Jesu Testament

Lieber Luther,

in Jesus ist Gottes Wahrheit, Jesus hat immer gewusst was ist, was war und was sein wird. Aus diesem Überblick heraus hat er die Zwangsläufigkeit des Weltenlaufs gesehen, in einer Draufsicht, verklärt. Er weiß, dass ihn Hass verfolgt und dass ihn dieser Hass töten wird. So trifft er Vorbereitungen, er macht sein Testament, das er seinen Jüngern – uns -übergibt.

Jesus stellt sich der Situation, auch wenn sie für ihn lebensbedrohlich ist. Er zögert keinen Augenblick, sondern geht, auf seinen Vater vertrauend, zielstrebig weiter. Soll ich sagen, Vater, hilf mir aus dieser Stunde? fragt Jesus seine Jünger suggestiv. Nein, ist die klare Antwort, „darum bin ich in die Welt gekommen“, als Weizenkorn, das erstirbt, um viel Frucht zu bringen. Sein Tod lässt den Samen aufgehen, ist notwendig, damit die Frucht anfängt zu wachsen und neue Frucht hervorbringt (Joh 12, 26).

Jesus ist bereit, den letzten Schritt zu gehen. Mit Nachdruck bittet er seinen Vater: Verkläre deinen Namen, offenbare deine Herrlichkeit, deine Wahrheit, deine Klarheit, deine Reinheit, verschaffe deinem Namen Geltung, zeig all das Gute, das du bist. Eine Stimme kommt vom Himmel und Gott sagt: Ich habe ihn in der Taufe verherrlicht und will ihn auch jetzt, wo er seinen Weg vollendet, verherrlichen.

Gott macht damit klar, in Jesus ist mein Name, bin ich. Was er tut, tue ich, was er sagt, sagt er in meinem Namen. Gott gibt Zeugnis von sich in Jesus. Er gibt dies Zeugnis nicht um Jesu Willen, um ihn eventuell vor seinen Verfolgern zu retten, er gibt das Zeugnis um unseretwillen, dass wir glauben, was Jesus gesagt hat. Er setzt am Ende seine ganze Kraft ein, um das Werk von Jesu Mission zu vollenden. Es geht um den neuen Bund, den Gott mit uns schließt, in Jesus. Wer mir dienen will, der folge mir nach. Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Darin besteht der Bund und es ist der neue alte Bund, den Gott mit uns schließen will: Dient mir, folgt mir nach, haltet meine Gebote.

Es donnert, das Vorzeichen der Verfinsterung der Welt, dunkle Wolken sind im Anzug. Das Gericht ist da, das Gericht, das die Menschen, diejenigen, die nicht an ihn glauben, über den König, den Herrn, den Herrscher der Welt setzen, das Gericht, das ihn aus der Welt treibt, das Gericht, dass die Menschen meinen, über den Sohn Gottes halten zu müssen, in dem sie ihn hinausführen vor die Stadt und dort kreuzigen. Der Donner verkündet schon unheilvorhersagend die Verfinsterung der Erde auf Golgatha. Die Menschen fragen deshalb zu Recht: Es steht geschrieben, dass der Christus ewig bleibe. Wenn du jetzt gehst, kannst du ja nicht der Christus sein. Du sprichst vom Menschensohn. Wer ist dieser Menschensohn?

Ich bin das Licht, geht die kleine Zeit, die ich noch bei euch bin, in meinem Licht, denn wer in der Finsternis geht, weiß nicht, wo es lang geht. Glaubt an das Licht. Aber sie glaubten dennoch nicht, obwohl er so viele Zeichen gewirkt hatte, zum Zeugnis, dass er von Gott kommt. Der Unglaube ist die Finsternis der Welt, der Mensch, der sich nicht zu Gott bekehrt. Denn: Wer mich verachtet und meine Worte nicht aufnimmt, der hat schon seinen Richter. Jeder hat die Möglichkeit, an das Wort zu glauben. Wer die Ohren verschließt, wird sie am Tag des Gerichts aufmachen müssen, wenn er vor seinem himmlischen Vater stehen wird. Das Wort, der Grad der Nachfolge im Wort, wird der Maßstab sein, an dem gerichtet wird. Denn „ich weiß“, sagt Jesus, dass Gottes Gebot das ewige Leben ist (Joh 12, 47-50. Worin besteht die Nachfolge?

