Bunte Pferde

(05.09.12)

Ich bin in Steinfeld. Nicht per Fuß, sondern per Bahn. Wie sollte ich den ganzen Tag laufen und anschließend noch wahrnehmen, wo ich gelandet bin?

Deshalb beschließe ich, zunächst in Vechta zu bleiben und nicht gleich an nächsten Morgen weiterzulaufen.

Ich beginne den Tag mit einer Messe in St.Georg. Der Priester schien sich mehr durch die Messe zu quälen. Ich glaube er hatte ziemliche Rückenbeschwerden. Ist das Tag für Tag nicht deprimierend? Du stehst in einer riesigen Kirche mit sicher mehr als 1000 Plätzen vor 20 Leuten und quälst dich durch den priesterlichen Alltag?

Auf dem Rückweg zu meiner Unterkunft ist mir meine Fototasche samt Ersatzakku abhanden gekommen.

In der Zitadelle schreibe ich um die Mittagszeit meinen Blog vom Vortag. Nein, nicht unter Linden, sondern unter Zitterpappeln. Es ist kalt.

Anschließend gehe ich in das Museum im Zeughaus. Die „Gefängnisgeschichte“ Vechtas und die damit verknüpften und erzählten Einzelgeschichten berühren sehr. Zu sehen, wie diese Menschen existieren mussten, bedrückt. Auch die übrige Kriegsgeschichte: Mit unsäglich vielem Leid und Leiden verbunden. Nach dem Warum fragt man sich seit dem Beginn der Menschheit.

Steinfeld ist ein Ort, der am Durchgangsverkehr erstickt. Wieso fahren hier eigentlich so viele Autos mitten durch den Ort? Man kommt kaum über die Straße.

Das einzig wirklich Erwähnenswerte ist wieder einmal die Kirche. Dort gibt es die weltweit einzige holzgeschnitzte Nachbildung von Leonardo Da Vincis Abendmahl. Sehr beeindruckend. Die Kirche bekommt dadurch eine ganz andere Ausstrahlung als man sonst von Kirchen gewohnt ist. Irgend etwas ist anders. Direkt vor dem „Abendmahl“ zu stehen, muss man aushalten.

Abendmahl Steinfeld

Ansonsten: Lauter bunte Pferde in Steinfeld

Bunte Pferde

Ich freue mich auf den Dammer Wald morgen. Ich will in aller Frühe los.

Seelentag

An sich dachte ich, es geht wandernd pilgernd nicht mehr weiter. Die Hüfte ist vom Gewicht des Rucksacks aufgeschrubbt, die Schultern schmerzen, der rechte große Zeh ist entzündet, das Knie des linken Beines lässt nur ein Humpeln zu. Schon der Gedanke, den Rucksack wieder auf meine Schultern laden zu müssen, bereitet Schmerzen.

Aber, sie finden sich doch, die Jakobsmuscheln, die einem den inneren Weg zeigen.

Ich bin in einem sehr schönen Hotel gelandet. Einem alten, barocken Gemäuer, einem Familienbetrieb mit sehr freundlicher Familie. Die Gaststube ist heimelig, die Küche hervorragend. Absolut weiterzuempfehlen.

Und dann ist da die Kirche. Eine große Kirche. An dem Ort standen schon viele Vorgängerkirchen. Das spürt man. Es ist ein Ort, an dem schon viele Gebete, Tränen, Bitten, Wünsche, Danke gelebt wurden. Sie sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das sind Orte mit einer besonderen Kraft, heilige Orte.

Schutzraum

Ich hatte die Kirche zwei Stunden ganz für mich. Der große Raum um mich herum wie eine Hülle, die mich und meinen geschunden Körper umfasste. Es kehrte Ruhe von der lärmenden Welt in mich ein, etwas, das ich bisher auf dieser Reise vermisst hatte. Ich spürte wieder Kraft in mir und es entwickelte sich eine Vorstellung, was nun weiter geschehen sollte.

