Überraschungen

Kurz vor neun kommt mein Taxi, das mich zum Bahnhof nach Holdorf bringt. Es entwickelt sich eine angeregte Unterhaltung mit dem Taxifahrer, einem älteren Herrn. „Was, pilgern waren Sie, ganz allein?“ fragt er mich und schaut mich ganz entgeistert an, als wolle er das nicht glauben. „Ja“, sage ich. Darauf er: „Das ist aber mutig“. Hmm, auf die Idee bin ich bisher noch gar nicht gekommen. „Darf ich fragen wie alt Sie sind?“ Ich sage es ihm. Er ringt nach Worten und meint dann „Ich will mal sagen in diesen jungen Jahren ist das doch eine ganz schöne Anstrengung, das muss man sich erst einmal zumuten“. Und entschieden: „Das brauche ich für mich nicht“. Dann erzählt er von seinem Herzinfarkt und seinen Krankheiten.

Mordkuhle

Am Bahnhof in Holdorf scheint er immer noch so beeindruckt, dass er mit mir zum Bahnsteig geht und die Abfahrtszeit vom Zug heraussucht, obwohl es nur ein Gleis gibt, schon Leute da sind und es klar ist, dass der Zug gleich kommt. Ganz als müsse er dafür sorgen, dass ich auch in den Zug komme.

Ich schmunzle vor mich hin und freue mich. Die Denkgleise des freundlichen Mannes scheinen etwas aus der Bahn gekommen zu sein.
Überhaupt treffe ich interessante Leute auf der Rückreise. Am Bahnsteig in Holdorf erscheinen nach und nach verschiedene Menschen, um die Vierzig, zu einem Klassentreffen. Sie wissen aber nicht, wohin es geht, das scheint eine Überraschung zu sein. Dementsprechend fällt auch das Gepäck unterschiedlich aus: von klein und handlich bis zu einem riesigen Koffer, der für mindestens 2 Wochen Platz bietet und mehrmaliges Umkleiden am Tag erlaubt. Ein Herr kommt in Badelatschen und kurzen Hosen. Sagt ein anderer zu ihm zur Begrüßung: „Willst du Dir eine Blasenentzündung holen?“
Ich musste nach Luft japsen, so überrascht war ich. Ich wusste gar nicht, dass dies ein Männerthema ist.

Froschquaken

Und noch eine Überraschung auf der Rückreise, die sich tatsächlich so abspielte. Im Zug gibt es moderne, einfach zu bedienende Fahrkartenautomaten. Irgendwo auf der Strecke zwischen Holdorf und Wildeshausen war eine Gruppe von 4 Mädchen zugestiegen. Zwei Mädchen, sie waren tatsächlich, alle Blondinenwitzen bestätigend, blond, kümmerten sich um die Gruppenfahrkarte: 33 EUR. „Oh Scheiße“, meint das eine Mädchen, „wieviel muss dann jeder bezahlen?“ „Darum kümmern wir uns später“, meinte das 2. Mädchen, „jetzt kaufen wir erst einmal die Fahrkarte“.
Ich wollte schon helfend einspringen und rufen 8,25 EUR für jeden, dachte dann aber es ist vielleicht besser, wenn sie sich selbst um die Lösung dieser Rechenaufgabe bemühen.

Sonnenblume
Perspektivwechsel

Was ist das nur für ein Tag heute? Was für Menschen begegnen mir? Oder liegt es an mir? Ich bin tagelang alleine gelaufen, ohne zu reden, höchstens singend, sehr in mich gekehrt. Ist meine Perspektive verschoben? Schaue und höre ich anders? Mehr im Jetzt, wie am Bergsee? Habe ich bisher geschlafen? Ist das Leben vielleicht ein Kuriositätenkabinett, das ich bisher noch gar nicht entdeckt habe?
Irgendwie komme ich mir vor, wie wenn ich in der falschen Vorstellung wäre, wie wenn ich im Kino sitze und staunend den Film betrachte, der vor mir abläuft und mich frage, ob das wohl das Leben ist?
Verschobene Realitäten.

Tau Huus

Veröffentlicht von

Deborrah

Spirituelle Pilgerreise zu mir selbst; Auseinandersetzung mit Kirche, Religion, Glaube, Gott, Bibel; Meditatives; Impulse zu den Herrnhuter Losungen / Tageslosungen; Lieber Luther Predigten

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