Zunächst im tätigen Dienen. Jesus gibt die Richtung klar vor: Der Apostel ist nicht größer als der Herr, ich wasche euch die Füße und setze mich nicht zuoberst der Hochzeitstafel, weil ich mich für den Wichtigsten halte. Der Wichtigste ist Gott allein. So sollt ihr es auch halten. Seid bescheiden und demütig (Joh 13).

Nachfolge ist Achtsamkeit: Wer aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer mich aufnimmt, der nimmt meinen Vater in sich auf, sagt Jesus (Joh 13, 20). Im Umkehrschluss, wenn ihr den, den ich geschickt habe, ausschließt, schließt ihr Gott und mich aus. Deshalb verschließt eure Herzenstüren nicht, gebt acht und wacht, es könnte ich sein, der an eure Tür klopft.

Folgt mir nach in der Liebe zueinander, fordert Jesus uns auf. Da ich fortgehe, werdet ihr mich suchen, wo ich hingehe, könnt ihr nicht hinkommen. Deshalb gebe ich euch ein neues Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt habe. Daran wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid (Joh 13, 34). Ein Gebot, an dem wir uns alle vergeblich abarbeiten, da die Liebe der Menschen untereinander nicht so vollkommen ist, wie die Liebe Jesu zu denen, die an ihn glauben.

Aber, erschreckt nicht: Glaubt an mich und glaubt an Gott, so ihr glaubt, seid ihr sicher, in meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Ich werde auch alle zu mir ziehen (Joh 12, 32), auf dass ihr seid, wo ich bin. Wo ich hingehe und den Weg dorthin wisst ihr (Joh 14, 3). Zweifel? Ungläubig?

Jesus gibt Nachhilfeunterricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ich bin die Tür, durch die ihr gehen müsst. Viele Gleichnisse habe ich davon erzählt. Wenn ihr mich kennt, so kennt ihr auch meinen Vater. „Von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen“ (Joh 14, 6). Punktum. Keine Ausrede mehr möglich. Ihr kennt den Weg, der im Glauben an mich besteht, ihr kennt die Wahrheit, in den Worten und Gleichnissen, die ich zu euch gesprochen habe, und ihr wisst, dass der Weg zum ewigen Leben nur über mich und mein Wort führt. Alles, was ich bewirke, alle Zeugnisse, alles was ich rede, kommt nur von meinem Vater. „Glaubt mir, dass ich im Vater und der Vater in mir ist; wo nicht, so glaubt mir doch um der Werke willen“ (Joh 14, 11). Glaubt wenigstens, was ihr gesehen habt, beschwört Jesus seine Jünger. Seine Worte sind im Strom der Zeit untergegangen. Er hatte die modernen Wissenschaften noch nicht auf dem Schirm. Jesu Werken und Zeugnissen zu glauben, weigert sich der wissenschaftlich gebildete Mensch standhaft, „denn sie liebten die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott“ (Joh 12, 43).

Jesus gibt nicht auf. Er setzt dem entgegen: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun“ (Joh 14, 12). Auch in den Werken, die ich getan habe, werdet ihr mir nachfolgen, denn ich gehe zum Vater, ihr werdet Berge im Glauben versetzen, Tote auferwecken und Kranke heilen. Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun. Liebt ihr mich, so haltet meine Gebote. In Jesu Namen beten, in Jesu Namen bitten, ihn lieben, nicht sich selbst. Mit mir könnt ihr Berge versetzen, wenn ihr hört, was ich sage, wenn ihr mich bittet in meinem Namen (nicht in eurem), wenn ihr keine Angst habt und mutig mir darin folgt.

Ich weiß, sagt Jesus, dass ihr in Anfechtung fallen werdet, dass ihr Angst bekommt, das ihr dazu tendiert, beim ersten Gegenwind euch von mir abzukehren und euch in Windrichtung zu drehen. Deshalb braucht ihr etwas, an dem ihr euch aufrichten könnt, wenn ihr es braucht, einen „Tröster“, der nicht fleischlich ist und euch nicht verlässt, sondern ewig bei euch sein wird, den keiner töten und keiner von euch abhalten kann: den Geist der Wahrheit, der euch den Weg zeigt, wenn es dunkel um euch wird, der das Licht ist, das euch leuchtet, wenn die Finsternis nach euch greift. Die Welt der Ungläubigen sieht und kennt ihn nicht, aber ihr, die ihr an mich glaubt, kennt ihn. Ich bleibe bei euch, ich will euch nicht zu Waisen und Verlassenen machen. Den Frieden lasse ich euch, den Frieden gebe ich euch, euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht ((Joh 14, 27).

