With love from Palestine

„Insel ohne Wasser, Vogel ohne Flügel“ heißt das Buch von Agnes Fazekas, das ihre Begegnungen mit Menschen aus dem Westjordanland beschreibt. Von MENSCH zu MENSCH.

Was ich gelesen habe, hat mich aufgewühlt, betroffen gemacht. Es eröffnet sich der triste und beklemmende Blick in eine vergessene menschengemachte Hölle, in der die Menschen trotz alledem versuchen auszuharren und das Beste daraus zu machen.

Agnes Fazekas beschreibt den schweren Lebensalltag von Palästinensern, klagt an, ohne anzuklagen, selbst zerrissen zwischen ihrem israelischen Freund und Freunden und ihrer Empathie für die geschundenen palästinensischen Menschen, denen sie von MENSCH zu MENSCH begegnet. Mit ihrem Buch will sie aufrütteln, Bewusstsein schaffen und sie rüttelt ganz gewaltig auf. Sie zeigt das Unrecht und die Unmenschlichkeiten auf. Sie wertet nicht, sie berichtet. Das Bewerten dieses Glaubenskrieges, der Vertreibung der Palästinenser von ihrem Land mit der Begründung, von Gott sei das so legitimiert, überlässt sie dem Leser.

Was zu lesen ist, lässt einen zutiefst erschrecken: Da wird schikaniert, die Menschen vom Wasser abgeschnitten, von der Elektrizität, es wird ihnen die Bewegungsfreiheit genommen, sie werden hinter Mauern und Stacheldrahtzäune gezwungen, durch Schleusen mitten im Land. Wiederaufbauversuche werden mit Bulldozern niedergerissen. Großfamilien leben in Höhlen, in Containern, in Zelten, auch im bitterkalten Winter, ohne fließend Wasser, ohne Elektrizität. Es gibt auch vereinzelt reiche Palästinenser, aber die Mehrheit ist arm, versucht zu überleben, obwohl in ihrem Land fast kein Leben mehr ist.

Agnes Fazekas besucht und sucht die MENSCHEN, unabhängig von der Politik, erzählt Einzelschicksale. Aber auch sie kann sich dem Terror der Besatzungsmacht, der damit verbundenen Angst nicht entziehen. Die schrittweise und schleichende Okkupation auch des international den Palästinensern zugesprochenen Restfleckens ihres Landes ist eine auf jeder Seite spürbare Bedrohung des engen verbliebenen palästinensischen Lebensraumes. Man spürt förmlich, wie ihnen der Lebensatem abgeschnürt wird und man fragt sich unwillkürlich: Kann das auf Dauer gut gehen? Lässt sich jemand ohne Gegenwehr strangulieren?

Agnes Fazekas selbst ist Deutsche und lebt mit ihrem israelischen Freund in Tel Aviv. Sie versteht auch die israelischen Ängste und bringt das zum Ausdruck. Aber das ist nicht ihr Thema in diesem Buch. Sie will auf die Nöte der palästinensischen MENSCHEN aufmerksam machen, die in ihrem Land ausharren, sich trotz der Widrigkeiten nicht auch noch auf den Weg machen, um in Europa oder sonst wo auf der Erde sich einen neuen Platz zu erkämpfen. Sie wollen bleiben, aber können sie dort, wo sie sind, auf Dauer überleben, unter diesen Lebensumständen? Die Frage ist offen.

Und wir, die sogenannte Weltgemeinschaft? Wir schauen wie üblich zu, solange wir nicht direkt betroffen sind. Unserer Aufmerksamkeit wendet sich nur kurzzeitig dorthin, wenn irgendwo gebombt wird oder eine 3.Intifada ausbricht. So lange noch Zeit ist, das Schlimmste zu verhindern, hat das für unsere Regierungen keine Priorität. Sie treten erst in Aktion, wenn alles kurz und klein geschlagen ist und leisten dann „humanitäre Hilfe“ mit großem Einsatz. Wieso nicht, solange noch Zeit ist? Es wird den Menschen nicht ermöglicht, sich in ihrer Heimat eine Existenz aufzubauen oder bestehende Existenzen auf Dauer zu erhalten. Wenn sich die Massen dann schlussendlich doch in Bewegung setzen, um sich einen Flecken Erde zu suchen, auf dem es sich leben lässt, tun unsere Politiker dann ganz überrascht, erblindet und abgestumpft vom jahrzehntelangen Wegsehen und Nichtstun. An einem Brandherd kann man sich verbrennen, er kann sich aber auch zu einem Flächenbrand ausweiten. Die allerjüngste Geschichte hat das gezeigt.

