Vertraue und bete

Mensch, wie wankst du in der tobenden See.
Schlimme Bilder tauchen vor dir auf.
Lässt du dich von Verführern verführen?
Wahrheit oder falscher Schein?
Mensch, wie wankst du in der tobenden See.
Du bist in Gefahr,
dein Schiff droht zu sinken,
wo ist der Rettungsanker?
Mensch, wie wankst du in der tobenden See.
Du treibst im Sturm,
drohst zu erfrieren oder zu ertrinken.
Oder übersiehst du etwas?
Mensch, wie wankst du in der tobenden See.
Wem traust du?
Wem folgst du?
Oder einfach nur die Augen verschließen?
Mensch, wie wankst du in der tobenden See.
Hast du vergessen, dass Jesus mit im Boot ist?
Er gebietet dem Sturm.
So vertraue und bete.

Wie eh und je

Schaff uns Beistand in der Not; denn Menschenhilfe ist nichts nütze.
Psalm 60,13
Schau dich um in der Welt,
wie sich deine Schöpfung zeigt,
was deine Schöpfung anrichtet.
Mord und Totschlag.
Wie eh und je.
Das Herz mag weinen,
Völkermorde verhindern können wir nicht.
Zu machtlos,
zu mutlos sind wir alle.
Wie eh und je.
Was wir vermögen,
ist zu beten,
dich in der Not anzurufen.
Das vermag jeder von uns,
darin ist jeder von uns höchst wirksam.
Wie eh und je.
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Friedensgebet

Mein Gott,
unser aller Gott,
sei mit denen,
die leiden,
körperlich, seelisch,
die unter anderen leiden,
denen Unrecht geschieht.
Sei jetzt, in diesem Augenblick, mit ihnen.
Begleite sie durch ihren Schmerz hindurch,
hilf tragen, wenn er zu schwer wird.
Sei vor allem bei denen,
die Leid und Schmerz zufügen.
Gebe ihnen Einsicht und
lass sie umdrehen.
Jetzt.
Überall in dieser kriegerischen Welt
und unabhängig von der Religion.
Sei du mit ihnen, du Weltumspanner,
gebe ihnen inneren Frieden,
nur dann kann äußerer Friede werden.
Amen.


In seinem Namen

Unsre Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. 
Psalm 124,8
Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn,
auf allen Stufen unserer Lebens-Wallfahrt.
Er bekennt sich zu uns und hilft.
In seinem Namen klingt unser Name auf,
in unserem Namen klingt sein Name auf,
in seinem Namen.
Bekennen wir.

Tempel

Gott, wir gedenken deiner Güte in deinem Tempel. 
Psalm 48,10
Dein Tempel, o Gott.
Er ist in jedem von uns.
Nur manchmal können wir ihn nicht erkennen,
weil wir blind sind.
Und manchmal wollen wir ihn nicht erkennen,
weil wir fremde Götter anbeten.
Gut ist, dass dein Tempel besteht in Ewigkeit,
so dass in ihm auch Leben ist,
wenn wir wie tot sind.
Du hörst uns auch,
wenn wir nach dir ins Nichts rufen.

Engel der Finsternis, Engel des Lichts

Wenn der Engel der Finsternis erscheint,
wird es dunkel in mir,
weint mein inneres Kind.
Tränen des Schmerzes,
Tränen der Verletzung,
Tränen der Angst.

Wenn der Engel des Lichts erscheint,
wird es hell in mir,
lacht mein inneres Kind,
erhebt sich meine Seele,
freut sich an dir und
sieht das Leben mit einem zärtlichen Blick.

Der Engel der Finsternis
und der Engel des Lichts sind da,
wie die Nacht und der Tag,
der Westen und der Osten,
die Finsternis und die Sonne,
wie Gottes Stirnrunzeln und Gottes Licht.

Sie sind wie Geschwister.
Und fliehen verzagt und
hüpfen freudig
ihrem Vater und
Ihrer Mutter
In die Arme.