Und auch das hinterlässt er uns: Hättet ihr mich lieb, würdet ich euch mit mir freuen, dass ich zum Vater gehe. Ich habe es euch ja gesagt. Ich habe euch gesagt, ich gehe hin und komme wieder. Ihr werdet mich suchen. Ich habe es euch gesagt, damit ihr es glaubt, wenn es geschieht (Joh 14,29). Alles ist damit gesagt. Ich werde nicht mehr viel mit euch reden, denn der Fürst der Welt wird über mich zu Gericht sitzen, obwohl er mir nichts vorzuwerfen hat. Ich weiß, was mir droht, trotzdem werde ich mich ihm ausliefern, damit ihr erkennt, dass ich den Vater liebe und ich tue, was er mir geboten hat. Damit ihr seht, was Liebe heißt, bedingungslose Liebe, Liebe die liebt ohne nach sich selbst zu fragen, Liebe zu euch, Liebe, in der ich euch belehre, was ich meine, wenn ich sage, liebt mich, wie ich meinen Vater liebe.

Lieber Luther, Jesus sagt uns, ich liebe euch so, dass ich euch den Weg zeige, in dem ich vorangehe, euch das Licht im Wort aufstelle und die Wahrheit lehre, wie ihr im Licht den Weg gehen sollt. Ich bin der Erste, der euch vorangeht, ich bin das Weizenkorn, das erstirbt, damit ihr diese Frucht, die ich euch hinterlassen habe, weitertragt, dass ihr lernt an mir, den Weg geht, den ich aufgezeigt habe, dem Licht folgt, das ich entzündet habe und in seinem Schein die Wahrheit erkennt.

Freut euch, sagt Jesus, lieber Luther, freut euch, dass ich zum Vater gehe. Wenn wir an Karfreitag weinen, weinen wir über uns selbst, darüber, dass wir uns zum Fürsten der Welt machen. Das Erschrecken an Karfreitag muss ein Erschrecken über uns selbst sein, ein Erschrecken, wie wenig wir bis heute verstanden haben, was Nachfolge heißt, wie wenig wir den Neuen Bund, den Gott in Jesus mit uns aufgerichtet hat, respektieren. Gottes Bund mit uns sehen wir gern als Einbahnstraße von oben nach unten. So ist es ganz und gar nicht. Das Neue Testament in Jesus sagt nichts anderes als der Erste Bund, den Gott mit uns geschlossen hat. Jesus hat uns das nur neu veranschaulicht und begreiflich gemacht. Das sagt sein Testament an uns.

Herzliche Grüße
Deborrah

Der ungerechte Richter oder: Gebt nicht auf!

Lieber Luther,

der heutige Predigttext (Lk18, 1-8) ist mir vor drei Wochen schon einmal begegnet und zwar in einer Form, die ich sicher mein ganzes Leben nicht mehr vergessen werde. An einem Ort, an dem sein ganzer Sinn plötzlich im Raum stand. Gott hat sich quasi neben die Menschen, die es angegangen ist, auf die Kirchenbank gesetzt und hat gewirkt. Alle Beteiligten haben seine Anwesenheit verspürt. Weiterlesen „Der ungerechte Richter oder: Gebt nicht auf!“

Ecksteine

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom HERRN geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Psalm 118, 22-23

Auf Ecksteine bauen wir unser Haus.

Wenn der Eckstein schief sitzt, wird das Haus schief,
Wenn der Eckstein nicht passt, wird gar kein Haus.
Wenn der Eckstein falsch gewählt ist, fällt das Gebäude schnell in sich zusammen.

Die Wahl des Ecksteins entscheidet, ob wir an dem Haus Freude haben werden.
Mit der Auswahl tun wir uns mitunter schwer.
Was ist der Maßstab, den wir anlegen?
Schauen wir nur auf die geglättete Oberfläche?
Oder nehmen wir einen Stein mit Ecken und Kanten?

Ecken und Kanten halten oft besser zusammen als glatte Oberflächen,
Das Verkanten ist in diesem Fall Teil des Bauplans und
es sieht sich wie ein Wunder an,
wie die nicht normierten Oberflächen doch wie angegossen zusammenpassen.