Am vergangenen Mittwoch ging durch die Presse, dass ein junger israelischer Soldat, der einen wehrlos am Boden liegenden Palästinenser erschossen hat, durch ein Gericht verurteilt wurde. Selbst der Ministerpräsident Israels fordert nun seine Begnadigung, genauso wie 60% der israelischen Bevölkerung. Terroristen darf man erschießen, wobei ich nicht sicher bin, ob nicht alle Palästinenser als Terroristen betrachtet werden, die eine Bedrohung für Israel darstellen. Ein Rechtsanwalt hat es auf den Punkt gebracht: Es ist unerheblich, ob der Soldat die Regeln gebrochen hat oder nicht, erheblich ist, was in dieser Gesellschaft als moralisch gilt.
Recht wird durch rechte Gesinnung ersetzt, als „Moral“ verkauft, was an sich höchst unmoralisch ist. Palästinenser leben gefährlich, sie verlieren leicht ihr Recht auf Leben und Unversehrtheit aus israelischer Sicht. Alles mit der Tora in der Hand, mit dem Unaussprechbaren in der Standarte.

Unwillkürlich denke ich an die martialischen Texte im Alten Testament, die anscheinend wörtlich genommen werden, Recht hin und Recht her. Man blickt auf seine Bibel und fragt: Gott, hast du das so gewollt? Hast du die Ermächtigung erteilt, das palästinensische Volk von ihrem angestammten Land zu vertreiben, von ihren Lebensadern abzuschneiden, einzumauern, zu erniedrigen, langsam auszudürsten und auszuhungern?

Gott schweigt und auch nicht. Ich muss an meine Jahreslosung denken: „Gott in der Höhe ist gewaltiger als die Stimmen großer Wasser, als die gewaltigen Wogen des Meeres“. Ich befürchte, ich muss noch oft in diesem Jahr auf sie zurückgreifen, um mich an ihr festzuhalten.

Was kann ich als machtlose Einzelperson tun? Nicht viel, ich sehe schon die Schulterzucker. Agnes Fazekas hat in ihrem Buch um jeden MENSCHEN, der etwas für MENSCHEN tun will, geworben. Sie hat von der Möglichkeit des „Couch-Surfens“, eine billige aber gängige Übernachtungsmethode, erzählt, vom Palästinamarathon, von den Kletterparks, die entstehen, von den Wanderwegen, die im Aufbau sind, von der großen Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen, die auf uns, auf das Geld, das wir ins Land bringen, angewiesen sind, wollen sie dort überleben. Sie sind darauf angewiesen, dass wir sie nicht vergessen. Man glaubt es kaum, man kann Urlaub machen in diesem Land, anstatt das Geld nach Malle zu tragen. Und sie hat von der einzigen Weberei erzählt, die noch Kufiyas, die traditionellen Kopftücher, herstellt. Alle anderen mussten aufgeben, waren den Billigimporten nicht mehr gewachsen. Die Weberei produziert am Rande des Existenzminimums mit nur noch 4 Maschinen, 2 Stunden am Tag. Man kann den Menschen dort am besten helfen, indem man ihnen hilft sich selbst zu helfen, ihre Wirtschaftskraft stärkt.

Ich kam auf die Idee, nach dieser Weberei, von der Agnes Fazekas erzählt hat, im Internet zu suchen und fand sie ( MADEinPALESTINE.de und Kufiya.org ). Ich habe 2 Tücher bestellt, obwohl ich genug Tücher habe. Es gibt sie mittlerweile in verschiedenen unverdächtigen Touristenversionen, die helfen, die Absatzzahlen etwas anzukurbeln. Die Bestellung wurde prompt bearbeitet und verschickt. Statt eines bestellten schwarz-weißen Tuches kam ein grün-weißes, die Olivenbäume von Kaubar symbolisierend. Ein schöner Gedanke, ein Gedanke der Hoffnung. Die flexible Tüte war mit einem Aufkleber verschlossen“ With love from Palestine“ und es lag ein Beipackzettel bei:

„Thank you for choosing Hirbawi, the original kufiya made in Palestine. With your purchase, you are contributing to keep the last kufiya factory in Palestine running its production and preserving a Palestinian tradition and symbol.
We kindly ask you to further recommend the original and traditional kufiya by purchasing your Hirbawi from our official partner online shops.”

