Lieber Luther,
eine scheinbar einfache Frage: „
Bin ich ein Sünder?„, von einem 10jährigen Kind gestellt. Wie sollen wir diese Frage beantworten? Wir könnten eine Standardantwort geben: Mach dir keine Sorgen, Gott liebt alle. Er ist dein guter Onkel oder weiser Opa. Oder, kumpelhaft: Ach, wir sind ja alle Sünder. Gott verzeiht uns unsere Fehler. Nur, werden wir dem Kind damit gerecht, legen wir da die richtige Saat oder säen wir mit solch einer Antwort nicht Spreu?
Eine Kinderfrage ernsthaft zu beantworten, benötigt eine noch ernsthaftere Auseinandersetzung mit dem Thema der Frage als eine Erwachsenenfrage. Eine Kinderseele ist noch offener und verletzbarer als eine Erwachsenenseele, ist – in der Regel – noch nicht so verletzt und vernarbt wie eine Erwachsenenseele. Gott scheint noch mehr aus ihr hervor. Das ist gemeint, wenn Jesus sagt: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass ihr umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen (Matth 18.3). Jesus meint hier die unschuldige Kinderseele, in der Gott unverstellt wohnt.
Kinder wie Kinderschüler oder Analphabeten in Glaubensdingen zu behandeln – beruhigend irreführend – alles ist gut – heißt sie nicht ernst nehmen. Kinder kann man jenseits von Albernheit – man könnte auch sagen Verdummung – erreichen, viel mehr als Erwachsene. Das fängt schon bei der Sprache an. Genau so wenig hilfreich, wie – wissenschaftlich anerkannt – eine allgemeine Ansprache eines Kindes in sogenannter „Kindersprache“ ist, so wenig hilfreich ist es, in einer solchen Kindersprache mit den Kindern über Gott zu reden. Das nimmt sich in ihre Kontraproduktivität nichts.
Im Kind sehen wir Gott viel deutlicher als beim Erwachsenen. Wir richten in einer solchen Gott verniedlichenden Ansprache bei Kindern viel Schaden an. Gott ist keine Seifenblase, die zerplatzen kann. Wie soll ein Kind als Erwachsener Gott ernst nehmen, wenn wir ihn zu einer Figur in einem Kasperltheater machen? Wir unterschätzen unsere Kinder und respektieren damit Gott nicht, der in ihnen aufscheint.
Das Fundament für die Gottesferne der Erwachsenen legen wir bei den Kindern. Die Kinder spüren das, wenn in unseren Erklärungen nichts in ihrer Seele aufklingt, unsere Erklärungen Kindergartenniveau haben, man Gott verwechseln könnte mit Albus Dumbledore. Das ist fauler Zauber, den die Kinder instinktiv entlarven, indem sie das, was wir erklären, wie einen Harry Potter Film an sich verbeiziehen lassen. Nach dem Abspann kommt das nächste Thema, das sich um die Aufmerksamkeit des Kindes bewirbt.
Gott zeigt sich in der Seele eines Menschen. Wenn er sich dort zeigt, völlig unabhängig von Kirche, dann ist ein Fundament gelegt für sein Wirken. Dass Gott, sein Aufscheinen in der Seele, unabhängig von Kirche ist, ist beruhigend. Kirche leistet da dem Glauben und unseren Kindern oft keinen guten Dienst. Wer denkt, wenn man einem Jugendlichen sagt, Jesu Haarlänge sei irrelevant, sei unfreundlich, geht jeglicher ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Jugendlichen aus dem Weg und trägt zu seiner Blindheit im Glauben bei.
Wenn Kinder zu Jugendlichen werden, muss man den Glauben, Gott in ihnen, anders sehen und ansprechen. Jugendliche sind dabei, der kindlichen Unschuld ihrer Seele zu entwachsen. Ihr Seengrund sackt in ihrer Erinnerung, versackt unter weltlich-menschlichen Dingen, die als wichtiger erachtet werden. Gott, das innere Wissen von Gott, wird dabei verschüttet, aber es ist noch da. Die Jugendlichen verlieren Gott aus dem Blickfeld, Kirche in den überwiegenden Fällen sowieso.
Kaum hat ein Konfirmand die Konfirmation hinter sich, wird er nicht mehr in der Kirche gesichtet. Anschauungsunterricht geben mir meine Söhne. Kirche ist ihnen fern, Glauben auch, könnte man auf den ersten Blick meinen, könnte man auch meinen, wenn man ihnen zuhört. Aber gerade der Blick auf sie zeigt mir, dass es nicht so ist, ganz und gar nicht. Gott scheint in ihnen auf, jeden Tag, er äußert sich in ihrer Seele. Im Umgang miteinander. Im Respekt, den sie anderen gegenüber entgegenbringen. Im Respekt vor der Unversehrtheit des anderen. In ihrer Betroffenheit, wenn sie Fehler gemacht haben. Im Wertesystem, das sie – unreflektiert, undefinierbar und unerklärbar – in sich tragen und das die Basis ihres Handelns bildet, in dem, was sie zu verantwortlichen Menschen macht, Menschen, die mit die Verantwortung für die Zukunft der Schöpfung tragen.
Lieber Luther, ich denke, das ist das Entscheidende: Menschen, die Verantwortung – in Gottes gutem Sinne – für seine Schöpfung, Mensch, Tier, seine ganze Natur, übernehmen, auf dem Platz, wo sie hingestellt sind. Unerheblich dabei ist, ob sie Gott und Glauben im Munde führen oder nicht. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass da, wo Menschen dies tun, Gott in ihrer Seele wohnt, ihre Seele von innen nährt und wärmt, völlig unabhängig von allen Alltagswidrigkeiten.
