Vom Sterben – eine Mutmachgeschichte

Vom Sterben reden wir nicht gerne. Am besten würden wir es verdrängen, vergessen, totschweigen. Schon gar nicht an Weihnachten. Ich rede vom Sterben, ich habe es schon öfters hier in dem Blog getan, etwa als ich von Beates Sterben erzählt habe.

Viele Menschen haben Angst, einen wahren Horror vor dem Sterben oder dem Tod, was nicht das Gleiche ist, aber das sei hier dahingestellt. Mein Vater ist heute gestorben. Er war einer, der nicht vom Sterben reden wollte, Er wollte auch im Leben keine Menschen besuchen, die im Sterben lagen oder schwer krank waren. Darin ist er sich treu geblieben bis zum Ende. Keinen Besuch. Bis auf mich. Auf mich hat er noch gewartet.

Tod, wo ist dein Stachel? Ich will erzählen, wie er gestorben ist, um Mut zu machen, Mut, die Angst vor dem Sterben zu lassen, das Tabu wegzunehmen, den Tod anzunehmen, das Sterben zu leben, im Leben denjenigen sterben zu lassen, für den die Zeit gekommen ist. Den Tod als Teil des Lebens zu nehmen. Den Tod als Anfang eines neuen Lebens zu nehmen.

Mein Vater ist zu Hause gestorben, in dem Haus, in dem er und auch ich geboren bin. Krankenhaus und Ärzte waren ihm ein Gräuel. Er wurde hingebungsvoll gepflegt von meiner Schwägerin. Das war nicht selbstverständlich. Sie hat Jahrzehnte unter ihm gelitten. Als sie ihn immer hilfloser werden sah, hat dies ihr Herz gerührt. Sie hat nicht nachgetragen. Sie hat ihn nicht ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim abgeschoben, sie hat ihr Herz geöffnet, sich von seiner Hilflosigkeit berühren lassen, ihren Frieden mit ihm gemacht und sich ihm liebevoll zugewendet. Das nennt man wohl Vergebung oder auch Nächstenliebe.

In dem Haus leben 4 Generationen zusammen, eine Großfamilie mit viel Kommen und Gehen, viel Aus und Ein. Eine Bauernfamilie. Still ist es die ganze Nacht nicht. Irgendjemand ist immer am Kommen oder Gehen. Es geht laut, manchmal auch für mein Gefühl roh, aber herzlich und ehrlich zu. Die Tür zum Zimmer meines Vaters war unter Tags in der Regel einen Spalt offen. Er hat bis zuletzt Teil genommen am Leben der Familie. Zunächst habe ich gedacht, könnten sie nicht mehr Rücksicht nehmen? Dann ist mir aber klar geworden, dass gerade diese Normalität ihn birgt. Er kennt die Stimmen aller Familienmitglieder, vielleicht die der wechselnden Freundinnen der Enkel nicht. Einmal hat er mich nach einer solchen ihm unbekannten Stimme gefragt. Er war im Kopf ganz klar, so klar wie in den letzten 2 Jahren nicht. Meine Anwesenheit hat ihm nochmals einen letzten Lebensschub gegeben.

Als ich so an seinem Bett saß, hat sich mir der Sinn von „werdet wie die Kinder“ erschlossen. Am Lebensende kann man hilfloser sein als ein neugeborenes Kind. Das kann wenigstens noch schreien. Sterbenden fehlt die Kraft und die Stimme dazu. Es geht nichts mehr, die Körperfunktionen sind außer Kontrolle, kein Eigensinn, keine Bosheit oder Bösartigkeit, alles muss abgegeben werden, auch die Würde und das Schamgefühl. Zum Vorschein kommt der reine Mensch. Der reine Kern der Seele. Bescheidenheit, Dankbarkeit und Anerkennung der Zuwendung. Mein Vater hat noch nie in seinem Leben so oft Danke gesagt, wie in den letzten Wochen seines Lebens. Mensch ist in seinem körperlichen Verfall zurückgeführt auf seinen innersten Kern und der ist gut und freundlich, dem Nächsten zugetan. Werdet wie die Kinder. Derart vorbereitet sind wir gut vorbereitet, wenn wir durch das Sterbenstor treten und Gottes Klarheit und Wahrheit uns umfängt. „Wie lange dauert es noch?“ hat er mich wiederholt gefragt und ich habe geantwortet, „Ich weiß es nicht.“. Er wusste genau, dass der Augenblick, vor dem er sich so gefürchtet hat, nahe war, jedoch, ich hatte den Eindruck, dass ihm die Furcht genommen war. Aller Widerstand war abgelegt und wie ich meine, auch die Angst.