Was ich hiermit tue. Und es ist hinzugesetzt:

“You are most welcome to visit us at our factory in Hebron”.

Agnes Fazekas: Insel ohne Wasser, Vogel ohne Flügel. Im Zickzack durch das Westjordanland. Dumont, 2015.

 Palestine Agnes Fazekas

Die Ägyptische Maria

Rainer Maria Rilke

Seit sie damals, bettheiß, als die Hure
übern Jordan floh und, wie ein Grab
gebend, stark und unvermischt das pure
Herz der Ewigkeit zu trinken gab,

wuchs ihr frühes Hingegebensein
unaufhaltsam an zu solcher Größe,
daß sie endlich, wie die ewige Blöße
Aller, aus vergilbtem Elfenbein

dalag in der dürren Haare Schelfe.
Und ein Löwe kreiste; und ein Alter
rief ihn winkend an, daß er ihm helfe:

(und so gruben sie zu zwein.)

Und der Alte neigte sie hinein.
Und der Löwe, wie ein Wappenhalter,
saß dabei und hielt den Stein.

Weihnachtsgeschichte!

In: Rainer Maria Rilke: Gesammelte Werke, Köln 2013, S.510

Gefangen in Dogmen

Lieber Luther,

wieso scheinen die Kirchen so unbeweglich, so starr und so tot? Sie sind Gefangene ihrer Dogmen. Diese knebeln sie so sehr, dass sie letzten Endes an ihre Selbstfesselung ersticken werden. Die Grundfrage dahinter ist: Lässt sich Gott und seine Allumfasstheit wissenschaftlich erfassen? Gefangen in Dogmen weiterlesen

Inneres und äußeres Wort

Hermeneutische Überlegungen zum Bibel- und Gottesverständnis.

Das äußere Wort ist nur der Teil des Gedachten, der den Weg in die Buchstaben gefunden hat. Es reflektiert niemals alles Gedachte, sondern enthält nur Fragmente des Verstandenen dessen, der spricht oder einen Text schreibt.

Der Verstehensprozess ist eine unendliche Aufgabe, da jedes Ding oder jeder Sachverhalt sich kontinuierlich in seinem äußeren und inneren Wesen verändert, so wie der Verstehende sich selbst kontinuierlich verändert.

Die Suche nach Verständnis ist der fortdauernde Versuch, ein Ding, einen Sachverhalt, zu Ende zu denken. Das augenblickliche Verstehen ist nur der Etappensieg zu einem ganz bestimmten Augenblick (nach Gadamer).

Sowohl der Schreiber als auch der Leser eines Textes unterliegen einem sich fortlaufend entwickelnden Verstehensprozess. Jeder Schreiber und Leser ist darin einzigartig.

Die Texte, die in der Bibel zusammengefasst sind, sind der Ausfluss eines Verstehensprozesses der jeweiligen Schreiber und stellen nur einen Teil deren Verstehens dar.

Der Leser unterliegt beim Lesen dem eigenen Verstehensprozess. Wie jeder einen Bibeltext zu einem bestimmten Zeitpunkt versteht, definiert sich aus dem augenblicklichen Status seines individuellen Verstehensprozesses.

Was jeder aus einem Bibeltext versteht, ist gespeist aus der individuellen inneren Verstehensquelle.

Die innere Verstehensquelle ist das „innere Wort“, gesprochen mit dem „Mund des Herzens“. Es ist ohne jeden Laut und hat ihren Ursprung in unserer untrennbaren Beziehung zu Gott:

Das Wort, das draußen erklingt, ist Zeichen des Wortes, das drinnen leuchtet (Augustinus).

Buchempfehlung zur Geschichte der Hermeneutik, ein wissenschaftliches Buch, aber trotzdem eingängig zu lesen: Karen Joisten: Philosophische Hermeneutik. Akademie Verlag. Berlin 2009.

Inneres Wort
Inneres Wort

Unterwerfung – Politik-, Gesellschafts-, Religionsversagen

Noch nie hat mir ein Buch so Angst gemacht, wie der im Januar diesen Jahres erschienene Roman von

Michel Houellebecq: Unterwerfung, 3.Aufl., Dumont, 2015.

Er beschreibt ein Schreckensszenario. Kein Autor, so schreibt die FAZ, hält der offenen Gesellschaft ihre Albträume so schonungslos vor wie er.

