Träneneiche

Nach einer 60 Stunden Woche bin ich nicht so kaputt wie nach 4 Tagen Urlaub. Rücken, Handgelenke und Knie schmerzen. Auf dem Rücken spüre ich die Last des Jahres und der Jahre, im Blick die Leere. Ich bewege mich wie in einem Tunnel. Die verringerte Drehzahl lässt die kaputten Teile ins Bewusstsein rücken.

Ich will nichts als diesen Weg laufen, alles andere ist wie ausgeblendet, nicht relevant. Was ich während meines Urlaubes erledigen wollte, bleibt liegen. Keine Motivation, mich damit zu befassen. Diese Pilgerreise zieht mich ganz in ihrem Bann. Kein Touristenprogramm. Mehr Träneneiche.

Eiche

Pilgerrreise

Der Entschluss war spontan: Ich werde pilgern. Nicht nach Santiago, nein vor meiner Haustür. Nein, nicht mit wochenlanger Vorbereitung, ganz kurzfristig. „Barfüßig“ sozusagen. Pilger haben sich vor langer Zeit auch so auf den Weg gemacht. Und es ging. Ganz einfach.

Einfach?

Heute ist der Pilgerpass angekommen, den ich mir am Samstag Online bestellt hatte. Und der Jakobsweg-Führer, Bd.7, „Wege der Jakobspilger in Bremen und Niedersachsen“. Ein Blick in die Unterkunftsadressen zeigt es: Teilweise muss man 8 Tage vorbestellen. Solange ist noch nicht einmal mein Entschluss gefasst.

Ich habe noch weder Rucksack, noch einen festen Plan. Ich weiß auch noch nicht, wann ich genau losgehe, von wo aus und wann ich ankommen werden. Ich weiß nur, dass mein Ziel Damme ist und dass ich losgehe. Ich habe dort noch etwas zu erledigen. Und Pilgern scheint mir die richtige Art zu sein, mich diesem Ziel und dem, was dort zu erledigen ist, zu nähern. Schrittweise sozusagen. In Etappen.

Eigentlich ist mein Vorhaben unvernünftig. Mir schmerzt schon meine Schulter, bevor ich einen Meter meinen noch nicht vorhandenen Rucksack getragen habe. Als „no Sports“ bin ich auch kein geübter Wanderer. Und ich bin völlig ausgelaugt und überarbeitet. Und nur 2 Wochen Urlaub.

„Das kannst du nicht schaffen“ sagt mein Verstand und mein Körper. Doch, das wirst du, sagt meine innere Stimme.

Weg und Ziel

Rucksäcke

Ich habe jetzt einen Rucksack. Die nette Frau bei Globetrotter ist an mir fast verzweifelt. Ich sei eine Herausforderung hat sie gemeint. Da sei ihr ganzer Sachverstand gefordert. Krummer Rücken, breite Hüfte und schief. Aber sie hat sich wirklich Mühe gegeben. Wahrscheinlich dachte sie, Frau und Vorhaben passen nicht zusammen, dann wenigstens der Rucksack.

Sie musste mir erst einmal erklären, wie man so einen Hightech-Rucksack überhaupt seiner Anatomie anpasst. Nach dem fünften Rucksack wusste ich es einigermaßen. Es gibt eine Menge Schnellverschlüsse. Aber man muss sie in einer bestimmten Reihenfolge und Richtung bedienen, sonst sitzt der Rucksack nicht richtig. Hoffentlich habe ich jetzt den passenden und kann ihn auch richtig bedienen.

Stöcke und ein Navigationsgerät habe ich mir auch noch zugelegt. Erstere um den krummen Rücken und die schmerzende Schulter zu stützen. Letzteres zum Selbstschutz. In den weiten Dammer Wäldern habe ich mich schon einmal verirrt und nur nach etlichen Runden wieder ins Kloster zurückgefunden. Da war mir schon der Schrecken in die Glieder gefahren. Das Risiko gehe ich lieber mit 10 kg auf dem Rücken nicht ein. Ich befürchte, ich muss mich noch ein wenig mit dem Gerät befassen.

Und ich habe jetzt einen Plan. Ich werde am Samstag nach Wildeshausen fahren, mit dem Bus nach Harpstedt zurückfahren und dann wieder nach Wildeshausen laufen. Und von dort aus die weiteren Etappen. Meinen ursprünglichen Plan, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, habe ich aufgegeben. Da wäre ich 6 Stunden unterwegs, mit dem Auto dauert es nur knapp über eine Stunde.

Dafür gönne ich mir die Etappe zwischen Harpstedt und Wildeshausen. Als Entschädigung, dass ich mich mit all diesen Vorbereitungen, die eigentlich keine Vorbereitung sind, befassen muss. Ich weiß noch nicht warum, aber an dieser Etappe muss etwas Besonderes sein. Sonst würde ich sie nicht unbedingt laufen wollen.

Und ich muss mich unbedingt damit befassen, dass mein Vorhaben plötzlich sinnentleert ist. Das ist was mir der Tag heute auch gebracht hat. Wenn ich auch ankomme, mein Ziel werde ich nicht erreichen. Der Rucksack wiegt schwerer als alle Kilos auf dem Rücken.

Tränen auf dem Frauenmantel.

Traenen