Ich habe noch Weihnachten mit ihm gefeiert, an Heiligabend, als schon der erste Weihnachtstag angebrochen war. Heiligabend wird bei uns traditionell mit der ganzen Großfamilie gefeiert, alle Generationen mit Anhang um den Tisch. Anschließend wird gesungen und dann ist Bescherung. Ausgiebig, laut und fröhlich geht es zu. Mir ist das zu wenig Andacht und so habe ich mich mit meiner Familie seit einem Jahrzehnt zurückgezogen. Aber dieses Jahr haben wir unverhofft, zur Freude meiner Kinder, wieder mitgefeiert. Nach der langen und fröhlichen Feier bin ich noch bei meinem Vater vorbeigegangen. Ich habe mich an sein Bett gesetzt und in aller Andacht Weihnachtslieder für ihn gesungen, bis ich nicht mehr singen konnte. Er hat mir seine Hand entgegengestreckt, ich habe sie genommen und während der ganzen Zeit gehalten. Mein jüngerer Sohn hat sich still dazugesellt. Es war wunderbar. Hier war Weihnachten, hier spürte ich Weihnachten. Hier habe ich schließlich doch noch Weihnachten in diesem Jahr gefunden. Als ich geendet hatte, lag feierliche, andächtige Stille im Raum. Das Gesicht meines Vaters lag ganz friedlich im Halbdunkel. Jesus kann auch so an Weihnachten kommen und er ist ganz gegenwärtig. Ich hatte das Gefühl, dass ich Weihnachten noch nie so intensiv gefühlt habe.

Gestern sind wir zurückgereist. Abends bin ich in die Kirche und habe für ihn gebetet: Lieber Gott, vergib uns unsere Schuld, öffne deine barmherzigen Arme, nimm seine Hand, sende ihm einen Engel entgegen. In „meiner“ Kirche bekommen meine Gebete immer eine besondere Kraft. Und Gott hat gehört.

So ist mein Vater heute gestorben, zu Hause, ohne Krankenhaus, ohne Medikamente, ohne Arzt, im Kreis seiner Familie, mein Bruder und meine Schwägerin waren bei ihm, als er starb. Alles war erledigt. Alle waren vorbereitet, alle haben anerkannt, dass der Augenblick da war. Und weder meine Schwägerin, noch eines seiner Kinder, hatten Hemmungen oder Angst, mit seinem Sterben umzugehen. Keine Unwahrheiten, keine Beschönigungen, einfach die Dinge so nehmen, wie sie im Augenblick sind, auch wenn sie nicht schön anzusehen sind, der Geruch des Todes schon im Raum liegt.

Mein Vater ist leicht und in Frieden hinüber gegangen, mit seinem typischen schelmischen Lächeln im Gesicht, ein Lächeln, als hätte er eine diebische Freude in sich: Seht, ich konnte es, was keiner gedacht hat, dass ich es schaffe, habe ich geschafft. Mir gehört die Welt. Der Friede und die Größe Gottes lag auf seinem Gesicht. Wir sind alle froh, dass Gott es nach einem schwierigen Leben so gut mit ihm gemeint hat.