Houellebecq nimmt die gegenwärtige Völkerwanderung vorweg und beschreibt ein Szenario ihrer möglichen politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen im Jahr 2022. Er beschreibt gnadenlos das Politik- und Gesellschaftsversagen, das Versagen der Intelligenz, das Versagen der christlichen Religionen, die kampflose Freigabe des abendländischen Wertesystems, das sich selbst aufgibt und nur noch dem materiellen Individualismus lebt. Er beschreibt die Käuflichkeit des Bildungsbürgertums. Er beschreibt, wie wenig es braucht, um dem europäischen, christlich geprägten Wertesystem den endgültigen Todesstoß zu versetzen. Unterwerfung – Politik-, Gesellschafts-, Religionsversagen weiterlesen

Kirchen – Herrschaft

Lieber Luther,

schon lange habe ich kein Buch mehr von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, da man in der Regel nach 120 Seiten die Argumentationsketten des Autors verstanden hat und sie nicht noch in zig Wiederholungen lesen muss. Nicht so bei diesem Buch:

Bart D.Ehrman, Jesus im Zerrspiegel, Die verborgenen Widersprüche in der Bibel und warum es sie gibt. Gütersloh, 2010.

Obwohl von einem Wissenschaftler geschrieben, ist es verständlich. Es beschreibt und macht die Widersprüche im Neuen Testament dem nicht theologisch gebildeten Menschen in der führenden historisch-kritischen Sichtweise offenkundig. Alles nichts Neues, jeder Theologe, jeder Pastor, müsste den Inhalt kennen. Von den Kanzeln kommt nichtsdestotrotz die orthodoxe Lehre, nach dem Motto: Augen zu, Ohren zu, damit ich nicht all die kritischen Fragen, die daraus entstehen und auf die ich keine Antwort habe, beantworten muss. Kirchen – Herrschaft weiterlesen

Der Herr ist mein Hirte, oder: Sesselpupser

Seit Jahren habe ich keinen Roman gelesen,
nur Sachliteratur.
Nun ist mir ein Buch in die Hände gefallen,
ein Roman:
„Das Lied des Hirten“.

So richtig weiß ich nicht,
was ich davon halten soll,
amerikanischer Kitsch
und doch…

… doch weiß ich,
dass die Wege des Hirten so sind,
dass wir dazu neigen,
„Zufall“ zu nennen,
was kein Zufall ist.

Szenenwechsel:
Das (Arbeits-)Leben fordert seinen Tribut.
1 Toter,
1 Schlaganfall
einer im Krankenhaus, Der Herr ist mein Hirte, oder: Sesselpupser weiterlesen

Nimm den Eimer

Hilde Domin

Nimm den Eimer
trage dich hin
Wisse du trägst dich
zu Dürstenden

Wisse du bist nicht das Wasser
du trägst nur den Eimer
Tränke sie dennoch

Dann trage den Eimer
voll mit dir
zu dir zurück

Der Gang
hin und her
dauert ein Jahrzehnt

(Du kannst es fünf- oder sechsmal tun
vom zwanzigsten Lebensjahr an gerechnet)

in: Hilde Domin: Sämtliche Gedichte, 4.Aufl 2010, S.259

Gefängnislicht

Das Gefängnis, in dem man sitzt, kann ein reales sein, Lebenswelten, Arbeitswelten, aber auch die Gedanken, in denen man gefangen ist. Letzteres ist oft noch einengender als nur räumliche Unfreiheit. Das Sichtbare ist fassbar, das Unsichtbare nicht. Wie kann man auch im Gefängnis frei sein, leben? Kann man das lernen? Bei einem anderen abschauen?

„Wenn man Gefangener ist, weiß man nichts, ist man sich über nichts sicher. Gerade das macht das Gefängnis aus. Man hat das Vertrauen verloren. Es ist mit einem Schlag abgeschnitten. Man findet sich in einer schrecklichen Welt wieder, in der nicht mehr Bestand hat, in der das einzig gültige Gesetz von Menschen gemacht ist. Und plötzlich begreift man, dass von allen Gefahren des Universums der Mensch die schlimmste ist“. Gefängnislicht weiterlesen

Grenzüberschreitungen

Lieber Luther,

mitten in meine Erstarrung und Lesehemmung hinein ist mir ein Büchlein zugeflogen, über „Grenz-Gängerinnen“. Es handelt von vier Frauen, den vier Frauen aus dem Stammbaum Jesu. Das vermochte mich nun doch zu locken.

