Lebenslügen

Lebenslügen sind wie ein Luftballon,
aus dem langsam aber sicher
die Luft entweicht,
solange niemand mit einer Nadel hineinsticht und
sie mit lautem Knall platzen.

In Lebenslügen kann man sich hineinträumen,
kann sie eine Weile konservieren,
aber, je länger sie andauern,
desto schwieriger wird es,
sie aufrechtzuerhalten.
Der Tag kommt,
an dem sie als Lüge entlarvt sind.

Lebenslügen lasten schwer auf einem.
Man wacht jeden Tag mit ihnen auf und
geht mit ihnen ins Bett.
Sie verursachen Albträume.
Sie sind ein Gespenst,
das einen begleitet,
grau und ohne schönen Schein.
Man muss ihnen Tribut zollen,
damit sie den Blick auf den Alltag
nicht allzu schonungslos freigeben und
sich ein Abgrund auftut,
in den man schwindelnd fällt.

Lebenslügen sind gnadenlos.
Irgendwann kann man sie nicht mehr bestechen,
muss sich in die Bankrotterklärung fügen.
Manche haben schon ein paar Bankrotterklärungen hinter sich,
und trotzdem stolpern sie in die nächste Lebenslüge,
tauschen die eine Lebenslüge gegen die andere ein.
Irgendwann enden sie auf der Straße.
Aus-Lebens-gelogen,
auf dem harten Asphalt der Wahrheit angekommen,

zum ersten Mal ehrlich.

Licht in der Dunkelheit

 Vollmond

Soweit die Füße tragen

So weit die Füße tragen.
Wie weit tragen die Füße?

Experiment am Selbstobjekt.

Ich kann 12 Stunden ohne Pause durcharbeiten.
Ohne zu essen,
Immer auf das konzentriert, was gerade das Nächste ist.
Web-Konferenzen dazwischen.
Das lockert auf.
Dann steht noch einer in der Tür.
Wenn andere in den Feierabend gehen,
gehe ich in die 2.Schicht.

Haufenweise Probleme,
die gelöst werden wollen.
Probleme der anderen.

Das macht mich leicht.
Es sind die Probleme der anderen.
Die kann ich lösen.
Das erleichtert die anderen.

Es gibt noch andere Spätarbeiter,
die immer noch Probleme haben,
die sie noch nicht an mich adressiert haben.
Das verbindet,
Gemeinschaft der Spätarbeiter.
Als Dank bekommen sie ihr Problem gleich gelöst.

Meditatives Arbeiten.

Ohne Rechenschaft vor mir abzulegen, wieso ich das mache,
ohne zu hinterfragen, ob ich was anderes verdränge,
ohne mich selbst anzuzweifeln,
ohne Emotionen.

Einfach arbeiten.
Es ist völlig gleichgültig,
was man tut.

Wie lange?
Ist das von Interesse?

Den Acker bestellen.
Den Acker bestellen

Auf der Brücke bleiben

Meine Pilgerreise ist zu Ende. Ist sie das wirklich? Ist die Kunst aller Künste nicht vielmehr, die Schätze, die man in seinen Auszeiten gefunden hat, auch im Alltag zu bewahren, sie im Alltag zu leben, so dass sie zum wirklichen, verinnerlichten Leben werden?

Eben nicht mit Arbeitsbeginn wieder im Hamsterrad durchzustarten bis man mit hängender Zuge gerade noch so die nächste Auszeit erreicht. Das kenne ich zur Genüge, das will ich diesmal nicht so halten.

Das bedarf Achtsamkeit nach innen und außen. Ein Innehalten, bevor man von der Brücke fällt. Ein Hören auf die innere Stimme, ein Sehen mit dem inneren Auge. Ein Gelassen bleiben mit der inneren Gewissheit, dass man unantastbar ist, was immer auch passieren mag.

Einfach in seinem Rhythmus auf der Lebens-Straße weitergehen, mit dem Lebens-Rucksack auf dem Rücken, Stecken und Stab als Stütze und dem inneren Kompass als einzigem Wegweiser.

Einfach?

Nein, einfach ist das nicht. Man muss sich sehr in Acht nehmen, nicht gleich wieder in eingeübte Verhaltensmuster zu verfallen.

Dennoch: Genauso entscheiden wie ich mich zu dieser Reise aufgemacht habe, genauso entschieden will ich sie fortsetzen. Der Hall soll zu keinem Nachhall werden. Auch der Blog nicht. Ich glaube er hilft mir, den Kurs nicht zu verlieren. Und der Zuspruch tut gut.

Psalm 23 kommt mir in den Sinn, den hatte ich schon während der gesamten Pilgerreise im Kopf. Er erzählt vom Pilgern durchs Leben. Eigentlich kann ich da doch gelassen bleiben. Eigentlich.