Jesus ist kommen
Grund ewiger Freude;
A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide,
Schöpfer wie kommst du den Menschen so nah.
Himmel und Erde erzählet’s den Heiden:
Jesus ist kommen,
Grund ewiger Freude.

(EG, Nr. 66)

Krippe
An der Futterkrippe

The hurdles of life – Lebenshürden

To jump over a hurdle you need courage.
Often, the hurdle is not as high as you think.
Often, the hurdle is only in your brain.
It is a pure inner hurdles racing.

If you recognize the hurdle
the hurdle loose more and more contur.
You not even need to jump any more,
you not even need courage any more,
the way is prepared,
the inner misery gone.
The hurdle of the hurdle is the hurdle of fear.

 

Über eine Hürde zu springen, braucht immer
Oft ist sie gar nicht so hoch,wie man denkt.
Oft besteht sie nur im Kopf, ist es ein rein innerer Hürdenlauf.

Ist die Hürde erkannt, verliert sie an Kontur.
Braucht man nicht mehr springen, braucht nicht einmal mehr Mut,
der Weg ebnet sich wie von selbst, vorbei ist die Not.
Die Hürde der Hürde ist die Angsthürde.

http://deborrah-pilgerreise.blogspot.de/2013/12/hurden.html

hurdle life Lebenshürden
The hurdles in life

 

Advents-Dunkel – the darkness in advent

Wenn man das Dunkel im Advent zulässt,
bereitet sich der Boden für Weihnachten,
als ob die Helligkeit von Weihnachten
erst sichtbar werden kann,
wenn man das Dunkel im Advent zulässt.

If you allow the advent to be dark
the soil is prepared for christmas,
as if the brightness of christmass
could only be seen
if you allow the advent to be dark.

Haus Dunkelheit Advent Weihnachten
Haus im Dunkeln

Arche

Arche,
Zufluchtsort.
Trutzburg in Sturm und Wellen,
Rettung vor dem Untergang,
Schutz vor Regengüssen,
Einsamkeit,
Abschied und Aufbruch,
Heimat auf Zeit,
Archipel der Hoffnung,
Insel des Glaubens,
schwankender Boden,
bis Land in Sicht ist.

 

Arche Hoffnung Zuversicht Glaube
Arche – Ort der Zuflucht, Ort der Hoffnung

Bande

Bande halten zusammen,
Geschäftsbande,
Nachbarschaftsbande,
Social Community Bande,
Familienbande,
Freundschaftsbande,
Liebesbande.

Bande halten zurück,
legen fest,
verpflichten,
begrenzen,
vereinnahmen,
schnüren ein.

Bande sind Bünde.
Die einen halten,
die anderen zerbrechen.
Manche vergehen,
andere bleiben in Ewigkeit.

Ob ein Band von Dauer ist, zeigt sich,
wenn es Dauerbelastung über die Zeit aushält.
Das Band, das Gott wirkt, hält alles aus,
menschliche Bande nur, wenn Gott sie wirkt.

Kreuz, Himmel, Gott
Bande

Gesänge der Seele

Johannes vom Kreuz

In einer dunklen Nacht,
entflammt von Liebessehnen,
o seliges Geschick!
Entfloh ich unbemerkt,
da nun mein Haus in Ruhe lag.

In Dunkelheit und ungefährdet,
auf geheimer Leiter, vermummt,
o seliges Geschick!
In Dunkelheit und im verborgnen,
da nun mein Haus in Ruhe lag.

In der seligen Nacht,
insgeheim, so dass mich keiner sah,
und ich selber nichts gewahrte,
ohne anderes Licht und Geleit
außer dem, das in meinem Herzen brannte.

Dieses führte mich
Sicherer als das Mittagslicht
Dorthin, wo meiner harrte
Der wohl Vertraute,
an den Ort, wo niemand sonst sich zeigte.

