Plädoyer für Martha

Darf oder muss der Mensch sich Sorgen machen um seinen Nächsten? Oder lässt er alles fahren? Gott sorgt ja für einen? Er wird schon den Strick, an dem der andere mit schon blau angelaufener Zunge hängt, durchschneiden. Hauptsache ich sorge für mich. Martha oder Maria?

Martha würde sofort zur Hilfe eilen.
Dennoch hat sie schlechte Karten.
Sie wird abgekanzelt.
Sie ist die Geringere.
Sie ist zu irden.
Sie steht zu sehr mit beiden Beinen im Leben.
Sie ist keine Tagträumerin.
Sie nimmt die Verantwortung für den Nächsten.
Sie reagiert weiblich mütterlich.
Sie handelt reif.

Aber:
Sie schneidet im allgemein (männlichen) Urteil in ihrem Handeln für den Nächsten schlecht ab.
Maria hat den „guten Teil“.
Sie himmelt an,
ist Frauen-Seelchen –
im wahrsten Sinne des Wortes.

Das schmeichelt.
Das tut Männerseelen gut.
Den historischen wie den heutigen.

Ohne Martha könnte die Männerschar sehen, wo sie die Nacht über bleibt. Die hungrigen Mägen würden hungrig bleiben. Würde Manna vom Himmel fallen? Was tun, wenn kein Manna vom Himmel fällt? Nur vom Anhimmeln leben? Wunder passieren nicht jeden Tag.

Das wird hart, Ihr Männer.

Martha, Martha, nimm es gelassen. Sie haben es nicht verstanden:

„eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt“.

Heißt: Eins-Sein tut Not, jungfräuliche Seele bewahren und reife Frucht bringen. Maria ist der eine Teil, Martha der andere. Nur zusammen sind sie eins. Für die Seele zu sorgen, ist ein Teil. Die Seele im göttlichen Grund ist per se das „Gute“. Aber

ohne irdenes Gefäß,
ohne fruchtbringendes Handeln,
ohne weibliches Gebären im Körperlichen,
ohne Tun für den Nächsten,

verhungert die Seele, bliebe sie allein, unvollendet. Weil dies so ist, hat Gott die Welt geschaffen. Ohne diesen anderen Teil würde das Ganze seinen immanenten Sinn verfehlen, wäre es nicht eins. Aber es ist der fleischlich, irdene Teil, der nicht göttliche, der sündhafte, der der fehlen kann. Deshalb hat Maria das gute Teil gewählt.

Martha steht für die reife Frau. Sie nimmt nicht alles hin, sie hinterfragt. Sie sagt nicht, obwohl sie das Kraft ihrer Stellung könnte, „Maria, geh in die Küche“, sie lässt Maria gewähren. Sie fordert Jesus heraus, indem sie provozierend fragt. „Willst du nicht …“. Die vordergründige Antwort hat sie sicher schon vorher gewusst, und trotzdem hat sie ihn gefragt, weil sie die Begründung gereizt hat. Und sie versteht sie. Da gibt es nichts zu widersprechen.

Martha ist es, die nach Lazarus Tod Jesus entgegeneilt. Sie weiß was zu tun ist. Sie weiß, wer helfen kann. Daraus entwickelt sich der faszinierendste Dialog, den Jesus in der Bibel mit einer Frau führt.

Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber auch jetzt weiß ich, was immer du von Gott erbitten wirst, das wird Gott dir geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen! Martha spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. (Joh 11, 22-28)

Martha glaubt ohne Wenn und Aber. Das, was Maria noch lernen musste, war für Martha längst ein „Wissen“. Sie sieht Jesus bereits als den Christus, felsenfest, ohne Zögern, ohne Wanken, reif. Sie ist darin das weibliche Pendant zu Petrus, sie ist Petrusin. Weit herausragend, tief verkannt.

Nein Martha, lass die nicht irritieren, schneide den Strick um den Hals deines Nächsten durch, lass ihn nicht ersticken.

Täter des Wortes
Täter des Wortes

„Ich weiß … „

Suscipe

Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit.
Nimm mein Gedächtnis, meinen Verstand,
meinen ganzen Willen.

Was ich habe und besitze
hast du mir geschenkt.
Ich stelle es dir wieder ganz und gar zurück
und übergebe alles dir,
dass du es lenkst nach deinem Willen.

Nur deine Liebe schenke mir mit deiner Gnade,
und ich bin reich genug
und suche nichts weiter.
(Ignatius von Loyola)

Macht mich das frei von menschlicher Sorge?
Von Menschen, die sich um mich sorgen?
Von Verantwortung für mich selbst?

Ermächtigt mich das zum „Ich brauche deine Sorge nicht?“

Nein, das ist arrogant.

