Wenn Widerworte Leben schaffen

Widerworte können wirken wie Widerhaken.
Ein Blick auf das Gegenüber reicht und du siehst den Schmerz,
den deine Widerworte ausgelöst haben.

Sie haben ihre Spuren hinterlassen,
im Gesicht,
in der Körperhaltung,
in der Seele,
in der ganzen Person,
haben sich sichtbar im Fleisch verhakt,
Dornen und Stacheln körperlich fühlbar.
Verletzt.

Verwundung, die du angerichtet.
Aus deiner eigenen Verwundung heraus.
Gemeinsam leidend und doch jeder für sich.
Dornenkronen.
Heilende Kronen.

Der Haken muss Widerstand spüren,
damit er zum Widerhaken wird.
Inneren Widerstand.
Wider was?

Den Widerstand auflösend,
gebären wir durch die langen Geburtswehen hindurch,
gefangen im Schmerz,
nicht davonlaufen könnend,
verzweifelt,
resignierend,
entkräftet,
um Atem ringend,
der Schmerzen überdrüssig,
trotzdem nie aufgebend,
immer wieder Mut fassend,
hoffend,

das eigene göttliche Kind.

Stachel

Equilibrium

Über manche Dinge kann man nicht einfach hinweggehen. Sie beschäftigen, fesseln, elektrisieren einen, füllen einen aus.

So geht es mir mit dem, was ich gestern auf der Heimfahrt begriffen habe: das „Grundlos“. Das gegenseitige „Grundlos“, das eine „Grundlos“.

Es ist ein Unterschied, ob man etwas intellektuell versteht oder ob man etwas erfährt, innerlich völlig erfasst, verinnerlicht, in jeder Faser begreift.

Intellektuell weiß ich, dass Gottes Liebe grundlos ist.
Das ist mir so gesagt worden,
das habe ich gelesen,
das muss so sein,
aus all meinem Verständnis des Göttlichen heraus.

Ganz anders ist das Erfahren.
Gestern habe ich erfahren, was grundlos ist.
Mit einem Schlag war er da,

der grundlose
dunkel helle
unendlich weite
heilige
Atem beraubende
feierlich
friedliche
leere
göttliche Raum.

Grundlos.

In mir und außerhalb von mir.
Als Teil von mir.
Und ich Teil von ihm.

Jetzt weiß ich, was grundlos ist.

Als ob sich ein neuer, unendlich weiter Raum in seiner ganzen Klarheit geöffnet hat.

Equilibrium

Morgenzauber

Der frühe Morgen hat seinen besonderen Zauber. Ich liebe den frühen Morgen. Jetzt im September/Oktober erstrahlt er in den Farben des reifen Jahres.

Klare blaue Himmel hinter ebenso klaren dunklen Wolkengebirgen, Sonnenaufgang in sattem Orange, dampfende Seen, wie verwunschen. Die Schafherde davor in ihrem Pferch, noch nicht erwacht. Die Sonne ein orange-gelber Ball. Über den Auen schwebt lichter Nebel. Überall satte Farben, als wolle die Natur noch ihre ganze Schönheit aufbieten, bevor sie erstirbt. Pralle Fülle überall.

Gern würde ich anhalten und Teil dieses morgendlichen Gottesdienstes werden. Aber ich bin eine Ameisen-Arbeiterin auf der Ameisenstraße. Vor mir und hinter mir Ameisen. Diszipliniert und zielbewusst bewegen sie sich in eine Richtung. Jede kennt ihre Aufgabe.

Einen Augenblick lasse ich meiner Sehnsucht freien Lauf. Aber ich fahre weiter, halte nicht an. Ich hoffe auf das Morgen. Vielleicht schaffe ich es morgen anzuhalten.

Er weidet mich auf einer grünen Aue.

Morgenzauber

Aus Wüsten Gärten machen

Mir ist heut morgen schon ein sehr schöner Text begegnet.

Wo ein Mensch Vertrauen gibt,
nicht nur an sich selber denkt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch den andern sieht,
nicht nur sich und seine Welt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch sich selbst verschenkt
und den alten Weg verlässt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

(Text: Hans-Jürgen Netz 1975)

Nichts hinzuzufügen.

Aus Wuesten Gaerten machen