Hoffnung

Und ich hatte eine Begegnung mit der sogenannten Lourdes-Grotte. Sie wurde Anfang des Jahrhunderts errichtet von einem Bürger als großes Danke für die Heilung seiner Frau. Wie dieser Ort im Alltag auch heute noch genutzt wird, gibt ihm Kraft – Kraft als Ort der Hoffnung. Viele Kerzen sind aufgestellt, Rosenkränze hängen an den Grottensteinen, in einer kleinen Papiertüte ist ein Engel. Wahrscheinlich hat eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, ihren Schmerz hierhin getragen. Ja, auch dies ist ein heiliger Ort für mich.

Ich bin dankbar, dass ich an diesem Ort pausiert habe. Meiner Seele und meinem Körper hat er gut getan. Den Tag nehmen, wie er ist.

Ich werde morgen nach Vechta wandern.

Kraftort

Zitternde Wasser

(02.09.2012)

Die zweite Etappe hat mich an meine Grenzen gebracht. Wenn man unterwegs ist, hat man erst mal keine andere Wahl mehr und muss durchhalten, auch wenn das Ziel sehr weit weg erscheint.

Auch wenn es gar nicht so klingt und sich erst recht nicht so anfühlte: Es war eine schöne Etappe. An sich. Ich bin schon vor acht ohne Frühstück los, da ich schon ahnte, dass die 23 km für mich lang werden könnten und ich Zeit brauchen würde.

Die unangenehmsten Strecken sind immer die Strecken durch die Orte. Zuviel festen Boden unter den Füßen. Nicht viel, an dem sich das Herz erfreuen könnte. Asphalt tötet. Im Wald läuft es sich viel angenehmer und weicher. Man riecht den Wald. Alle Sinne sind beschäftigt, man geht beschwingter. Und man kommt dem eigentlichen Sinn des Pilgerns näher.

Weg und Ziel

Ja, wieso pilgere ich eigentlich? Und wieso sage ich, ich pilgere? Wo ist der Unterschied zum Wandern oder Trecken? Wenn man an den Grenzen ist, fängt man an zu hinterfragen was man tut und ob das wirklich gut für einen ist.

Pilgern ist keine sportliche Betätigung, dann wäre es nichts für mich als „no sports“, wenngleich ich mir gestern einen durchtrainierteren Körper gewünscht hätte. Es ist kein Kilometerfressen oder sich Stempel abholen, so dass man später auch seinen Pilgerpass stolz präsentieren kann. Pilgern ist eine innere Angelegenheit. Laut Wiki ein „in die Fremde gehen“. Wohin in die Fremde?

Obwohl wir uns zu einem bestimmten irdenen Ort aufmachen, ist es letztendlich ein Ort, der kein physischer Ort ist, sondern ein innerer Ort der Sehnsucht, der Hoffnung und der Heilung. Das „in die Fremde aufmachen“ erleichtert nur eingefahrene Spuren zu verlassen. Und den Blick dafür zu schärfen, dass wir diesen Ort zuallererst in uns selber finden müssen. Es ist eine Art meditatives Wandern an den heiligen, göttlichen Ort in uns selbst. Jakobsmuscheln, die einem den Weg weisen, gibt es da nicht.

Brautbett

Wie finde ich dann den Weg? Muss man sich hierfür körperlich bis in den roten Bereich verausgaben? Gestern, am späten Nachmittag, bin ich in Visbek auf das Hotelbett gefallen. Alles tat weh, ich hatte Schüttelfrost und die nächsten 4 Stunden war ich wie tot. Ich wusste, dass ich unbedingt essen musste und rappelte mich schließlich hoch, immer noch wie im Nebel .