Braucht es dann Glaube, Kirche, Bibel, Jesu Nachfolge, einen Gott, über den man redet, oder wirkt er überall und bei jedem stillschweigend? Ja, das braucht es, es braucht Menschen, die von Gott reden, von ihm erzählen. Das passiert in der Bibel, das versucht Kirche, das tun Menschen, die glauben und etwas über Glauben und Gott zu sagen haben. Das Wissen, das Bewusstsein Gottes ginge verloren, wenn niemand mehr von ihm reden würde. Das lässt Gott nicht zu. Deshalb wird es immer Menschen geben, die von ihm erzählen und den Glauben und sein Wort weitertragen. Das zeigen die Jahrtausende des Glaubens an den EINEN Gott.
Das heißt aber nicht, lieber Luther, dass Gott bei den Menschen, die ihn vergessen haben, deren Erinnerung an das Göttliche in ihnen eingeschlafen ist, Gott nicht in ihrer Seele haben. Er ist dort. Ob das „Gut“ Gottes in ihrer Seele eine Chance hat, nicht unter dem Alltagsmüll zu versinken, auch dafür hat er den Menschen, uns, die Verantwortung gegeben. Diese gottblinden Menschen werden in der Bibel „Heiden“ genannt. Gott wird nicht ruhen, bis er alle gesammelt und zu Sehenden gemacht hat. Solange wird es Menschen geben, in deren Seele er aufscheint, die ihn in Wort und Tat in unserer jeweiligen Wirklichkeit vergegenwärtigen, uns an ihn erinnern.
Bei uns, lieber Luther, liegt die Verantwortung, ob wir bei unseren Kindern und Jugendlichen Weizen oder Spreu säen, mit Kirche oder ohne. Denn, was wir säen werden wir ernten.
Thema verfehlt, könnte man sagen. Aber vielleicht auch nicht. Das wird sich zeigen. Ich schreibe dir über mein eigentliches Thema – bin ich ein Sünder – später, die Frage ist ja noch nicht beantwortet.
Herzliche Grüße
Deborrah.
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http://lieber-luther.blog.de/2013/03/28/karfreitagspredigt-gott-15687376/
Gott ist nicht unser Erfüllungsgehilfe. Gott und meine Beziehung zu Gott ist unabhängig von meinen alltäglichen Befindlichkeiten, von meinen Egoismen und Tagesform abhängigen Stimmungsschwankungen. Wir sollten unsere Brillengläser entspiegeln. Anstatt Gottes Wille spiegeln wir in ihnen unseren Willen. Gott sieht das wohl und deshalb versteckt er sich und wir fühlen uns von ihm verlassen. Er will von uns gesucht und gefunden werden. Er will, dass wir an ihn ohne Wenn und Aber glauben, auch wenn wir denken er sei nicht da.
http://deborrah.blog.de/2012/12/18/wuenschebaum-fragezeichen-15332624/
Gerade wenn wir uns verlassen fühlen, ist er da und vielleicht einfach nur da. Glauben heißt ihm vertrauen, auch wenn er sich versteckt, wir ihn nicht erkennen, es uns schlecht geht. Er rettet die Situation nicht unbedingt. Jesus ist am Kreuz gestorben, Gott hat den physischen Menschen Jesus nicht vor den Menschen gerettet, aber er hat seine Seele, seinen Geist, sein Vertrauen in Gott, sein Leben nach dem Tod gerettet. So rettet Gott uns auch. Jesus ist vorangegangen. Er rettet nicht unseren Wohlstand und unser Wohlbefinden, er rettet unsere Seelen und unser Leben in Gott, sofern wir ihn lassen.
Wie erkenne ich das? Wer mit Gott und in Gott jeden Tag durch den Tag geht, lernt zu erkennen und Gott gibt sich zu erkennen. Man erkennt aber nur, wenn man achtsam genug ist, achtsam sich selbst gegenüber und achtsam dem Mitmenschen gegenüber. Man erkennt, wenn Gott Gutes bewirkt, erkennt ihn im Gegenüber, in einem selbst, im Rückblick, wenn man erkennt, wie einen die Dunkelheit einen Schritt weiter in der Erkenntnis und der Nähe zu Gott gebracht hat. Man erkennt, wie Gott im Leid Gutes bewirkt. Gott wird einem im Alltag bewusst, er ist ein Begleiter, dessen Anwesenheit man körperlich spürt. Im Guten, wie im Schlechten.
Das ist ein Weg, den man geht, eine Himmelsleiter, die man hinaufsteigt. Jakob ist ein gutes Beispiel:
http://lieber-luther.blog.de/2013/08/31/himmelsleiter-16350093/
Jede Stufe kann schmerzvoll, voller Leid sein. Aber wenn man sie genommen hat, fühlt man sich leicht, entkörperlicht. Ein Glückszustand, der den Himmel öffnet. Aber er ist nur vorübergehend, eine Vorschau, die Kraft und Gewissheit schöpfen lässt. Die Wolken ziehen wieder auf, die nächste Stufe wartet, was immer das sein mag.
Gott zu erkennen ist ein Kreuzweg, der andauert, bis man Erlösung gefunden hat. Darüber sollte man sich keine Illusionen machen.
Jeder Schritt lohnt sich, wie schmerzvoll er auch ist. Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich. Und Gott hilft tragen. Darin erkennen wir ihn.
http://lieber-luther.blog.de/2013/02/10/rosinenpicken-15520393/