Geisteswort

Ja, wie Bileam geht mir’s, nur umgekehrt; will ich euch loben,
Siehe, da stößt der Geist scheltende Worte hervor.

(Goethe, Nicht veröffentlichte Xenien)

Bileam, immer wieder trifft man auf ihn.

Die Bileamgeschichte in der Bibel: 4.Mose 22-24

Absterben

Der Weg zurück

Das Eis brüchig,
der Eimer geleert,
der Krug zerbrochen,
der Schlüssel unter der Matte,
nichts zu ergründen,
finde dich ab.
Alles gegeben,
nichts behalten,
es dauert Jahre,
der Weg zu mir zurück.

Franz von Sales: Lege den Schlüssel unter die Matte
Mascha Kaléko: Resignation für Anfänger
Hilde Domin: Leere den Eimer

Gewissen

Es ist wieder einmal Zeit für ein Gedicht von Mascha Kaléko:

Kurzer Dialog

Du und ich, lieber Gott,
wir beide wissen es,
Daß deine Welt noch lange nicht
Fertig war, als der siebente Tag
Anbrach.

Du hattest dich dazumal
Darauf verlassen,
Daß deine Geschöpfe
Gehilfen dir würden.
O weh.

Leiden läutern uns nicht,
Und durch Schaden wird man nicht klug.
Nur gerissen.
– Herr, du gabst uns die Welt, wie sie ist.
Gib uns doch bitte dazu
Das seinerzeit leider
Nicht mitgelieferte
Weltgewissen!

Oder: Resignation für Anfänger

In: Mascha Kaléko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gebet
Gebet

Resignation

Resignation für Anfänger

Suche du nichts. Es gibt nichts zu finden,
Nichts zu ergründen. Finde dich ab.
Kommt ihre Zeit, dann blühen die Linden
Über dem frischgeschaufelten Grab.

Kommt seine Zeit, dann schwindet das Dunkel,
Funkelt das wiedergeborene Licht.
Nichts ist zu Ende. Alles geht weiter.
Und du wirst heiter. Oder auch nicht.

Zwischen Vergehen und Wiederbeginnen
Liegt das Unmögliche. Und es geschieht.
Wie und Warum waren nie zu ersinnen.
Neu klingt dem Neuen das uralte Lied.

Geh nicht zu Grunde, den Sinn zu ergründen.
Suche du nicht. Dann magst du ihn finden.

(in: Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte)

Zerreiß deine Pläne

Ein Rezept gegen die Angst von Mascha Kaléko in „Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte“.

Ohne weitere Worte:

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

30c84-wunder