Brücke über Wasser

Überraschungen

Kurz vor neun kommt mein Taxi, das mich zum Bahnhof nach Holdorf bringt. Es entwickelt sich eine angeregte Unterhaltung mit dem Taxifahrer, einem älteren Herrn. „Was, pilgern waren Sie, ganz allein?“ fragt er mich und schaut mich ganz entgeistert an, als wolle er das nicht glauben. „Ja“, sage ich. Darauf er: „Das ist aber mutig“. Hmm, auf die Idee bin ich bisher noch gar nicht gekommen. „Darf ich fragen wie alt Sie sind?“ Ich sage es ihm. Er ringt nach Worten und meint dann „Ich will mal sagen in diesen jungen Jahren ist das doch eine ganz schöne Anstrengung, das muss man sich erst einmal zumuten“. Und entschieden: „Das brauche ich für mich nicht“. Dann erzählt er von seinem Herzinfarkt und seinen Krankheiten.

Mordkuhle

Am Bahnhof in Holdorf scheint er immer noch so beeindruckt, dass er mit mir zum Bahnsteig geht und die Abfahrtszeit vom Zug heraussucht, obwohl es nur ein Gleis gibt, schon Leute da sind und es klar ist, dass der Zug gleich kommt. Ganz als müsse er dafür sorgen, dass ich auch in den Zug komme.

Ich schmunzle vor mich hin und freue mich. Die Denkgleise des freundlichen Mannes scheinen etwas aus der Bahn gekommen zu sein.
Überhaupt treffe ich interessante Leute auf der Rückreise. Am Bahnsteig in Holdorf erscheinen nach und nach verschiedene Menschen, um die Vierzig, zu einem Klassentreffen. Sie wissen aber nicht, wohin es geht, das scheint eine Überraschung zu sein. Dementsprechend fällt auch das Gepäck unterschiedlich aus: von klein und handlich bis zu einem riesigen Koffer, der für mindestens 2 Wochen Platz bietet und mehrmaliges Umkleiden am Tag erlaubt. Ein Herr kommt in Badelatschen und kurzen Hosen. Sagt ein anderer zu ihm zur Begrüßung: „Willst du Dir eine Blasenentzündung holen?“
Ich musste nach Luft japsen, so überrascht war ich. Ich wusste gar nicht, dass dies ein Männerthema ist.

Froschquaken

Und noch eine Überraschung auf der Rückreise, die sich tatsächlich so abspielte. Im Zug gibt es moderne, einfach zu bedienende Fahrkartenautomaten. Irgendwo auf der Strecke zwischen Holdorf und Wildeshausen war eine Gruppe von 4 Mädchen zugestiegen. Zwei Mädchen, sie waren tatsächlich, alle Blondinenwitzen bestätigend, blond, kümmerten sich um die Gruppenfahrkarte: 33 EUR. „Oh Scheiße“, meint das eine Mädchen, „wieviel muss dann jeder bezahlen?“ „Darum kümmern wir uns später“, meinte das 2. Mädchen, „jetzt kaufen wir erst einmal die Fahrkarte“.
Ich wollte schon helfend einspringen und rufen 8,25 EUR für jeden, dachte dann aber es ist vielleicht besser, wenn sie sich selbst um die Lösung dieser Rechenaufgabe bemühen.

Sonnenblume
Perspektivwechsel

Was ist das nur für ein Tag heute? Was für Menschen begegnen mir? Oder liegt es an mir? Ich bin tagelang alleine gelaufen, ohne zu reden, höchstens singend, sehr in mich gekehrt. Ist meine Perspektive verschoben? Schaue und höre ich anders? Mehr im Jetzt, wie am Bergsee? Habe ich bisher geschlafen? Ist das Leben vielleicht ein Kuriositätenkabinett, das ich bisher noch gar nicht entdeckt habe?
Irgendwie komme ich mir vor, wie wenn ich in der falschen Vorstellung wäre, wie wenn ich im Kino sitze und staunend den Film betrachte, der vor mir abläuft und mich frage, ob das wohl das Leben ist?
Verschobene Realitäten.

Tau Huus

Angekommen

(06.09.12)

Die Strecke zwischen Steinfeld und Damme ist die schönste. Meine Vorfreude war berechtigt. Fast nur Wald, zwar viel rauf und runter, aber – wie ich schon geschrieben habe – im Wald laufe ich wie beflügelt.

Waldpfad

Ein Fest für alle Sinne. Der Geruch nach Moder und Nadelbäume,  das Spiel des Lichts zwischen den Blättern und Baumstämmen, das Tuscheln der Blätter mit dem Wind, der weiche Waldboden,  die Spuren, die Wassermassen auf den Wegen hinterlassen haben und sie teilweise fast nicht passierbar machen.  Und auch noch ein paar Vögel singen ihr Lied.