O Nacht, die mich lenkte!
O Nacht, holder als das Frührot!
O Nacht, die den Geliebten
mit der Geliebten vereinte,
die Geliebte in den Geliebten wandelte.

An meiner blühenden Brust,
die für ihn sich ganz bewahrte,
dort schlief er ein,
und war zärtlich zu ihm,
und die Zedern fächelten im Wind.

Der Windhauch von der Zinne
– Als er nun sein Haar ausbreitete –
Mit seiner leichten Hand
Berührte er meinen Hals
Und machte alle meine Sinne schwinden.

So blieb ich und vergaß mich selbst,
neigte das Antlitz über den Geliebten.
Alles erlosch, ich gab mich auf,
ließ meine Sorgen fahren,
vergessen unter Lilien.

 

Lilien

2. Advent

Der 2.Advent ist fast vorbei.
Die Adventskerzen in mir sind immer noch aus.

Der Windstoß im letzten Advent war so kräftig,
dass er diesen Advent noch vorhält.

Ich hab das schon geahnt, aber glauben wollte ich es nicht,
aber du, lieber Gott, sitzt immer am längeren Hebel.

Wieso feiert ihr das Licht schon jetzt?
Kommt es nicht erst an Weihnachten?

Ist jetzt nicht eigentlich die dunkle Zeit?
Meine Augen schmerzt das viele Licht.

Ist nicht Fastenzeit, Passionszeit?
Was wollt ihr an Weihnachten noch feiern?

Ich würde gerne mal ein Experiment machen. Was ist, wenn die Kirche sich dem oberflächlichen Tun verweigert? Die Probe aufs Exempel macht. Wer kommt noch, wenn in der Kirche in der Adventszeit alle Lichter, alle Kerzen gelöscht werden, Ruhe und Nacht einkehrt, Besinnung und Andacht, der Blick nicht in die Lichtermeere nach außen geht, sondern in die Dunkelheit im Innern, Bespaßung Sendepause hätte. Wer würde noch kommen, wenn Kirche zu ihrem Ursprung zurückkehren würde?

Die Spreu trennte sich vom Weizen, man hörte die Gesänge der Seele und sähe das Licht in der Nacht.

Weiterlesen „2. Advent“

Rabe und Feigenbaum

Ein Feigenbaum stand in der Wüste,
kahl, wie verdörrt.
Kein Blatt, keine Frucht,
Jahr um Jahr.

Ein Rabe,
der seine Arche ganz in der Nähe geparkt hatte,
kam aus der Luke,
suchte ein Blatt am Feigenbaum.
Vergeblich,
Jahr um Jahr.

Der Feigenbaum schüttelte ihn ab.
Nein, ich treib nicht aus,
sonst kommt nur der Rabe und
holt sich ein Blatt.
Jahr um Jahr.

Hin und weder kamen Sperlinge,
sie machten sich keinen Kopf um das Blatt.
Sie setzten sich einfach auf einen kahlen Zweig
und zwitscherten dort unbekümmert auf Platt.
Jahr um Jahr.

Doch der Feigenbaum
erfreute sich nur kurz an ihrem Gesang,
So flatterten sie wieder davon,
zum nächsten Baum,
Jahr um Jahr.

Der Feigenbaum fragte sich,
soll ich wieder grünen?
Frucht treiben?
Der Gedanke gefiel ihm gut,
aber dann fehlte ihm der Mut.
Jahr um Jahr.

Es könnte ja ein Sturm kommen,
der die Blätter wieder vom Baum weht.
Meine Äste sind viel zu schwach,
um den Raben zu tragen.
Jahr um Jahr.

Er schwankte
zwischen Befürchtung und Hoffnung,
zwischen Hoffnung und Befürchtung,
Jahr um Jahr.

Der Rabe blieb, treu,
die Nahrung im Schnabel,
wartete und wartet
und schaut auf den Feigenbaum
Jahr um Jahr.

