sie, gibt ihnen Samen, damit sie auf dem verkauften Land säen können. Von dem Getreide sollen sie den 5ten an den Pharao geben, vier Teile dürfen sie behalten, um ihre Familien zu ernähren. Was antwortete das Volk? Du hast uns am Leben erhalten; lass uns nur Gnade finden vor dir, unserm Herrn, so wollen wir gerne Pharao leibeigen sein. So machte Joseph ein Gesetz „bis auf diesen Tag“ über „der Ägypter Feld“, dem Pharao den 5ten zu geben, bis auf das Land der Priester, das ihm nicht zu eigen war (1.Mose 47, 25-26)

Joseph respektierte die Bräuche der Ägypter, es war ihnen zum Beispiel ein Gräuel, mit den Hebräern Brot zu essen. Joseph zwang sie nicht dazu, er ließ es ihnen getrennt zu den Hebräern servieren. Sogar die Integration von Josephs Sippe gelingt. Joseph bittet, der Pharao hat Verständnis, er gibt den Fremden das fruchtbarste Land, damit sie ihr Vieh weiden können.
Als Jakob in Ägypten stirbt, salben die Ärzte dort Israel, der Name, den Gott Jakob gegeben hat. Sie beweinen ihn 70 Tage. Der Pharao erlaubt Joseph, der verspricht wieder zu kommen, die Reise nach Kanaan, wo er seinen Vater wunschgemäß in der Familienbegräbnisstätte beerdigen will. Und – wie bemerkenswert – alle Ältesten des Landes Ägypten ziehen den weiten Weg mit. Sie erweisen Jakob und seinem ganzen Haus die Referenz. Die Trauerfeier wurde in Goren-Atad gehalten, das heißt Tenne des Dornbusches. Als die Kanaaniter das sahen, nannten sie den Ort Abel-Mizrajim, das heißt Trauer der Ägypter. Wohlgemerkt die Ägypter, bei denen Jakob Aufnahme suchte in der Hungersnot, trauerten um Jakob, nicht die Kanaaniter. Sie taten es, um Josephs willen, weil Jakob sein Vater war. Wie sie Joseph ehrten, ehrten sie auch sein ganzes Haus. Joseph hielt Wort und ging wieder zurück nach Ägypten.

Was für eine (Liebes-)Geschichte zwischen Joseph und dem ägyptischen Volk. Wenn man es auf einen kurzen Nenner bringen kann: Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauen, Demut, veräußern, teilen, gegenseitiger Respekt und Verlässlichkeit. Es ist kein böses Wort oder Widerspruch, Widerstreben des Volkes Ägypten gegen die Herrschaft dieses Fremdlings in der ganzen Geschichte. Joseph fordert viel, aber die Ägypter murren nicht, sie glauben und folgen ihm, weil sie an das Heil und das Gute, das er bringt glauben. Sie glauben ihm, obwohl er ein Fremdling unter ihnen ist und Joseph respektiert sie, obwohl sie andere Götter haben. Die Ägypter folgen dem Gott Josephs, da er sie in der Person Josephs völlig überzeugt. Joseph war der Inbegiff von Glück für das ägyptische Volk, obwohl für Joseph alles gar nicht glücklich angefangen hat.