Nein, so kann das doch nicht gehen. Es war mir ziemlich klar, dass ich am nächsten Morgen nicht gleich weitergehen konnte. Man muss einsehen, wenn man seine körperlichen Grenzen erreicht oder gar überschritten hat. Mit „Augen zu und durch“ kommt man da nicht mehr weiter. Ich möchte ungern von unterwegs den Notruf wählen müssen. Der Entschluss war also gefasst: Ich raste hier, dann sehe ich weiter.

Ich glaube auch das ist pilgern: DenTag zu nehmen und zu lassen wie er ist, seine Pläne und Vorstellungen, wie Pilgern an sich und insbesondere das eigene Pilgern auszusehen hat. Demut ist gefragt. Lassen. Einfach so wie es ist.

Zitternde Wasser.

Zitternde Wasser

Jakobsmuschel

Die erste Etappe ist geschafft. Von Harpstedt nach Wildeshausen. Mit unterschiedlichen Erfahrungen.

Ich weiß jetzt, wieso ich partout in Harpstedt anfangen wollte. Es gibt dort eine wunderbare Christuskirche, eine Basilika, mit einem tollen Altar. Als ich eintraf, kamen auch die ersten Besucher einer Hochzeitsgesellschaft. Und der Chor übte ein Halleluja.

Um die Kirche herum ist ein wunderschöner Christusgarten angelegt. Verschiedene Themenstationen mit einem Impuls aus der Bibel. Wunderschön. Und viele Impulse sind mir in diesem Jahr schon begegnet und haben eine Geschichte. Perfekter hätte es nicht anfangen können.

Im weiteren Verlauf musste ich Lehrgeld als Pilgerneuling bezahlen. Ich habe die Schilder nicht immer verstanden und mit meinem GPS stand ich auch auf Kriegsfuß. So habe ich einige Kilometer umsonst gedreht. Um 17.00 war ich fast am Ausgangspunkt angelangt. Vollends zurück nach Harpstedt und mit dem Bus zurück nach Wildeshausen?

Kommt nicht in die Tüte. Ich lasse mich doch nicht gleich am Anfang unterkriegen. Entschlossen ging ich zurück und an der Wegbiegung mit 3 Möglichkeiten nahm ich diesmal diejenige, die ich noch nicht ausprobiert hatte. Die war dann richtig.

Der Weg war wunderschön durch den Wald. Ich bin froh, dass ich nur mit kleinem Gepäck unterwegs war. Morgen kann ich mir das mit meinem 14 kg Rucksack nicht erlauben.

Am Ende hatte mein Tageskilometerzähler 25 km. Meine Füße brennen.

Jakobsmuschel

Träneneiche

Nach einer 60 Stunden Woche bin ich nicht so kaputt wie nach 4 Tagen Urlaub. Rücken, Handgelenke und Knie schmerzen. Auf dem Rücken spüre ich die Last des Jahres und der Jahre, im Blick die Leere. Ich bewege mich wie in einem Tunnel. Die verringerte Drehzahl lässt die kaputten Teile ins Bewusstsein rücken.

Ich will nichts als diesen Weg laufen, alles andere ist wie ausgeblendet, nicht relevant. Was ich während meines Urlaubes erledigen wollte, bleibt liegen. Keine Motivation, mich damit zu befassen. Diese Pilgerreise zieht mich ganz in ihrem Bann. Kein Touristenprogramm. Mehr Träneneiche.

Eiche

Pilgerrreise

Der Entschluss war spontan: Ich werde pilgern. Nicht nach Santiago, nein vor meiner Haustür. Nein, nicht mit wochenlanger Vorbereitung, ganz kurzfristig. „Barfüßig“ sozusagen. Pilger haben sich vor langer Zeit auch so auf den Weg gemacht. Und es ging. Ganz einfach.

Einfach?

Heute ist der Pilgerpass angekommen, den ich mir am Samstag Online bestellt hatte. Und der Jakobsweg-Führer, Bd.7, „Wege der Jakobspilger in Bremen und Niedersachsen“. Ein Blick in die Unterkunftsadressen zeigt es: Teilweise muss man 8 Tage vorbestellen. Solange ist noch nicht einmal mein Entschluss gefasst.