Rabe und Feigenbaum.
Das ungleiche Paar.
Baum und Vogel
sprechen nicht dieselbe Sprache.
Jahr um Jahr.

Irgendwann wird Sommer sein.
Für den Feigenbaum und den Raben.
Auch wenn es dauert,
Jahr
um
Jahr.

(Gedanken zum Evangelium vom 2. Advent, Lukas 21, 25-33)

Feigenbaum,
ein Dauerthema gerade,
wieso wohl?

 Bild

Orkan

Der Wind bläst, wo er will (Joh 3, 8). Du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, wo er anfängt und wo er endet, wann und wo der Geburtsaugenblick eines Orkans ist und wann er sein Leben wieder aushaucht, aus welcher Richtung er kommt und in welche er geht, ob es ein Lüftchen ist oder sich zu einem Orkan auswächst, ob er hinwegfegt oder nur an einem zerrt, ob er eine Schneise der Verwüstung hinterlässt oder nur ein paar Dächer abdeckt. Der Sturm säuselt, braust, wütet wie er will, nicht wie ich will. Er wirkt und bewirkt an mir ohne mein Zutun.

Wir sind menschlicher Sturm und Teil des göttlichen Windes oder Sturmes. Wir sind diejenigen, die Sturm säen und Orkan ernten. Wir sind diejenigen, die nicht wissen, ob Frucht bringt, was wir gesät haben, oder der Sturm die Ernte verhagelt. Wir sind diejenigen, die ein laues Lüftchen im Ganzen des göttlichen Windes sind. Wir wissen nicht, ob der göttliche Sturm die aufgegangenen Pflänzchen hinwegfegt oder das Säuseln des Windes sie reifen lässt und sie am Ende Frucht bringen.

Mensch, ein Wind, dessen Stärke und Richtung nicht wirklich zu fassen ist. Ob Wind, Sturm oder Orkan, entscheidet sich in der göttlichen Großwetterlage.

Wir haben keine Macht über den Wind.
Gottes Wind.

Image

Gewissen

Es ist wieder einmal Zeit für ein Gedicht von Mascha Kaléko:

Kurzer Dialog

Du und ich, lieber Gott,
wir beide wissen es,
Daß deine Welt noch lange nicht
Fertig war, als der siebente Tag
Anbrach.

Du hattest dich dazumal
Darauf verlassen,
Daß deine Geschöpfe
Gehilfen dir würden.
O weh.

Leiden läutern uns nicht,
Und durch Schaden wird man nicht klug.
Nur gerissen.
– Herr, du gabst uns die Welt, wie sie ist.
Gib uns doch bitte dazu
Das seinerzeit leider
Nicht mitgelieferte
Weltgewissen!

Oder: Resignation für Anfänger

In: Mascha Kaléko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gebet
Gebet

Leben nach dem Tod – Das Sterben und Lachen der Beate

Es gibt viele Menschen, die haben Angst vor dem Tod oder denken, nach dem Tod ist das Nichts. Sie fragen nach „Beweisen“, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Ich möchte eine Geschichte erzählen, eine Geschichte von einer Frau, deren Sterben Hoffnung geben kann. Sie kann zeigen, wie der Glaube die Angst vor dem Sterben heilen kann. Es ist die Geschichte von Beate. Ich bin sicher, es ist in ihrem Sinne, dass ich sie erzähle, da sie vielleicht dem ein oder anderen eine Hilfestellung ist.

Es ist Karwoche, immer eine dichte Zeit, in der Gottes Gegenwart besonders zu erfahren ist.
Ich stehe in der Auffahrt des Klosters als zu meiner Überraschung Beate mit dem Taxi vorfährt. Ich warte bis sie bezahlt hat und aussteigt. Beate ist klein und zierlich. Als ich sie in den Arm nehme, erschrecke ich. Sie ist nur noch Haut und Knochen, so richtig drücken mag ich sie gar nicht, ich habe Angst, sie zu zerbrechen. Wir freuen uns beide sehr, denn wir hätten beide nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen.