Licht durchbricht die Finsternis

Licht

Fruchtbares Land

Es gibt sie,
die Orte,
an denen sich Himmel und Erde auftun.
Heilige Orte.
Oft sind es Orte der Tränen,
Galgenberge, Schragenberge.
Scheinbar unscheinbar
Und doch verweilst du.
Du siehst, was nicht offensichtlich ist.
Diese Orte verlieren ihr Gedächtnis nicht.
Sie erzählen von den Menschen,
von der Trauer, vom Leid.
Und plötzlich verstehst du,
was du bisher nicht verstanden hast.
Genau dies hier
ist fruchtbares Land.
Gesättigt
stehst du auf,
gestützt auf deinen Pilgerstab,
und gehst weiter.
Fruchtbares Land

Von der Blindheit zum Sehen

Lieber Luther,
der letzte Brief, den ich dir schrieb, handelte von Blindheit. Von der Blindheit des Tilmann Moser und auch von einer partiellen Blindheit des Predigers. Es erfüllt mich mit einer gewissen Ehrfurcht und Andacht, dass es im Predigttext dieses besagten Sonntages um die Heilung eines Blinden ging (Joh 9, 1-7). Das ist in meinem letzten Brief ganz unter den Tisch gefallen und fällt mir gerade ins Auge.
Um das gleiche Thema geht es nämlich auch im heutigen Predigttext (Mark 8, 22-26). Dass es heute schon wieder um eine Blindenheilung geht, auch das erfüllt mich mit Ehrfurcht und Andacht. Es geht – man höre – um einen 2-Stufen-Heilungs-Plan. Gott ist im täglichen Leben sehr präsent.
Wieso tut Jesus gerade an Blinden so viele Wunderheilungen? Für was stand die Blindheit? Was war die Botschaft dahinter? Was sagt uns das heute noch?
Blindheit war schon zu Jesu Zeiten und ist auch heute noch die Volkskrankheit Nr. 1. Wir sind blind gegenüber den Nöten und Bedürfnissen unserer Mitmenschen, wir verschließen die Augen vor so vielem, bei dem wir hinschauen sollten, wir sind manchmal blind vor Zorn. Blind sind wir auch Gott gegenüber, können sein Wort nicht lesen oder ihn nicht sehen.
Oft ist so viel Finsternis in uns und um uns herum, dass wir nur noch im Dunkeln tappen.
Die schlimmste Art der Blindheit ist aber ein blindes Herz. Jesus ist gekommen, um
den Armen das Evangelium zu verkünden,
die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind,
den Gefangenen zu predigen
den Blinden ein „Gesicht“ zu geben (Luk 4, 18),
d.h. die Blinden sehend zu machen, sie aus ihrer Gefangenschaft in der Dunkelheit zu befreien, ihre verletzten Herzen zu heilen, durch sein Wort, durch das Evangelium, Gott in ihm selbst ein Gesicht zu geben, damit wir sehend werden, ihn ansehen können und er uns. Denn ein Blinder kann keinem Blinden den Weg weisen, sie fallen gemeinsam in die Grube ( Lukas 6, 39). Solange die Menschen blind sind, finden sie nicht zu Gott. Grab anstatt Auferstehung, Dunkelheit anstatt Licht, Verirrung anstatt Nachfolge.
Bei der Heilung des Blinden bei Jericho entwickelt sich folgender Dialog:
Jesus fragt den Blinden: Was willst du, dass ich dir tun soll?
Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde.
Jesus aber sprach zu ihm: Gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen. Und alsbald ward er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege. (Mark 10, 46-52).
Sein Glaube hat ihm geholfen, er ward sehend und folgte nach. Damit ist im Prinzip alles gesagt. So geht es. Dein Glaube hat dir geholfen, hat dich heil gemacht, geh den Weg, den du jetzt siehst.
Ins Auge sticht in der Heilungsgeschichte in Markus 8, dass Jesus zwei Anläufe zu brauchen scheint, um dem Blinden die Augen zu öffnen. Wie auch schon in der Geschichte in Joh 9 heilt Jesus auch hier zunächst mit Spucke. Spucke steht hier für sein lebendiges Wasser, sein Heilwasser, das die Dunkelheit hinwegschwemmt. Aber, was sieht der Blinde: „Ich sehe die Menschen, denn ich sehe sie wie Bäume umhergehen.“ (Mark 8, 24, nach Elberfelder Übersetzung). Das ist der entscheidende Satz in dieser Geschichte.