Ich habe noch weder Rucksack, noch einen festen Plan. Ich weiß auch noch nicht, wann ich genau losgehe, von wo aus und wann ich ankommen werden. Ich weiß nur, dass mein Ziel Damme ist und dass ich losgehe. Ich habe dort noch etwas zu erledigen. Und Pilgern scheint mir die richtige Art zu sein, mich diesem Ziel und dem, was dort zu erledigen ist, zu nähern. Schrittweise sozusagen. In Etappen.

Eigentlich ist mein Vorhaben unvernünftig. Mir schmerzt schon meine Schulter, bevor ich einen Meter meinen noch nicht vorhandenen Rucksack getragen habe. Als „no Sports“ bin ich auch kein geübter Wanderer. Und ich bin völlig ausgelaugt und überarbeitet. Und nur 2 Wochen Urlaub.

„Das kannst du nicht schaffen“ sagt mein Verstand und mein Körper. Doch, das wirst du, sagt meine innere Stimme.

Weg und Ziel

Rucksäcke

Ich habe jetzt einen Rucksack. Die nette Frau bei Globetrotter ist an mir fast verzweifelt. Ich sei eine Herausforderung hat sie gemeint. Da sei ihr ganzer Sachverstand gefordert. Krummer Rücken, breite Hüfte und schief. Aber sie hat sich wirklich Mühe gegeben. Wahrscheinlich dachte sie, Frau und Vorhaben passen nicht zusammen, dann wenigstens der Rucksack.

Sie musste mir erst einmal erklären, wie man so einen Hightech-Rucksack überhaupt seiner Anatomie anpasst. Nach dem fünften Rucksack wusste ich es einigermaßen. Es gibt eine Menge Schnellverschlüsse. Aber man muss sie in einer bestimmten Reihenfolge und Richtung bedienen, sonst sitzt der Rucksack nicht richtig. Hoffentlich habe ich jetzt den passenden und kann ihn auch richtig bedienen.

Stöcke und ein Navigationsgerät habe ich mir auch noch zugelegt. Erstere um den krummen Rücken und die schmerzende Schulter zu stützen. Letzteres zum Selbstschutz. In den weiten Dammer Wäldern habe ich mich schon einmal verirrt und nur nach etlichen Runden wieder ins Kloster zurückgefunden. Da war mir schon der Schrecken in die Glieder gefahren. Das Risiko gehe ich lieber mit 10 kg auf dem Rücken nicht ein. Ich befürchte, ich muss mich noch ein wenig mit dem Gerät befassen.

Und ich habe jetzt einen Plan. Ich werde am Samstag nach Wildeshausen fahren, mit dem Bus nach Harpstedt zurückfahren und dann wieder nach Wildeshausen laufen. Und von dort aus die weiteren Etappen. Meinen ursprünglichen Plan, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, habe ich aufgegeben. Da wäre ich 6 Stunden unterwegs, mit dem Auto dauert es nur knapp über eine Stunde.

Dafür gönne ich mir die Etappe zwischen Harpstedt und Wildeshausen. Als Entschädigung, dass ich mich mit all diesen Vorbereitungen, die eigentlich keine Vorbereitung sind, befassen muss. Ich weiß noch nicht warum, aber an dieser Etappe muss etwas Besonderes sein. Sonst würde ich sie nicht unbedingt laufen wollen.

Und ich muss mich unbedingt damit befassen, dass mein Vorhaben plötzlich sinnentleert ist. Das ist was mir der Tag heute auch gebracht hat. Wenn ich auch ankomme, mein Ziel werde ich nicht erreichen. Der Rucksack wiegt schwerer als alle Kilos auf dem Rücken.

Tränen auf dem Frauenmantel.

Traenen