Lieber Luther, die ganze Geschichte ist irgendwie Ball paradox. Joseph wird von seinen Brüdern böswillig verkauft und die Ägypter verkaufen sich Joseph freiwillig. Seine Brüder, von Jakob sicher gottesfürchtig erzogen, wissen nicht, was Gottesfurcht ist, aber die Ägypter wissen es. Seine Familie ist ihm gegenüber arglistig, die Ägypter ihm gegenüber vertrauensvoll. Jakob und die Ägypter ist eine Geschichte, was Gott bewegen kann, wenn Gott für einen ist, egal wie schlecht die Umstände sind. Die Joseph-Geschichte ist eine Heilsgeschichte. Sie zeigt, wie Gott sein Volk sammeln möchte. Die Ägypter geben alles, was sie haben, weg, Geld, Häuser, Felder, im bloßen Vertrauen auf Joseph und Gott. Sie folgen Joseph einfach nach, was immer er von ihnen fordert, sie hinterfragen ihn nicht. Joseph ist der Retter. Die Heiden versammeln sich hinter Joseph, werden gesammelt und gerettet, die Familie, seine Brüder, müssen ihr Vergehen an Joseph schwer büßen, sie müssen sich ihm zu Füßen werfen, sich demütigen und auf seine Bedingungen eingehen, wollen sie überleben. Über dieses besondere Familienverhältnis schreibe ich dir demnächst, sobald ich Zeit finde.

Lieber Luther, diese Josephsgeschichte ist ein Schatz, den wir immer zur Hand nehmen sollten, wenn wir nicht verstehen, was Gott uns will, wenn wir lamentieren, wenn wir meinen, Geld und Gut sei das Wichtigste, wenn wir meinen, Unglück, sei Unglück. Joseph hat gezeigt, dass dies nicht so ist, sondern der Leitspruch gilt: Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein. Vielleicht gefällt mir deshalb diese Geschichte so gut, da dies ja – wie schon öfters geschrieben – mein Konfirmationsspruch ist. Mit einem Augenzwinkern,

Herzliche Grüße
Deborrah

Getragen

Ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.
Jesaja 46,4
Du trägst uns,
hebst uns aus aller Not,
rettest uns,
vom Mutterleib bis
wir in den Staub sinken.
Und der müde Wanderer
lässt es dankbar geschehen.