Der Blinde sieht viele verschiedene Arten von Menschen. Der Baum steht für den Menschen in seinem natürlichen Wachstum. Es gibt kleine und große Bäume, unscheinbare und hervorstechende, schwache und mächtige, Bäume die von innen her faulen und Bäume, die von Schädlingen befallen sind. Manche Bäume nehmen den anderen das Licht, andere wiederum gedeihen im Schatten von größeren Bäumen. Manche Bäume passen gut zusammen, manche können nicht miteinander gedeihen, manche wachsen schnell, manche langsam. Bäume brauchen unterschiedlichen Nährboden und sie gedeihen nur in einem bestimmten Klima. Manchen Bäumen reichen flache Wurzeln, manche haben tiefe Wurzeln. Es gibt Nadel- und Laubbäume, Bäume, die sich gegenseitig befruchten, unfruchtbare und fruchtbare Arten.
Der Baum ist in der Geschichte ein Bild für den Menschen in seiner Vielgestaltigkeit. Der Blinde, den Jesus heilt, sieht zunächst vor lauter Bäumen nicht diejenigen, die auf Gottes Acker wachsen, die für ihn fruchtbaren Bäume. Er muss sich an sein Sehen erst gewöhnen, er muss erst lernen zu sehen. Er weiß nicht, an wem er sich orientieren soll. Ihm ist seine Blindheit zwar genommen, aber noch kann er nicht klar erkennen, welcher Baum für ihn gut ist und welcher nicht. Er sieht, aber er kann nicht einordnen, sieht nicht hinter die Fassade, er sieht die Oberfläche, nicht in die Herzen und nicht mit dem Herzen. Er spürt aber, dass das nicht alles sein kann. Jesus erkennt das an der Art der Antwort, die der Blinde auf seine Frage gibt, ob er etwas sähe. Der Blinde scheint sich zu wundern.
Offensichtlich gibt es unterschiedliche Arten von Sehen: eine oberflächliches und ein tiefer gehendes, unscharfes und klares Sehen. Sehen hat immer zwei Seiten: der der sieht und der der angesehen wird. Der Blinde sieht selbst noch nicht klar und sieht auch diejenigen, die er ansieht, nur undeutlich.
Deshalb geschieht eine zweite Heilung. Jesus legt also dem Blinden ein zweites Mal die Hände auf die Augen, um diesen Grauschleier von seinem innren und äußeren Auge zu nehmen. „und er sah deutlich und ward wieder hergestellt und sah alles klar.“ Es ist ein doppeltes Heilungsgeschehen, zwei Stufen, nach innen und außen gewendet, der Sehende lernt wie man mit dem inneren Auge sieht und die zu sehen, die er ansieht.
Erst jetzt ist er wirklich sehend. Er war wieder hergestellt heißt, er ist wieder in seinem Urzustand, er ist heil, gesund, die Krankheit, die innere Blindheit ist von ihm gewichen und erst durch die zweite Heilung war er auch in Gottes Klarheit gekommen. Er konnte Jesus ins Gesicht schauen und die Bäume, die Menschen, in all ihren Unterschieden erkennen, in ihrem unterschiedlichen natürlichen Wachstum.
Lieber Luther, eine tolle Geschichte, ich bin ganz begeistert. Das Alte und Neue Testament berichtet viel von Blindheit, geheilte und ungeheilte. In dieser Geschichte wird klar, wieso für Jesus die Heilung von Blinden so wichtig ist, wieso er sich so um sie kümmert, so oft an ihnen Wunder tut. Er will damit sagen: So handele ich an euch. Ich heile euch, ich mache euch sehend, seht was ich vermag, lasst euch von mir anrühren, macht die Augen auf, dann seht ihr klar.
Aber, lieber Luther, manchmal sind wir alle Blindschleichen. Dann sollten wir uns von Jesus in die Augen spucken lassen. Aber nicht zwinkern, damit es nicht daneben geht. Ja, Gott ist im täglichen Leben sehr präsent, ob wir ihn sehen oder nicht.
Herzliche Grüße

Deborrah

Von Gott erzählen

Wer kann die großen Taten des HERRN alle erzählen und sein Lob genug verkündigen?
Psalm 106,2

Es gab große Verkünder
von den großen Taten des Herrn.
Sie stehen alle in der Bibel.
Auch danach gab es viele.
Benedikt von Nursia,
Luther, Teresa von Avila,
Heinrich Seuse, Johannes Tauler,
Dietrich Bonhoeffer. Ein Übersetzer.