Jesus hat nur ein paar Jahre öffentlich gewirkt, ein bis drei Jahre wird diskutiert.
Wer hätte damals gedacht, dass der spleenige Zimmermann Eckstein einer Weltkirche wird, dass Gott sein Haus auf diesen Außenseiter baut?
Auf einen, der für diesen Hausbau nur so kurze Zeit hatte?
Zimmermann hatte er ja gelernt, aber er musste auch die richtigen Steine für seinen Bau wählen, abseits aller Norm und äußeren Scheins.
Er hatte einen Bauplan, den er sich nicht von angeblichen Fachleuten hat zerreden lassen.

Das kann nur ein Wunder sein.
Kein Zweiter hat in so kurzer Zeit so nachhaltig gebaut.

Guter Onkel

Ich bin, ehe denn ein Tag war, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann. Ich wirke; wer will’s wenden?
Jesaja 43,13

Ich wirke.
Ja.
Aber kaum einer glaubt es.
Kaum einer akzeptiert es.

Wer will’s wenden?
Wer kann aus deiner Hand erretten?
Niemand.

Aber es wird nicht als dein Wirken erkannt.
Entgegen allem was in der Bibel steht.
Man hebt dich gern in den Himmel,
dabei bist du mitten unter uns.

Man hat dich lieber als guten Onkel
nach unserem Willen, Gutdünken und Maßstäben,
denn als Gott nach deinem Recht und Willen

Wir denken dich als guten Gott dort und
alles Schlechte auf Erden ist der Mensch hier,
aber nicht du.

Nach wessen Willen wurde dein Volk nach Ägypten verschleppt
und in die babylonische Gefangenschaft geführt?
Nach wessen Willen musste Jesus sterben?

Wo bist du, wenn nicht im Menschen hier?
Wo willst du wirken, wenn nicht im Alltäglichen hier?
Wer will dein Wirken nach dem eigenen höchst beschränkten Maßstab beurteilen?

Demut vor dir ist die Stärke der Menschen nicht.
Ich danke dir für dein
Ich wirke, wer will’s wenden.

Fromm und Frömmeln

Lieber Luther,

wir sind in der Karwoche. Es gibt Zeiten, da spürt man den, der uns trägt, mehr als in anderen Zeiten. Ich nenne sie „heilige Zeiten“. Alles in mir ist aufgeregt, ohne einen äußeren Grund zu haben. Es liegt etwas in der Luft, das ich verstandesmäßig nicht fassen kann und trotzdem ist es etwas Anfassbares.

Heute, und eigentlich schon länger, beschäftigt mich das Wort „fromm“. Ganze Bücher sind darüber geschrieben, „wild und fromm“. Ich kann nichts mit „fromm“ anfangen, es klingt nichts in mir auf, absolut nichts. Das hat mich schon mal betroffen gemacht. Habe ich da etwas nicht begriffen, fehlt mir da etwas? Was ist „fromm“? Kann man an „fromm“, obwohl es häufig in kirchlicher Sprache auftaucht, einfach vorbeigehen und „fromm“ nicht beachten.

Jetzt ist es mir im Sinne von „frömmeln“ begegnet. Das bewegt mich nun doch. „Frömmele“ ich und weiß es gar nicht? Weiterlesen „Fromm und Frömmeln“

Vom Dienen

Lieber Luther,

gestern hieß es als Schlusswort in der Predigt, man müsse sich nur gefallen lassen, dass Gott uns bediene, dann würden die Dinge gut. Wie in der Gastwirtschaft. Ich bestelle und Gott tut mir Gutes. Ist Glaube Konsum göttlicher Wohltaten? Ist Glaube ein bloßes Lassen, ein pures sich Gott überlassen? Oder ist da etwas mehr von Gottes Volk gefordert?

Da scheinen unterschiedliche Geisteshaltungen aufeinanderzutreffen. Welcher ich zuneige, ist dir, lieber Luther, bekannt. Ich mache keinen Hehl daraus. Da bin ich ganz calvinistisch-protestantisch. Jedoch mag ich es mir nicht so leicht machen und doch nochmals in die Bibel schauen, was ich da begreife. Oft sind die Dinge ja nicht einfach schwarz und weiß.

Für das Alte Testament lässt sich die Frage leicht beantworten. Alle Propheten und hervorgehobenen Gottesmänner und -frauen haben sich als Knechte und Diener Gottes gesehen. Alle haben einen göttlichen Auftrag vernommen, den sie unter allerlei Widrigkeiten versucht haben umzusetzen. Alle haben gehadert und gelitten, bis hin zur Verzweiflung, zur Erschöpfung, zur Lebensmüdigkeit. Gott hat sie aber nicht aus ihrem Auftrag entlassen, bis er erfüllt war. Sie waren Knechte, die folgsam ihren Dienst im Auftrag Gottes erfüllt haben. Bequem hatte es keiner, jeder ist gestrauchelt. Alle waren bis zum Ende Diener Gottes, im Dienste Gottes, wie fehlbar sie auch waren, wie viel Selbstzweifel sie auch plagten, wie müde und überfordert sie sich auch fühlten. Das können wir von ihnen lernen.