Am Ende der Zeit

Lieber Luther,
Lasten tragen wir nicht gerne. Göttliche Lasten schon gleich gar nicht. Am Ende der Zeit sehen wir lieber Gottes Liebe, nicht Gottes Gericht. Das wollen wir am liebsten weg argumentieren. Ich habe das schon öfter zum Thema gemacht. Nichtsdestotrotz wende ich mich heute einem weiteren undankbaren Thema zu, das damit im Zusammenhang steht: Sind wir vor Gott alle gleich, egal, ob wir glauben oder nicht, egal, ob wir uns in Jesu Nachfolge versuchen oder völlig gottlos leben? Macht das am Ende einen Unterschied aus?
Jesus hat versucht, uns über das Ende der Zeit viel zu erklären. Es ist etwas, das jeden von uns angeht. Jeder Einzelne von uns muss da durch und hin. Deshalb war ihm das wichtig, damit jeder eine Chance hat zu verstehen, auf was es am Ende hinausläuft, wenn sich jemand auf ihn einlässt oder eben nicht. Im nüchternen und schnörkellosen Matthäusevangelium ist hierzu Gleichnis an Gleichnis gereiht. Die Botschaft ist eindeutig, Jesus wiederholt das gebetsmühlenhaft in verschiedenen Gleichnissen: Am Ende wird eingeteilt und zugeteilt werden (Mt 24,32 – 25).
Das Ein- und Zuteilen ist bereits ein Zugeständnis, das uns gewährt wird, entstanden aus dem Bund, den Gott mit Noah schließt. Gott hat bereits am Anfang der Zeit die Menschen wegen ihrer Gottlosigkeit verdammt. Ausnahme war der gottesfürchtige Noah und er hat mit ihm den Bund geschlossen, dass er nie wieder aus seinem Zorn heraus die gesamte Menschheit verdammen werde (1.Mose 9,15). Dem folgend, so Jesus, werde es der Menschensohn machen: Zwei sind auf dem Feld, einer wird genommen, einer wird gelassen, zwei Frauen mahlen auf einem Mühlstein, eine wird genommen, eine wird gelassen Deshalb: Wacht, denn ihr wisst nicht den Tag, an welchem der Herr kommen wird. Seid bereit. Er kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwarten würdet, es kann auch mitten in der Nacht und in der Finsternis sein (Mt 24, 40-44). Wie das zu verstehen ist, erklärt er in drei aufeinanderfolgenden Gleichnissen, die alle die gleiche Botschaft haben:
In den Gleichnissen vom treuen und untreuen Knecht, von den klugen und törichten Jungfrauen und von den tüchtigen und untüchtigen Knechten (Mt 24, 45 – 25,1-30). Der treue Knecht gibt der Dienerschaft Speise zur rechten Zeit, die klugen Jungfrauen haben auch für die Zeit der Finsternis und Dunkelheit vorgesorgt und an einen Ölvorrat gedacht, damit das Licht auch in der Dunkelheit den Weg zu Gott leuchtet, und die tüchtigen Knechte verdoppeln, was Gott ihnen, unterschiedlich nach dem jeweiligen Vermögen, gegeben hat. Es ist von Gottes Gaben die Rede, von Gottes Wort, vom Auftrag, den Gott jeweils gegeben hat, und mit dem jeweils persönlichen Umgang damit. Die Treuen, Klugen und Tüchtigen hören auf Gott, auch wenn es lange dauert, bis er sich zeigt, lange Zeiten durchzustehen sind. Seid achtsam, wachet, seid bereit, ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, um zu sehen, was ihr aus dem, was er euch gegeben hat, gemacht habt. Wahrlich ich sage euch, sagt Jesus, diese Knechte werden über die ganze Habe des Hausherrn gesetzt werden und in seine Freude eingehen.
Was passiert mit dem bösen Knecht, den törichten Jungfrauen und dem faulen Knecht? Der Heuchler wird aufgeschlossen und gereinigt werden, die törichten Jungfrauen bleiben vor der Tür und der unnütze Knecht wird in die Finsternis geworfen. Auch hier differenziert Jesus, jeder in der Gruppe wird nach dem Grad seines Unvermögens betrachtet. Weinen und Zähneklappern bei diesem Teil der Menschheit. In dieser Deutlichkeit hat Jesus das angekündigt. Das „Wahrlich, ich sage euch“ verweist auf den Ernst dieser Wahrheit.