Gottes Liebe wirkt im sozialen Geflecht, im Umgang miteinander, im Geben und Nehmen. Sie ist keine egoistische, selbstverliebte, auf sich selbst bezogene Veranstaltung.

Ganz im Gegenteil. Sie überantwortet eine ganz besondere Sorgfalt im Umgang mit anderen in unsere Verantwortung. Gottes Liebe begegnet uns am direktesten in unserem Handeln für andere, in der Sorge um den anderen.

Das „dass du lenkest nach deinem Willen“ bedarf, solange wir Mensch sind, des Verstehens, was immer eine menschliche Interpretation ist. Göttlicher Wille bedarf des menschlichen Handelns im jeweiligen Kontext. Sonst läuft er ins Leere.

Diese Verantwortung können wir nicht abschieben. Auch nicht in unseren Katastrophen. Da können wir uns nicht in unseren Schmollwinkel zurückziehen und sagen: „Handle du.“. Der göttliche Wille gebiert sich in unserem Willen.

Gerade in den Katastrophen.
Gerade da bedarf es besonderer Achtsamkeit.
Gerade da bedarf es unseres Handelns.

Giftpilz oder Speisepilz?
Essen oder nicht?
Die Entscheidung liegt allein bei uns.

Fliegenpilz

Leere Gedanken

Heute ist ein leerer Tag. Es geht mir weder gut, noch schlecht. Meine Gedanken mögen sich nirgends festhalten. Sie kommen und gehen, ohne dass ich für einen eine besondere Leidenschaft entwickeln würde.

Muss ich beunruhigt sein?
Bin ich erschöpft?
Bin ich ausgebrannt?

Auch darüber mag ich nicht nachdenken.

leerer Tag
Leerer Tag

Herbst

Herbst. Das Leben in Veränderung. Was das Jahr über gewachsen ist, geht der Vollendung entgegen. Natur in ihrer Fragilität.

Fragilität
Fragilität

Die Zeichen des Umbruchs sind nicht zu übersehen. Die Farben können nicht darüber hinwegtäuschen. Sie sind wie Potemkinsche Dörfer vor dem Grau des Novembers.

Umbruch
Umbruch

Gewachsene Strukturen lösen sich auf. Die Lebensgeister entfliehen der Materie.

Lebensgeister
Lebensgeister

Gott als das stets sich verändernde Leben. Er wirkt und seine Natur wird, auch in der Auflösung.

Auflösung
Auflösung

„Das Ziel und Ende, zu dem alle Dinge als zu ihrer letzten Vollendung hindrängen, ist an keine bestimmte Weise gebunden. Es entwächst der (begrenzten) Weise und geht in die (unbegrenzte) Weite.“ (Meister Eckhart)

Lebenswolken
Lebenswolken

Misstrauen

Bisher ist mir nur etwas zu „Vertrauen“ eingefallen.Schwieriger wird es beim Miß-Trauen, der anderen Seite der Medaille.

Es ist wie Giersch. Hast du einmal eine Pflanze in deinem Garten, bekommst du sie nicht mehr los. Sie vermehrt sich. Du findest Möglichkeiten, sie nützlich einzusetzen. Dem sind aber Grenzen gesetzt. Immer wieder wächst der Giersch neu und bildet Ableger. Irgendwann kommst du nicht mehr mit, du kannst ihn nicht mehr nützlich verarbeiten. Also versucht du ihn auszutilgen, reißt in aus. Wie sehr du dich auch anstrengst, es bleibt ein winziges Würzelchen, das wieder austreibt und neue Pflanzen und Ableger hervorbringt.

So ist es auch mit dem Miß-Trauen.

Wenn es einmal in dich gepflanzt ist, bringst du es nicht mehr los. Eine Begebenheit reicht – und schon ist es wieder da. Entgegen allen Wünschen und Selbsterziehungsversuchen. Es kriecht in dir hoch und überwuchert alles andere. Es erinnert an deinen Erfahrungsschatz. Es ist ein Echo deiner gesammelten schlechten Erfahrungen.

Ich mag dieses Echo nicht. Wie schalte ich es aus? Wie ist die Angst zu bezwingen, dass das Echo nicht nur leerer Schall ist, irre führender Innenhall? Oder vielleicht doch nicht? Versuchst du dir ein X für ein U vorzumachen?

Misstrauen ist wie Giersch

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein.  Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“.

Und wenn die Frucht reif ist, ist Erntezeit. Vor dem Ernten aber steht das Säen und Wachsen.

Das Ur-Korn, die Ur-Saat, tragen wir in uns. Der göttliche Keimling kann wachsen, wenn wir bereit sind, die Hülle unserer Oberflächlichkeit und unserer oberflächlichen Empfindlichkeit gehen – ersterben – zu lassen.