Das Leben dieser Gottesdiener und –dienerinnen war alles andere als nur „zulassen, dass Gott wirkt.“ Was heißt das jeden Tag, wenn das Volk Hunger hat, ein Gemetzel bevorsteht, die Loyalität wankt? Sie mussten Entscheidungen treffen – manchmal auch falsche, sie mussten handeln, sie mussten sich der jeweiligen Lebenswirklichkeit stellen. Glaube war und ist nicht abgekoppelt von den Fährnissen des alltäglichen Lebens. Der Mensch ist gefordert, es kommt seltenst ein Deus ex Machina, der die Situation per Fernlösung rettet. Glaube ist keine Schönwetterveranstaltung, in der sich immer alle lieb haben. Auch bei Gottes Heiligen nicht. Auch das können wir von ihnen lernen.

Mensch ist nicht Gottes Marionette. Auch wenn Gott mit einem ist, ist es der Mensch, der die Verantwortung trägt, der für sein Tun verantwortlich ist, der hört und übertönt, der handelt und unterlässt, der liebt und verletzt. Je weniger er Gottes Wort hört und je weniger er versteht, was Gott will, desto mehr irrt er, geht er am Willen Gottes vorbei.

Diese Eigenverantwortlichkeit des Menschen hat auch Jesus nicht von den Menschen genommen. Im Gegenteil, er ist gestorben, weil Mensch in dem, was er selbstverantwortlich tut, irrt und vom rechten Weg abweicht. Weil Mensch eben Mensch ist und nicht Christus.

Aber Jesus hat auch den Dienst eingefordert: „Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ (Joh 12,26). Auch die Hierarchie hat er klargestellt: „Ihr heißt mich Meister und Herr und saget recht daran, denn ich bin es auch. So nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen. …Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr, noch der Apostel größer denn der ihn gesandt hat“ (Joh 13,13ff). Das ist eindeutig, weder Gott noch Christus ist unser Diener, das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben.

Und immer wieder die Botschaft: Haltet meine Gebote und erfüllt euren Auftrag: „Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt“ (Joh 17, 18). Und er hat vorhergesagt, dass seine Diener schwer an und in der Welt leiden werden, auch die Männer und Frauen des Neuen Testaments, nicht nur diejenigen des alten. Auch das sollten wir hören.

Jesus hat den Jüngern die Füße gewaschen, weil er ihnen ein Beispiel vom Dienen und von Demut geben wollte. Seht her, ich bin mir dafür nicht zu schade. Er hat ihnen das ins Stammbuch geschrieben als Beispiel für den Dienst am Nächsten, den er von ihnen erwartete. Das sollten wir beherzigen.

Jesus war, wie die Propheten des Alten Testaments, im Dienste Gottes unterwegs, aber sicher nicht, um die Menschen zu bedienen, sondern sie zu lehren, Gottes Wort und Gebot zu halten. Es lag ihm absolut fern, menschliche Bequemlichkeiten zu bedienen, er hat es den Menschen in seiner Umgebung zu keiner Zeit leicht gemacht. Er war streng und nahm es mit dem Wort genau. Jesus war ein Diener Gottes und des Wortes, aber keiner, der sich von Menschen in Dienst stellen und instrumentalisieren ließ. Das sollten wir nicht verwechseln.

Lieber Luther, Altes und Neues Testament sind in dieser Botschaft vom Dienst und der Dienerschaft des Gottesmenschen meines Erachtens deckungsgleich. Gott liebt mich, aber er bedient mich nicht, er ist der HERR und ich sein Knecht. Ich denke, lieber Luther, davon kannst auch du ein Lied singen.

Herzliche Grüße
Deborrah

Pharisäer und Schriftgelehrte

Lieber Luther,

Ich befürchte, mit meinem Brief heute setze ich mich bei Dir in die Nesseln. Aber Du kennst das ja von mir, was raus muss, muss raus.