Das sind so meine Favoriten.
Alle betrachteten ihre Zeit als mehr oder minder gottlos.
und sie waren einigermaßen verzweifelt darüber.
Es gab ihnen aber auch Ansporn,
nicht nachzulassen
von den großen Taten des Herrn zu erzählen.

Wir sollten uns von ihnen ermutigt fühlen.
Wenn nur ein Körnchen auf fruchtbaren Boden fällt,
so hat es sich gelohnt
zu erzählen von den großen Tagen des Herrn.

Ich will

Das soll mein Ruhm und meine Wonne, mein Preis und meine Ehre sein unter allen Völkern auf Erden, wenn sie all das Gute hören, das ich Jerusalem tue. 
Jeremia 33,9
Das Gute,
das ich euch tue:
ich will heilen alle Wunden, die ihr euch gegenseitig geschlagen habt.
Ich will euch reinigen vom Bösen und euren Abgründen.
Ich will Wahrheit und Frieden bringen.
Ich will euch gerecht machen.
Ich will, dass ihr wieder so unschuldig wie zu Anbeginn werdet.
Zu meinem Ruhm,
zu meiner Ehre,
zu meiner Freude.
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Leben nach dem Tod

Horche in dich hinein.
Was weißt du?
Was weißt du ganz sicher?
Wo hast du keinen Zweifel?
Keine Wissenschaft kann erklären,
was du weißt, und wieso du gerade das weißt,
was du weißt.
Was du weißt,
macht dich einzigartig.
Es gibt keinen Zweiten,
der weiß,
was du weißt.
Was du weißt,
hat einen Anker,
einen Ursprung.
Dieser Ursprung ist dein Schöpfer.
Deshalb wird bleiben,
was du weißt,
auch wenn dein Körper vergeht.
Das ist Leben nach dem Tod.
Das, was du weißt,
wird bleiben.
Und du wirst erkennen,
dass du du bist.
Baum des Lebens

Psalmodie

In Psalmen erklingt das Leben.
Mit seiner Freude,
mit seinem Leid.
In Psalmen bete ich,
in Psalmen bitte ich,
In Psalmen lobe ich den Herrn.
In Psalmen singe ich Gott ein Lied,
meine Seele schwingt sich ihm entgegen
und er fängt sie auf.
Ich möchte gar nicht mehr aufhören zu singen.

Boten

Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. 
Maleachi 3,1
Das ist so eine Sache mit den Boten.
Sie werden gesehen oder übersehen,
ernst genommen oder auch nicht,
für verrückt erklärt oder für skurril
oder gar geköpft.
Wer ist dein Bote, o Herr, in heutiger Zeit?
Schärfe unsere Augen,
Öffne unsere Ohren,
Weite unsere Herzen.
Lass uns erkennen.