Am meisten liebe ich den Dammer Wald am frühen Morgen. Deshalb wollte ich früh los, habe es aber erst um 7.30 geschafft. Dann laufe ich und laufe, 3 ½ Stunden am Stück, ohne dass ich ein einziges Mal das Bedürfnis nach einer Pause gehabt hätte.  Um 11.15 hatte ich bereits den Dammer Bergsee erreicht, ich war also kurz vor dem Ziel. Das brauchte Vorbereitung und so richtete ich mich direkt am Wasser ein.

Lichtung

Es war recht frisch, der Wind wehte kalt und ich musste mich dick einmummeln, damit ich bleiben konnte. Die Luft war klar, Wolken wechselten mit tiefblauem Himmel und Sonnenschein. Ein herrliches Licht. So saß ich drei Stunden am Ufer des Bergsees und schaute dem Wasser zu.

Außer mir kein Mensch. Was mache ich Mensch damit?

Es braucht fast 3 Stunden, bis ich den Zauber des Augenblickes begreife und bereit bin in vollen Zügen in mich einfließen zu lassen.

Zuvor bin ich mit mir selbst beschäftigt. Mich auf die Ankunft in Damme vorbereiten. Wo übernachte ich? Wann fahre ich wie zurück nach Wildeshausen? Ich starte das Notebook, um die Fahrpläne und Taxi Telefonnummer herauszubekommen. Aber es ist zu hell, ich kann rein nichts auf den Bildschirm erkennen. Das ist ein Wink des Himmels, denke ich, lass es. Ach ja, am Montag muss ich schon wieder arbeiten. Wegschieben. Und so weiter.

Irgendwann wird mir klar, dass ich alles Mögliche tue, nur nicht diese kostbare Zeit, in der ich hier am See sitze, zu genießen. Ich fange an, mich auf den Augenblick zu konzentrieren.

Das Bild auf dem Wasser wechselt laufend, je nach Wind und Wolkenspiel. Jeden Augenblick sieht das Wasser anders aus. Die Sonnenstrahlen surfen in silbernen Glanz wie einzelne Lichter über die Wasseroberfläche. In der anderen Richtung bilden sich grüne Samtbahnen, die sich in Falten legen. Am Ufer gegenüber schwimmen Schwäne. Ringsumher dichte Laubwälder, die mit ihrem noch grünen Kleid die Hügel säumen. Der Wind unterhält sich mit den Blättern. Links von mir biegt sich eine Zitterpappel im Wind. Die Wolken liefern sich mit der Sonne ein Wettrennen um die Oberhand. Sie gewinnen abwechselnd. Alles ist in stetiger Veränderung.

Ich komme mir vor wie Morgana, die Herrin vom See. Reiche Augenblicke, von denen ich lange zehren kann. Ich will von keinem etwas, keiner will von mir etwas. Ich sitze hier einfach und bin Teil dieser sich bewegenden Veränderung. Friede um mich herum, Stille in mir.

Bergsee Damme

Dann gehe ich weiter. Auch die restliche Strecke um den Bergsee ist grandios, ich kann keine angemessene Beschreibung finden.

Den letzten Teil auf das Kloster zu nehme ich den unteren Weg, an der Bexadde entlang. Ich bin ihn schon viele Male gelaufen, aber noch nie mit so einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Da auch er ziemlich ausgespült ist, bin ich froh um meine Stöcke, die mir Halt geben. Jedes Mal, wenn ich die hier entlang gehe denke ich, ich gehe den Weg zum ersten Mal. Meine Wahrnehmung richtet sich nach meinem inneren Zustand.

Den steilen Berg im Wald zum Kloster hinauf schaffe ich leichtfüßig. Ich gehe direkt in die Kapelle, um erst einmal anzukommen. Danach laufe ich das Labyrinth, mit Rucksack das Mantra singend, das ich schon in der Osternacht dort gesungen habe. Das Labyrinth kennt mich schon in vielen Variationen.

Nun muss ich mich entscheiden. Heute noch zurück nach Wildeshausen oder im Kloster um Pilgerherberge fragen? Ich möchte einen würdigen Abschluss dieser Pilgertour und so gehe ich den Berg zum Klostereingang hoch. Ich werde im Kloster übernachten. Mit Vesper, Komplet, Laudes und Messe kann ich in kurzer Zeit noch viel für meine Seele tun.

(07.09.12)

Die Laudes habe ich heute morgen verschlafen. Wanderer sind müde.