Wieso sind bei Matthäus (nicht bei Lukas) diese Frauen erwähnt? Wieso überhaupt Frauen, die Handelsware in damaliger Zeit? Es ist Tamar, Rahab, Ruth und Bathseba. Was soll uns das sagen? Welcher Gewinn sind sie mir heute noch?
Alle vier Frauen sind tief ins Leben verstrickt, so wie Leben spielt, auch heute noch: Verrat, Vergehen, Täuschung, Enttäuschung, Lüge, Unrecht, Verlassenwerden, Verlassenheit, Ehebruch, bis hin zu Mord. Beteiligt daran, Ursache, Verursacher, Versucher, Auslöser sind Männer. Es sind Gottes Männer, die tief menschlich sind und – wie alle Menschen – gute und böse Züge haben. Alle stehen trotz ihrer teilweise bösen Taten in der Ahnenreihe Jesu.

David ist der Hervorstechendste unter ihnen. Seine Frau, ist eigentlich „die des Urija“. Er lässt Urija in einem Auftragsmord beseitigen, um zu verbergen, dass Batscheba schwanger von ihm ist. David, der Psalmschreiber, der Schöngeist. Er erliegt den weiblichen Verlockungen, dem Allzumenschlichen. Er kann dem Versucher nicht widerstehen und übertritt die Gesetze, die er gut kennt. Das erste Kind, während des Ehebruchs gezeugt, stirbt. Batscheba weiß es von vornherein, David erdrückt fast der Schmerz um das Kind. Da kommt Nathan, der weise Prophet und öffnet David die Augen für sein Unrecht. Jetzt erst erkennt es David. Er betet, bereut ehrlich und Gott verzeiht. Erst jetzt findet er zurück ins Leben. (2. Samuel 11-12)

Weiter zurück, Rut. Sie heiratet einen Einwanderer. Als alle Männer der Familie sterben, ist das Unglück groß bei den drei verwitweten Frauen. Als Witwe hatte man nichts mehr vom Leben zu erwarten. Die Schwiegermutter, Noemi, die Liebliche, gibt nicht auf, sondern handelt. Sie entschließt sich, in ihre Heimat zurückzukehren, in der Hoffnung, ein Überleben bei der Verwandtschaft zu finden. Rut geht mir ihr, aus ihrer Heimat in die Fremde, wie zuvor ihre Schwiegermutter. Sie sagt „dein Gott ist mein Gott“. Eine unendlich lange Reise in damaliger Zeit, noch dazu zwei Frauen ohne männlichen Schutz. Sie haben Mut, die zwei Frauen, unendlich viel Gottvertrauen und sie haben Glück. Bòas, ein angesehener Verwandter, stellt sie unter seinen Schutz, verliebt sich in Rut und nimmt sie schließlich zur Frau. Eine wunderschöne, poetische Geschichte mit Happy End nach viel Leid, Entbehrung, Strapazen, Angst. Die beiden Frauen vertrauen in Demut auf Gott und Gott nimmt sie bei der Hand und führt sie einen weiten Weg nach Hause. (Ruth 1-4)

Die Geschichte der Rachab, einer Tempeldirne, beginnt mit Verrat. Sie verrät ihr Volk, die Bewohner von Jericho, und trägt damit zum Fall Jerichos bei. Die Israeliten stehen vor den Toren, Kundschafter haben sich eingeschlichen und werden gesucht. Rachab versteckt sie, belügt die eigenen Leute und lässt sie nachts über die Stadtmauer entkommen. Wieso tut sie das? „Ich weiß, dass der Ewige euch dies Land gegeben hat.“ Sie beruft sich auf Gott. Ihm allein fühlt sie sich verantwortlich und handelt entsprechend. Auch sie ist äußerst mutig. Zum Dank wird sie beim Fall Jerichos verschont. Sie wird die Frau von Jehoschùa und damit eine Ahnin von Jesus. (Josua 2)