Die Tageslosung von heute heißt:

Zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief, sagte ich: Hier bin ich, hier bin ich! (Jes 65,1)

Jesus geht zu den Heiden. Er ist bei denjenigen, bei denen es nicht offensichtlich ist, dass sie glauben, bei denen es man auf den ersten Blick nicht erwartet. Sein Verhältnis zum Kirchenestablishment, zu denen, von denen man per se annimmt, dass sie diejenigen sind, die Gottes Wort am ehesten verstehen und autorisiert sind, es auszulegen und zu verbreiten, war mehr als gespalten.

Im sechsfachen Weheruf gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten (Lk 11, 37-54) schleudert er ihnen entgegen:

Ihr Pharisäer haltet die Becher und Schüsseln auswendig reinlich, aber euer Inwendiges ist voll Raubes und Bosheit. Ihr Narren, meint ihr, dass es inwendig rein sei, wenn’s auswendig rein ist? Doch gebt Almosen von dem, was da ist, siehe, so ist’s euch alles rein.

Weh euch Pharisäern, dass ihr verzehnfacht die Minze und Raute und allerlei Kohl, und geht vorbei an dem Gericht und an der Liebe Gottes! Dies sollte man tun und jenes nicht lassen.
Weh euch Pharisäern, dass ihr gerne obenan sitzt in den Schulen und wollt gegrüßt sein auf dem Markt.
Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr seid wie die verdeckten Totengräber, darüber die Leute laufen, und kennen sie nicht!
Weh euch Schriftgelehrten! denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten, und ihr rührt sie nicht mit einem Finger an.
Weh euch! denn ihr baut der Propheten Gräber; eure Väter aber haben sie getötet. So bezeugt ihr und willigt in eurer Väter Werke; denn sie töteten sie, so baut ihr ihre Gräber.
Weh euch Schriftgelehrten! denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr kommt nicht hinein und wehret denen, die hinein wollen.

Als er das zu ihnen sagte, fingen die Schriftgelehrten und Pharisäer an, ihn hart zu bedrängen und ihm mit mancherlei Fragen zuzusetzen, und lauerten ihm auf und suchten, ob sie etwas aus seinem Munde erjagen könnten, das sie gegen ihn verwenden konnten.

Ja, das ist Jesus, der so spricht. Welch ein Abrechnung mit der herrschenden Klasse der Kirchenmänner. Das konnten sie nicht auf sich sitzen lassen. Das war das wahre Todesurteil für Jesus. Die anderen Beteiligten waren Randfiguren in dem Spiel, das gespielt wurde.

Zusammengefasst:
Wehe, die ihr Dienst tut in meinem Namen
ohne wahre Nächstenliebe,
von persönlicher Bequemlichkeit, Eitelkeit und Sucht nach Anerkennung getrieben und
die Unbequemen ausgrenzt und in der Versenkung verschwinden lasst,
die ihr Totengräber der wahren Kirche und des Glaubens seid.

Lieber Luther, ich glaube, das kommt Dir bekannt vor, auch wenn Du einer von Ihnen bist, die hier gemeint sind. Mir kommt das auch bekannt vor. Das macht die Testamente aus: Sie sind immer aktuell.

Jesus hat sich scharf von der theologischen Kaste abgegrenzt und Menschen außerhalb des theologisch-kirchlichen Establishments gefischt, „Heiden“. Er hat seine Kirche außerhalb jeglicher Organisation und jenseits von Gesetz und herrschender Ordnung gelebt. Er war ein unbequemer Querdenker, der die theologischen Rollenträger herausforderte und provozierte.

Ist er uns darin ein Vorbild mit vielerlei Konsequenzen, wenn man es ernst nimmt? Was heißt das für das, was man im kirchlichen Sprachgebrauch Sakramente nennt? Braucht es dazu organisierte Kirche, theologische Rollenträger? Was unterscheidet sie im Glauben vor Gott von mir? Vor Gott sind wir doch alle gleich nackt.

Das ist nicht einfach zu beantworten. Darüber, lieber Luther, und die Konsequenzen, muss ich – wahrscheinlich noch lange – nachdenken.

Herzliche Grüße
Deborrah

Hochzeit von Kanaan

Lieber Luther,

manche Dinge gehen mir zu langsam, manche zu schnell. Heute ist schon der letzte Sonntag nach Epiphanias. So weit bin ich noch lange nicht. Ich bin gerade mal bei der Hochzeit von Kana angelangt. Das ist ja eine wichtige Bibelstelle, das erste „Wunder“.

Beim Kirchgang heute ist mir hierzu ein Licht aufgegangen, Weiterlesen „Hochzeit von Kanaan“