Waldesruhe

Bunte Pferde

(05.09.12)

Ich bin in Steinfeld. Nicht per Fuß, sondern per Bahn. Wie sollte ich den ganzen Tag laufen und anschließend noch wahrnehmen, wo ich gelandet bin?

Deshalb beschließe ich, zunächst in Vechta zu bleiben und nicht gleich an nächsten Morgen weiterzulaufen.

Ich beginne den Tag mit einer Messe in St.Georg. Der Priester schien sich mehr durch die Messe zu quälen. Ich glaube er hatte ziemliche Rückenbeschwerden. Ist das Tag für Tag nicht deprimierend? Du stehst in einer riesigen Kirche mit sicher mehr als 1000 Plätzen vor 20 Leuten und quälst dich durch den priesterlichen Alltag?

Auf dem Rückweg zu meiner Unterkunft ist mir meine Fototasche samt Ersatzakku abhanden gekommen.

In der Zitadelle schreibe ich um die Mittagszeit meinen Blog vom Vortag. Nein, nicht unter Linden, sondern unter Zitterpappeln. Es ist kalt.

Anschließend gehe ich in das Museum im Zeughaus. Die „Gefängnisgeschichte“ Vechtas und die damit verknüpften und erzählten Einzelgeschichten berühren sehr. Zu sehen, wie diese Menschen existieren mussten, bedrückt. Auch die übrige Kriegsgeschichte: Mit unsäglich vielem Leid und Leiden verbunden. Nach dem Warum fragt man sich seit dem Beginn der Menschheit.

Steinfeld ist ein Ort, der am Durchgangsverkehr erstickt. Wieso fahren hier eigentlich so viele Autos mitten durch den Ort? Man kommt kaum über die Straße.

Das einzig wirklich Erwähnenswerte ist wieder einmal die Kirche. Dort gibt es die weltweit einzige holzgeschnitzte Nachbildung von Leonardo Da Vincis Abendmahl. Sehr beeindruckend. Die Kirche bekommt dadurch eine ganz andere Ausstrahlung als man sonst von Kirchen gewohnt ist. Irgend etwas ist anders. Direkt vor dem „Abendmahl“ zu stehen, muss man aushalten.

Abendmahl Steinfeld

Ansonsten: Lauter bunte Pferde in Steinfeld

Bunte Pferde

Ich freue mich auf den Dammer Wald morgen. Ich will in aller Frühe los.

Seelentag

An sich dachte ich, es geht wandernd pilgernd nicht mehr weiter. Die Hüfte ist vom Gewicht des Rucksacks aufgeschrubbt, die Schultern schmerzen, der rechte große Zeh ist entzündet, das Knie des linken Beines lässt nur ein Humpeln zu. Schon der Gedanke, den Rucksack wieder auf meine Schultern laden zu müssen, bereitet Schmerzen.

Aber, sie finden sich doch, die Jakobsmuscheln, die einem den inneren Weg zeigen.

Ich bin in einem sehr schönen Hotel gelandet. Einem alten, barocken Gemäuer, einem Familienbetrieb mit sehr freundlicher Familie. Die Gaststube ist heimelig, die Küche hervorragend. Absolut weiterzuempfehlen.

Und dann ist da die Kirche. Eine große Kirche. An dem Ort standen schon viele Vorgängerkirchen. Das spürt man. Es ist ein Ort, an dem schon viele Gebete, Tränen, Bitten, Wünsche, Danke gelebt wurden. Sie sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das sind Orte mit einer besonderen Kraft, heilige Orte.

Schutzraum

Ich hatte die Kirche zwei Stunden ganz für mich. Der große Raum um mich herum wie eine Hülle, die mich und meinen geschunden Körper umfasste. Es kehrte Ruhe von der lärmenden Welt in mich ein, etwas, das ich bisher auf dieser Reise vermisst hatte. Ich spürte wieder Kraft in mir und es entwickelte sich eine Vorstellung, was nun weiter geschehen sollte.

Hoffnung

Und ich hatte eine Begegnung mit der sogenannten Lourdes-Grotte. Sie wurde Anfang des Jahrhunderts errichtet von einem Bürger als großes Danke für die Heilung seiner Frau. Wie dieser Ort im Alltag auch heute noch genutzt wird, gibt ihm Kraft – Kraft als Ort der Hoffnung. Viele Kerzen sind aufgestellt, Rosenkränze hängen an den Grottensteinen, in einer kleinen Papiertüte ist ein Engel. Wahrscheinlich hat eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, ihren Schmerz hierhin getragen. Ja, auch dies ist ein heiliger Ort für mich.

Ich bin dankbar, dass ich an diesem Ort pausiert habe. Meiner Seele und meinem Körper hat er gut getan. Den Tag nehmen, wie er ist.

Ich werde morgen nach Vechta wandern.

Kraftort