Gottesvergiftung

Lieber Luther,
heute schreibe ich dir über ein Thema, das dein Leib und Magen-Thema ist, nämlich Sünden.
Vor ein paar Wochen wurde im Sonntagsgottesdienst ein Wort gebraucht, das mir jedes Mal, wenn es fiel, einen Stich gab. Meine ganze Person weigerte sich, dieses Wort in mich einfließen zu lassen. Wie das so ist, ließ es mir aber keine Ruhe, und als geübter Googler fand ich es schließlich im Internet wieder: Gottesvergiftung, hieß dieses Wort, in einem Gotteshaus in einem Gottesdienst mehrmals gefallen. Ich habe auch den Autor dazu gefunden, der dieses böse Wort in die Welt gesetzt hat: Tilmann Moser. Er wurde auch im Gottesdienst erwähnt, vor Schreck habe ich mir den Namen aber nicht gemerkt.
Im ersten Affekt wollte ich dir sofort schreiben, weil alles in mir sich dagegen aufgelehnt hat. Aber: Ich habe mich dann entschieden, mich zuerst damit auseinanderzusetzen, und nicht dem ersten Impuls zu folgen.
In den 10 Geboten heißt es: Du sollt den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht (2.Mos 20, 7). Das schoß mir sofort durch den Kopf, als ich dieses unselige Wort zum ersten Mal von der Kanzel auf mich zurollte und mich überfuhr.
Was hat es nun damit auf sich? Zusammengefasst handelt es sich um das Werk eines religiös pubertären 30jährigen. Er schlägt auf Gott ein, meint aber sein gesellschaftlich-familiäres Umfeld. Anstatt mit seiner Familie, rechnet er mit Gott ab. Religiosität gehörte zur Familientradition, Pfarrer säumten den Familienstammbaum. Gott wurde als Drohmittel eingesetzt, Sündenängste aufgebaut. Das Kind nahm Schaden und wollte den ihn bedrohenden Gott loswerden. Das ist Zweck des Buches „Die Gottesvergiftung“. Nur, ist Gott dafür verantwortlich?
Mir selbst ist das völlig unbekannt. Mein Großvater vermittelte mir, bis zu seinem Tod, das Bild des guten Hirten. So sehe ich Gott heute noch. Nach dieser kurzen Zeit mit ihm bin ich sozusagen gottlos aufgewachsen. Gott war in unserer Familie quasi nicht existent. Kleine Sünden bestrafte bei uns das Leben, nicht Gott. Im besagten Gottesdienst hörte ich es zum ersten Mal in dieser Version. In meiner Konfirmandenzeit fing ich an, Gott aktiv zu suchen, ich spürte ihn, aber den Türöffner habe ich nicht gefunden, auch niemand, der mir die Tür aufgemacht hätte. Mit (Jugend-)Kirche konnte ich nichts anfangen. Ich befürchte, ich ringe immer noch mit ihr. Ich habe dir schon mehrfach davon geschrieben und vielleicht ist dieser Brief an dich ein Teil davon. Aber, solange man ringt, lebt die Beziehung noch. So hat es noch weitere Jahrzehnte gedauert, bis ich das Schloss, das mir die Tür zu Gott öffnete, endlich fand und Menschen, die mich dabei begleiteten.
Ich komme quasi von der entgegengesetzten Richtung, die Tillmann Moser beschreibt. Ich hatte eher ein Zuwenig an Gott, denn ein Zuviel. Vielleicht erklärt es meinen Hunger nach ihm und auch, wieso sich alles in mir gegen dieses gottlose Wort sträubt. Gottesdienst ist Dienst an Gott und nicht Verunglimpfung. Wie kann man Gott und Vergiftung zu einem Wort zusammenziehen? Mir tut dieses Wort innerlich weh, es kommt mir, wenn auch schwer, zwar über die Tastatur, aber nicht über die Lippen.
Zurück zu Tillmann Moser. Er kam von seinem Thema, obwohl er nach wie vor verkündet, er brauche Gott nicht mehr, dennoch nicht los. Fast 30 Jahre später hat er ein weiteres Buch über einen „erträglichen“ Gott geschrieben. Er ist Psychoanalytiker und hat im Umgang mit Pfarrern und in der täglichen Arbeit in seiner Praxis dazugelernt. Er versucht, seine Patienten über eine mögliche Gottneurose hinweg zu helfen, lässt ihnen aber Gott oder bestärkt sie gar in ihrem Glauben, da wissenschaftlich erwiesen ist, dass gläubige Menschen körperlich und seelisch gesünder sind.