Wahrlich, ich sage euch das, meine Wahrheit, nicht eure, nehmt es als Warnung, ihr könnt entscheiden, zu welchem Teil ihr gehören möchtet, ihr alle habt die gleichen Chancen, aus dem, was ich euch gegeben habe, etwas zu machen oder nicht. Ich betrachte differenziert, nach eurem Vermögen und Unvermögen. Von dem, der wenig vermag, erwarte ich nur, was er vermag. Wer aber sein eigenes Süppchen kocht, für den wird es kein Pardon geben. Und er warnt vor Anmaßung: Du willst gewusst haben, dass ich ein hartherziger König bin, der erntet, wo er nicht gesät hat, der sammelt, wo er nicht ausgestreut hat? Selbst wenn du selbst eingeredete Angst vor mir hattest, erwarte ich, dass das, was ich dir gegeben habe, zumindest Zins bringt. Du kannst, was du hast, weitergeben, dass andere es für dich vermehren können. Nur mein Habe nehmen und nicht vermehren, werde ich nicht akzeptieren, diesen Wechsel gehe ich nicht ein. Wenn ich dir gebe sollst auch du geben.
Denn, wer da hat, dem wird gegeben werden und er wird die Fülle haben, wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Jesus sagt damit: Wer mir nachfolgt, mein Wort hört und glaubt, der mein Wort weiterträgt, der wird das ewige Leben haben, wer mir aber nicht nachfolgt, mein Wort in den Wind schlägt und denkt, das sei alles Unsinn, der wird durch das reinigende und läuternde Feuer gehen.
Denn ich bin hungrig nach euch, mich dürstet nach eurer Zuneigung, ich würde gerne in euch wohnen, ich kranke an eurer Nichtbeachtung, bin gefangen in euch und kann nicht wirken durch euch. Wenn ihr mich nicht seht, speist die Hungrigen, gebt den Durstigen zu trinken, öffnet eure Türen, deckt die Blöße des Nackten zu, pflegt die Kranken, besucht die Gefangenen. Seid nicht faul und selbstgerecht. Wahrlich ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem dieser Bedürftigen, das habt ihr mir auch nicht getan. Ihr habt genug Gelegenheiten. Mein Wort ist Seelennahrung, predigt es, aus meiner Quelle trinken die Durstigen, öffnet eure Herzenstüren, habt Mitleid und seid barmherzig in meinem Namen und meinem Geiste. Jeder nach seinem Vermögen, nur Nichtstun ist nicht in meinem Geiste. Die Untreuen, Faulen und Dummen, die nicht beachten, was ich sage, werden am Ende durch das reinigende Gericht gehen müssen. Der HERR, Jesus Christus, wird richten und wird es richten, er wird läutern und heil machen. Wenn dieses Werk vollendet ist, wird Gottes ganzes Volk gesammelt sein und in die Ewigkeit Gottes eingegangen sein. Vorher wird er nicht ruhen.
Lieber Luther, bis das der Fall ist, kann es dauern. Aber er schärft uns ein: Wachet, bleibt achtsam, auch wenn es dauert, schlaft nicht ein, auch wenn es finster um euch ist, sonst verschlaft ihr mich noch, lasst euch von der Dunkelheit nicht blenden, baut vor, damit ihr auch die Dunkelheit übersteht. Möglichkeiten, wach zu bleiben, hat Jesus genug aufgezeigt. Wenn man ernst nimmt, was Jesus uns mit auf den Weg gibt, braucht einem nicht bange sein vor dem Augenblick, wenn wir vor ihm stehen werden. Wir haben so viele Möglichkeiten, Jesus gibt uns so viele Chancen. Wer sie nicht nimmt, ist tatsächlich so dumm, wie in den Gleichnissen beschrieben, und selbst dafür verantwortlich.
Angst braucht tatsächlich niemand zu haben, er denke an den untüchtigen Knecht und die falschen Voraussetzungen, von denen dieser aus eigener falscher Einsicht ausgegangen ist, weil er dachte, er müsse über den HERRN (fehl-)urteilen. Jesus wollte uns in der Hinsicht belehren. Was er von uns fordert, ist für jeden, der will, machbar, es ist ein Minimalkatalog, der von jedem zu erreichen ist. Und wenn nicht, kann man das nicht Jesus oder Gott in die Schuhe schieben. Das verantwortet jeder im Jetzt und dann selbst. Über„Sünde“ verliert Jesus hier übrigens kein Wort. Ich denke, lieber Luther, dich brauche ich nicht aufwecken.
Herzliche Grüße
Deborrah

Der Weg zurück

Das Eis brüchig,
der Eimer geleert,
der Krug zerbrochen,
der Schlüssel unter der Matte,
nichts zu ergründen,
finde dich ab.
Alles gegeben,
nichts behalten,
es dauert Jahre,
der Weg zu mir zurück.

Franz von Sales: Lege den Schlüssel unter die Matte
Mascha Kaléko: Resignation für Anfänger
Hilde Domin: Leere den Eimer

Nimm den Eimer

Hilde Domin

Nimm den Eimer
trage dich hin
Wisse du trägst dich
zu Dürstenden

Wisse du bist nicht das Wasser
du trägst nur den Eimer
Tränke sie dennoch

Dann trage den Eimer
voll mit dir
zu dir zurück

Der Gang
hin und her
dauert ein Jahrzehnt

(Du kannst es fünf- oder sechsmal tun
vom zwanzigsten Lebensjahr an gerechnet)

in: Hilde Domin: Sämtliche Gedichte, 4.Aufl 2010, S.259