Säulen

Lieber Luther

Psalm 75 ist der Anlass, dir wieder einmal zu schreiben. Gottes Wort wird hier ziemlich unterschiedlich zitiert, je nach Übersetzung. Ich habe etwa 10 gelesen und sie sind ziemlich unterschiedlich, abhängig, wie immer, von der Glaubensauffassung, die dahintersteht. Was soll uns Psalm 75 sagen?

Es geht um Gottes Zeitlosigkeit, um sein Wirken in einem verhüllten Zeit-Raum, um seine Unbegrenztheit und seine Ewigkeit. Es geht darum, dass er uns sagt, dass er uns im Jetzt eine Stütze ist, eine Säule, auf die wir bauen können. Und es geht um Demut. Gott sagt uns (Lutherübersetzung):

„Denn zu seiner Zeit, so werde ich recht richten. Das Land zittert und alle, die darin wohnen; aber ich halte seine Säulen fest“ (Ps 75:2-3)

Gott sagt, wenn ich meine Verabredung mit euch habe, zu meiner Zeit, mache ich den Boden eben, schaffe eine friedliche und heilsame Ordnung in euch, mache alle Berge flach, so dass ihr keine Mühe mehr habt. Ich versammle mich mit euch nicht im Osten, Westen oder Süden, nicht an euren Orten, nicht bei eurem Aufgang noch bei eurem Niedergang, nicht bei eurer Geburt, noch bei eurem Tod. Ich versammle mich mit euch in einer Weise, die unabhängig von eurem Verständnis von Zeit und Raum ist.

Seid ihr auch mutlos, verzagt, verwüstet euch selbst und euren Planeten: Meine Säulen und diejenigen die ich dazu gemacht habe, stehen fest. Weder wanken sie, noch fallen sie. Meine Statik hält in Ewigkeit. Auch wenn ihr euch aufschwingt, über mich zu richten, mein Sein in Frage stellt, euch über mich erhebt, gegen mich in den Krieg zieht, versucht, meine Säulen ins Wanken zu bringen: Ihr könnt mir nichts anhaben.

Ihr vertraut auf eure Intelligenz, auf euer Wissen, das sich auf Wissenschaft stützt, anstatt auf Erkenntnis und Weisheit und zerstört mit eurem ganzen Wissen und eurer scheinbaren Wissenschaft euch und eure Lebensgrundlage. Mit eurer Ausbeutung der Natur, mit eurem Umweltfrevel, schlagt ihr immer tiefere Wunden in ihr Gleichgewicht, bringt die Säule eures Daseins ins Wanken und am Ende ins Einstürzen. Mit Eurer Gentechnik und euren Manipulationen des Menschen versucht ihr Gott zu spielen und überseht nicht, was ihr anrichtet. Mit immer erfinderischeren Kriegswaffen versucht ihr euch gegenseitig zum Einsturz zu bringen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ihr schlagt euch mit eurem ganzen Wissen selbst euer Lebens-Fundament weg. Ihr führt euch auf wie Narren.

Jedoch: Meine Säulen wanken nicht. Ich habe sie eingezogen und ihr könnt sie, was immer ihr anstellt, nicht einmal ins Wanken bringen, geschweige denn zum Einsturz. Ihr könnt euch nicht, wie sehr ihr euch auch anstrengt und es euch einbildet, über mich aufschwingen. Seid nicht so selbstgewiss, arrogant, stolz und überheblich. Ihr seid wie ein eitler Gockel, der seinen Kamm zu hoch stellt. Euer leeres Geplapper ist nichts als Bewegung von Zunge und Kiefer, ihr wisst nicht, was recht ist, ihr denkt nur, es zu wissen.

Ich aber weiß, was recht und gerecht ist im Ausgleich allen Seins, in der Einebnung aller Ungerechtigkeiten, im Ausgleich zwischen reich und arm, zwischen Freiem und Unterdrückten, zwischen böse und gut. Nur ich bin es, der dies vermag. Nur ich bin der Weg zur zeitlosen und ortsungebundenen Gerechtigkeit, zum ewigen Gut. Ihr seid wie ein Becher schäumender Wein in meiner Hand, gewürzt mit allen Facetten des Lebens. In euch gärt es, arbeitet es, schäumt auf und über. Das Leben müsst ihr mit allen Zutaten trinken, das ist euch als Mensch immanent. Aber irgendwann, das ist der Trost, nach Ende des Gärungsprozesses, werdet ihr alter und guter Wein sein.

Denn: Meine Säulen stehen fest: Ich lasse nicht zu, dass mein Wein umkippt und zu ungenießbarem Essig wird. Amen.

Herzliche Grüße
Deborrah

Inneres und äußeres Wort

Hermeneutische Überlegungen zum Bibel- und Gottesverständnis.

Das äußere Wort ist nur der Teil des Gedachten, der den Weg in die Buchstaben gefunden hat. Es reflektiert niemals alles Gedachte, sondern enthält nur Fragmente des Verstandenen dessen, der spricht oder einen Text schreibt.

Der Verstehensprozess ist eine unendliche Aufgabe, da jedes Ding oder jeder Sachverhalt sich kontinuierlich in seinem äußeren und inneren Wesen verändert, so wie der Verstehende sich selbst kontinuierlich verändert.

Die Suche nach Verständnis ist der fortdauernde Versuch, ein Ding, einen Sachverhalt, zu Ende zu denken. Das augenblickliche Verstehen ist nur der Etappensieg zu einem ganz bestimmten Augenblick (nach Gadamer).

Sowohl der Schreiber als auch der Leser eines Textes unterliegen einem sich fortlaufend entwickelnden Verstehensprozess. Jeder Schreiber und Leser ist darin einzigartig.

Die Texte, die in der Bibel zusammengefasst sind, sind der Ausfluss eines Verstehensprozesses der jeweiligen Schreiber und stellen nur einen Teil deren Verstehens dar.

Der Leser unterliegt beim Lesen dem eigenen Verstehensprozess. Wie jeder einen Bibeltext zu einem bestimmten Zeitpunkt versteht, definiert sich aus dem augenblicklichen Status seines individuellen Verstehensprozesses.

Was jeder aus einem Bibeltext versteht, ist gespeist aus der individuellen inneren Verstehensquelle.

Die innere Verstehensquelle ist das „innere Wort“, gesprochen mit dem „Mund des Herzens“. Es ist ohne jeden Laut und hat ihren Ursprung in unserer untrennbaren Beziehung zu Gott:

Das Wort, das draußen erklingt, ist Zeichen des Wortes, das drinnen leuchtet (Augustinus).

Buchempfehlung zur Geschichte der Hermeneutik, ein wissenschaftliches Buch, aber trotzdem eingängig zu lesen: Karen Joisten: Philosophische Hermeneutik. Akademie Verlag. Berlin 2009.

Inneres Wort
Inneres Wort