Von der Seite kommend, kann er Gott wieder akzeptieren. Wie einen Kollegen, der hilft, seine Patienten zu heilen. Als glaubender Mensch kann man darüber schmunzeln.
Seine Analysen brachten ihn zu einem Wort, mit dem ich sehr viel anfangen kann: Andacht. Andacht ist für ihn ein feierlicher Zusammenhang, der durch starke Bilder, Musik oder andere Wahrnehmungen ausgedrückt wird. Er kommt zu einem für ihn erstaunlichen Ergebnis: „Es gehört wohl unabdingbar das Moment eben jener rätselhaften Verknüpfung von Selbst und Kosmos oder höherer Macht hinzu, das in gesteigerten Momenten in mystische Erfahrung übergehen kann.“ (S30). Diese Fähigkeit zur Andacht, die in jedem Menschen liegt, kann etwa durch bedrohliche Bilder, einen bloßen Richtergott oder durch die Sündenbedrohung bei einem Kind verletzt oder ganz beschädigt werden. Damit sind wir beim Glauben und beim missbrauchten Glauben.
Lieber Luther, so habe ich den altersweisen Tillmann Moser doch noch mit Gewinn gelesen und sein Bericht über einen Workshop mit Pfarrern liest sich amüsant, ist aber auch lehrreich und gibt tiefe Einblicke in Pfarrerseelen und ihre Zwiespalte.
Allerdings den Jüngern zu unterstellen, sie litten unter einer Gottesvergiftung, weil sie Jesus fragten, ob der Blinde blind sei, weil er oder seine Eltern gesündigt haben (Joh 9, 1-7), halte ich für abwegig. Die Jünger waren theologisch noch jungfräulich, sie waren einfach lernbegierig und haben den Meister direkt gefragt. Dazu war er da. Die Sündentheologie ist Theologie und kam später auf. Was ist das für eine Botschaft an eine sowieso schon glaubensmäßig unsichere Gemeinde? Wenn schon die Jünger und späteren Apostel an dieser Krankheit litten, wie schwer muss ich dann krank sein?
Ich bleibe dabei, dieses Wort gehört nicht in ein Gotteshaus. Man kann von missbrauchter Andacht, von missbrauchtem Glauben reden, um Ängste zu nehmen und Missbrauch anzusprechen. Aber immerhin: Durch dieses böse Wort habe ich mich mit diesen negativen Aspekten von Glauben auseinandergesetzt. Es ist ja nicht der Glaube, es sind – wie immer – die Menschen, die in diesem Fall im Glauben fehlen.
So sollte es wohl so sein, dass dieses Wort in diesem Gottesdienst gefallen ist. Für mich ist nichts Zufall und damit bin ich auch mit diesem Gottesdienst versöhnt.
Sündenbedrohung von Menschen an Menschen hat übrigens, lieber Luther, nichts damit zu tun, dass Gerechtigkeit und Recht die Stützen Gottes sind. Er nimmt große und kleine Sünden nicht einfach hin. Ansonsten machen große Teile der Bibel keinen Sinn. Alles was von Geboten und Recht handelt, bedarf eines Richters. Er wägt ab und fährt durchaus auch dazwischen, nach seinem Maß. Aber das hat etwas Reinigendes, Befreiendes, manchmal auch subjektiv Bedrohliches, wenn man nicht lassen will, was man lassen soll, aber es dient immer unserer Befreiung, nicht unserer Einschüchterung oder gar Bedrohung. Das wäre eine ziemliche Fehlinterpretation. Man sollte nicht von einem Extrem in das andere verfallen, da geht man fehl.
Herzliche Grüße
Deborrah
Tillmann Moser: Gottesvergiftung, Frankfurt 1980.
Tillmann Moser: Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott. Psychoanalytische Überlegungen zur Religion. Stuttgart 2003.