Schließlich Tamar, die Frau, die den Söhnen des Juda den Tod brachte und deshalb von Juda aus der Familie verstoßen wurde, zurückgeschickt zu ihrer Familie. Eine Katastrophe für Tamar in damaliger Zeit. Recht- und schutzlos war sie dadurch geworden. Doch Tamar weiß sich zu wehren. Sie verdingt sich als Zonàh, als Hure, und als Juda des Weges kommt, setzt sie sich in Positur. Juda kommt nicht an ihr vorbei. Sie verlangt ein Pfand von ihm: Siegelring, Richterschnur und Hirtenstab, die ganzen Insignien seiner Macht. Und, kaum zu glauben: Er gibt sie ihr, liefert sich aus. Tamar, die sich nicht zu erkennen gab, wird schwanger. Ein weiteres „geht gar nicht“ in ihrem Leben. Juda hört, dass seine Schwiegertochter schwanger ist und will sie zur Rechenschaft ziehen. Tamar zieht ihren Trumpf aus der Tasche: Siegelring, Richterschnur und Hirtenstab. Juda sieht sein hässliches Gesicht im Spiegel. Er lenkt ein: „Lasst sie. Wahrlich , sie ist eine Gerechte! Sie ist im Recht gegen mich.“ Sie ist schön, so nimmt er sie zur Frau und hilft ihr aus der Not, in die er sich gleich doppelt gebracht hat (1. Mose 38)

Alle vier Geschichten sind Geschichten der Bewegung, der Umkehr von Unrecht in Recht: Juda und David sehen ihr Unrecht an den Frauen ein, sie bereuen und kehren um zu den Frauen und damit zu Gott. Noemi, Rut und Rachab brechen auf im Vertrauen auf Gott. Für alle ist ein Weg zu Ende und fängt ein neuer an. Der Weg ist steinig, Unglück, Not, Angst und Bedrängnis säumen die Wegränder. Es kommen aber alle an. Keine der Frauen gibt auf. Gott ist ihnen Stecken und Stab, der einzige, auf den sie sich wirklich verlassen können.

Das Verwunderliche ist, dass aus so viel Not, Elend, Vergehen und Sünde Menschen hervorgegangen sind, die zu Jesus hinführen. Zu demjenigen, der allein ohne Sünde ist. Das ist eine starke Botschaft, die uns heute auch noch betrifft, eine Botschaft, die klärt.

Genau deshalb stehen die Frauen bei Matthäus in Jesu Stammbaum. Jesus ist körperlich aus einer Frau hervorgegangen. Frauen haben ihren Platz bei Gott und er sorgt für sie, in allem Unglück. Die Zahl vier meint in der biblischen Zahlensymbolik die Vollständigkeit der Schöpfung. Nur mit Männern und Frauen ist die Schöpfung vollkommen, wenn auch nicht vollkommen nach Gottes Recht. Vollkommene unvollkommene Schöpfung, eine ewige Dialektik. Genau das zeigen uns die vier Geschichten.

Wie unvollkommen wir auch sind, sofern wir ehrlich unsere Vergehen vor Gott bekennen, solange wir umkehren, solange wir uns wieder dem anderen zukehren können, bei allem Unrecht, das zwischen Mann und Frau geschehen kann, wie die Geschichten zeigen, solange verzeiht Gott und nimmt uns bei der Hand. Die Geschichten dieser Frauen zeigen, menschliches Leben hat oft mit Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen zu tun, ist oft grenzwertig. Opfer sind wir alle, unserer selbst und des anderen. Und das Wunderbare daran ist: Es kommt trotz allem immer neues Leben hervor. Das Leben siegt. Gerade deshalb stehen hierfür auch diese Frauen in Jesu Stammbaum.

Lieber Luther, das tröstet ungemein. Wenn ich all diese Prüfungen sehe, die diese Frauen – und in ihrem Gefolge auch die mit ihnen verbundenen Männer – über sich ergehen lassen mussten, wenn ich sehe, wie sie immer wieder die Kraft gefunden haben, aufzustehen und weiterzugehen, dann färbt etwas von ihrer Kraft auch auf mich ab. Über Jahre sind sie weitergegangen, auch wenn es geschmerzt hat, auch wenn sie zwischendurch gefallen sind, im festen Vertrauen auf Gott. Gott ist mit den Sündern. Gott gibt den Sündern Kraft, Einsicht und Wegweisung. Manchmal ist dazu auch – oder gerade – eine Grenzüberschreitung notwendig. Aufmachen und umkehren müssen immer alle Beteiligten, auch das zeigen diese Geschichten.
Passt irgendwie zur Losung heute. Muss in der Luft liegen.

In diesem Sinne,
Herzliche Grüße

Deborrah

PS: Das Buch, das mir den Impuls gab: Elsbeth Weymann: Grenz-Gängerinnen. Die Frauen im Stammbaum Jesu. Urachhaus. 2007