Wir denken – bewusst oder unbewusst – die Hülle schütze uns, deshalb halten wir sie fest. Tatsächlich verhindert sie, dass wir wachsen können, sie beengt uns, sie schließt uns ein und gleichzeitig aus.

Wenn wir die Hülle sich aufweichen, auflösen lassen, Licht und Wärme an den Keim heranlassen, ihn mit genügend Nährstoffen versorgen, kann er wachsen, gedeihen und schließlich reifen.

Wachsen und Reifen braucht Zeit und eine Umgebung, die Wachsen zulässt. Die kärglichste äußere Umgebung kann wachsen lassen.

Ein Weizenkorn keimt in der Erde, umgeben von Dunkelheit. Und dennoch keimt es, die äußere Dunkelheit kann es nicht verhindern, im Gegenteil, sie fördert es. Der Keim wächst aus der Dunkelheit ins Licht.

So können wir auch unserer Dunkelheit entwachsen, jeder für sich erwachsen werden. Doch wir müssen dem Keim die innere Umgebung schaffen und schaffen wollen, dass er wachsen kann. Wir müssen erwachen zum Wachsen, erwachsen werden wollen. Damit der Trieb wächst, bedarf es eigenen Antriebs. Wir müssen uns bewegen.

Irgendwann ist es soweit und wir sind bereit. Frühlingserwachen. Wir lassen die äußeren Hüllen los, fangen an zu wachsen und tragen Frucht, früher oder später, unabhängig von der menschlich physischen Jahreszeit, jeder nach seiner Art und in seinem Tempo.

Wenn die Frucht reif ist, können wir Frucht zu Frucht werden lassen:

Wir können sie einlagern für kalte Zeiten,
Wir können Nahrung daraus machen,
Wir können sie verschenken.
Wir können sie wieder zu Saatgut machen,
für andere oder für uns selbst.

Was wir daraus machen, liegt an und in uns.
Wie viel wir für uns selbst behalten und
wie viel wir wann und an wen verschenken,
ist unsere Entscheidung, die nimmt uns niemand ab.

Unserer Aufmerksamkeit und unserem Vermögen sind menschliche Grenzen gesetzt. So vermögen wir nicht, die gesamte Frucht einer fruchtbaren Bestimmung zuzuführen.

Aber in Notzeiten können wir vom Vorrat, den wir angesammelt haben, zehren. Mit dem Teil, den wir als Saatgut für uns selber verwenden, können wir wieder wachsen und neue Frucht tragen.

Auf diese Weise ist jedes Ende eines Wachstumszyklus der Anfang eines neuen. Wir fallen wieder zurück in die Dunkelheit und beginnen von neuem, der Dunkelheit wieder zu entwachsen.

So ist das Leben ein Säen, Wachsen und Ernten.

Irgendwann ist zum letzten Mal Erntezeit. Die Frucht fällt aus der Ähre. Ein Anderer erntet.

Dann verliert das Weizenkorn die äußere Form und ist wieder Ur-Korn.

Dann ist wahrer Erntedank.

Hartweizen

Vertrauen

„Vertrauen wagen dürfen wir getrost, den du, Gott, bist mit uns …. „

Ja, vertraue ich?
Vertraue ich bedingungslos?
Wem vertraue ich?
Oder vertraue ich nur zu meinen Konditionen?

Vertraue ich auch, wenn ich verletzt bin?
Vertraue ich dem, der mich menschlich enttäuscht?
Vertraue ich, wenn nichts als Schweigen ist?
Vertraue ich auf meinen Weg?
Vertraue ich meinem Vertrauen?

Wieso ist Vertrauen so wichtig?
Wieso brauche ich Vertrauen?
Wieso gebe ich Vertrauen?

Was ist Vertrauen?
Wann gebe ich es?
Wann verweigere ich es?

Ist Vertrauen ein Vorschuss, den ich gewähre,
in Erwartung, dass irgendwann etwas zurück kommt?
Von einem Mitmenschen?
Von Gott?

Ist es eine Komfortzone,
in die ich mich begebe,
damit meine Angst weicht und
ich mich sicher fühle?

Brauche ich Antworten auf all diese Fragen?

Vertrauen kennt keine Fragen und braucht keine Antworten.

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,
Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit,
Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.

Und so wandere ich weiter, einfach vertrauend. Ganz einfach.

Vertrauen im Nebel

Aus Wüsten Gärten machen

Mir ist heut morgen schon ein sehr schöner Text begegnet.

Wo ein Mensch Vertrauen gibt,
nicht nur an sich selber denkt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch den andern sieht,
nicht nur sich und seine Welt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch sich selbst verschenkt
und den alten Weg verlässt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

(Text: Hans-Jürgen Netz 1975)

Nichts hinzuzufügen.

Aus Wuesten Gaerten machen