Maria Himmelfahrt

Liebe Maria,
obwohl wir uns erst kürzlich gesehen haben, schreibe ich dir aus besonderem Anlass heute nochmals: Heute ist dein Hochfest, Mariä Aufnahme in den Himmel heißt es offiziell oder auch einfacher im Volksmund: Maria Himmelfahrt.
Das ist schon ein besonderer Augenblick für jeden Menschen, denn Mensch warst auch du. Du hattest ein schweres Leben. Schwanger, ohne verheiratet zu sein, bist am Pranger gestanden, Hohn, Spott und Verachtung ausgesetzt. Gut, dass Joseph zu dir gehalten hat. Dann diese entwürdigende Geburt, im Stall, unterwegs, ohne Hilfe von erfahrenen Frauen, nur mit dem hilflosen Joseph als Unterstützung.
Schon am Tag seiner Geburt waren Häscher hinter dem Kind her. Sicherheitshalber seid ihr mit dem Kind nach Ägypten geflohen. Strapazen und Entbehrungen, Hunger, Durst, Armut. Ja, dieses Kind war anstrengend. Du magst manches Mal mit deinem Gott gehadert haben.
Dann dieses Kind, das immer etwas Besonderes war. Neunmalklug hattest du von Kindesbeinen an einen schweren Stand bei ihm. Er wusste immer alles besser. Und trotzdem ging etwas von ihm aus, das dir gesagt hat, dass eine tiefe Wahrheit und Gerechtigkeit in diesem Kind ist.  Etwas, das man als Mutter spürt und weiß, aber nicht benennen kann. Trotz aller Kapriolen, das es geschlagen hat, ging von diesem Kind etwas Verlässliches aus, etwas das einem in aller Unsicherheit Sicherheit gab, unbenennbares Wissen.
Die paar Jahre, als er durch die Gegend zog und den Menschen von Gott erzählte, hattest du immer Angst um ihn. Er redete von Gott und oft stellte er sich gegen diejenigen, die das studiert haben, die Würdenträger der Kirche. Er, der Zimmermann, der gar nicht vom Fach war. Zimperlich war er dabei nicht. Nicht mit seinen Widersachern, noch mit seiner Familie. Wenn ihm etwas nicht passte, bügelte er einen ab und man konnte wie begossener Pudel wieder abziehen. Das konnte nicht gut gehen, du ahntest es schon.
Und dann diese Wundertaten. Du hast dich immer gefragt, wie er diese wohl vollbracht hat. Es musste mit diesem unbenennbaren Wissen, das er hatte, zusammenhängen. Aus diesem Wissen schöpfte er seine heilende Kraft. Schon ein bisschen unheimlich. Er verursachte immer ganze Volksaufläufe.
Dann wurden doch deine schlimmsten Befürchtungen wahr. Er wurde verfolgt und schließlich verhaftet, verurteilt, gefoltert, misshandelt, ans Kreuz geschlagen. Wie ein Verbrecher, mit Verbrechern. Eigentlich konntest du den Schmerz über das, was du mit ansehen musstest, kaum aushalten. Erstaunlich, was der Mensch so alles ertragen kann.
Aber er hat noch für dich gesorgt, dich in die Obhut eines seiner Jünger gegeben, so dass du wenigstens nicht als Freiwild unversorgt herumlaufen musstest.  Da kannst du dankbar sein. Alles, was du noch für ihn tun konntest, war seine Mission fortzusetzen, das Deine zu tun, dass die Botschaft, für die er sein Leben eingesetzt hat, weiter verbreitet wurde. Diese Arbeit gab dir Trost, Kraft weiterzuleben und richtete dein weiteres Leben aus.
Nun bist du am Ende deines menschlichen Weges angekommen, verlässt deine irdene Hülle. Endlich siehst du wieder den, nach dem du dich so gesehnt hast. Dein Kreis schließt sich. Erinnerst du dich noch, was du gebetet hast, als du von deiner Schwangerschaft erfahren hast? Meine Seele erhebet den Herrn. Nun erhebt sie sich zum Herrn. Sie lässt alles Irdische fallen, entpuppt sich wie eine Raupe, die bisher am Boden gekrochen ist und Erde gefressen hat, und fliegt wie ein befreiter Schmetterling in die Ewigkeit. Du kehrst dorthin zurück, wo du  herkommst, wirst wieder transzendent, körper-, zeit- und raumlos, wirst wieder Teil des Göttlichen. Heimkehr, welch glücklicher, froher Tag für dich.
Wenn ich dich so anschaue und deine Freude und dein Glück sehe, wird mir das Herz etwas schwer, weil mein Tag noch nicht da ist. Ich muss noch warten. Aber ich komme ganz gewiss nach. Es tröstet mich, dass unsere Seelenbande bleiben, über die körperlichen Grenzen hinweg. Wir bleiben in Kontakt.
Ich wünsche dir eine gute Reise, komm gut an! Ich freue mich auf ein Wiedersehen, im Hier oder im Dort.
Deborrah




Die Ernte ist eingefahren.

Das Gute

Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr leben könnt. 
Amos 5,14
Suchet das Gute, heißt suchet Gott.
Schiebt den Ballast auf eurer Seele beiseite und
versucht ihn in euch zu finden,
dann wird er sich finden lassen.
Versucht die Versuchung zu meiden,
dann werdet ihr leben.
Der ehrliche Versuch zählt.
Wenn wir dann scheitern,
an uns oder anderen,
so zählt das nicht vor Gott,
denn er weiß um unsere Unzulänglichkeit.

Hülle

Wie um Jerusalem Berge sind, so ist der HERR um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.
Psalm 125,2
Gott umhüllt uns mit
seiner Fürsorge,
seiner Liebe,
seiner Gegenwart.
In ihm können wir uns bergen,
in seinem Schutz können wir ausruhen,
unter seinem wachen Auge
können wir ruhig schlafen.
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