Beate ist schwer krank. Sie hat Krebs. Erst vergangenen August war es festgestellt worden. Im Dezember wäre sie fast schon gestorben. Aber sie war noch nicht bereit, noch nicht. An Neujahr schickte ich ihr ein Päckchen mit lauter kleinen Sächelchen, von denen ich wusste dass Beate sich daran festhalten konnte: einen Haselzweig, einen Stein, einen Ast, ein paar getrocknete Blätter, am Ast getrocknete Wildbeeren, Bibelversbonbons und andere Kleinigkeiten, auf die mein Auge vor dem Kloster gefallen war. Sie werden ihr Kraft geben, dachte ich, sie kommen von einem Ort, den wir beide als Kraftort empfinden. Ich brauchte einen ganzen Tag, um den Brief an sie zu schreiben. Was schreibt man einer Frau, die auf Abruf lebt? Kneifen wollte ich nicht.

Beate ist zäh und will noch nicht sterben. Ich verstehe das zwar nicht so ganz, wieso sie so eisern kämpft. Sie weiß doch auch, dass, wo sie hingeht, kein Schmerz mehr ist. So schreibe ich ihr, dass jeder den Weg bergauf in seinem eigenen Tempo gehen muss, zwischendrin vielleicht in ein Gewitter kommt oder sich ausruhen muss. Wenn du irgendwann oben ankommst, Beate, da bin ich ganz sicher, wartet eine warme Stube auf dich. Gute Reise Beate.

Und nun steht sie tatsächlich vor mir. Sie ist immer noch unterwegs nach oben. Wir gehen den Weg zum Kloster hinauf, zwischendrin muss sie anhalten, um Atem zu schöpfen. Sie ist schwach, hat aber eine Willensstärke, die man ihr auf den ersten Blick nicht zutrauen würde.

An Karfreitag gehen wir gemeinsam den Kreuzweg durch den Wald. Ich hake sie unter. An den verschiedenen Stationen singen wir aus einem Blatt. Den Impulstext überlässt sie mir achtlos. Ich spüre, solcher Art Dinge sind nicht mehr wichtig für sie. Sie feiert zum letzten Mal Karfreitag. Sie weiß es und ich weiß es.

Der Ostersonntag ist ein wunderschöner Frühlingstag. Strahlend blauer Himmel. Ich setze mich mit Beate auf die Wiese, wir lassen uns von der Sonne bescheinen und schauen den Menschen zu, die sich um das Kloster tummeln.

Beate erzählt und sagt, wir seien Seelenverwandte. Da fasse ich Mut und frage sie: Beate, wie ist es, wenn man stirbt? Wie ist das, wenn man schon für tot gehalten wird? Was passiert da? Und Beate erzählt.

Sie erzählt von der Achtlosigkeit der Menschen, die sich darüber unterhalten, dass sie tot ist. Man schwebe quasi über der Szenerie. Sie sieht und hört die Menschen von ihrem Tod reden. Sie findet das unglaublich. Der Widerspruch liegt auf ihren stummen Lippen. Schon das allein hält sie im Leben. Ich spüre ihre Empörung.

Ich löchere sie mit Fragen, ich will mein inneres Wissen mit dem abgleichen, was sie erfahren hat und sie gibt bereitwillig Auskunft, wir gleichen gemeinsam ab.

Sie erzählt davon, wie vor einem das eigene Leben wie ein Film abläuft, das Gute, das Böse, die Missetaten. Das sei heftig, sagt sie. Es sei kein Strafgericht, aber man muss sich alles ansehen. Man erschrickt vor sich selber. Sie hat keine Angst empfunden, eher ein schonungsloses wahrheitsgemäßes sich ins eigene Antlitz blicken, in die eigene Seele. Sich ungeschönt zu sehen, ist nicht unbedingt schön. Kein Vorwurf von irgendwem. Man muss vor sich selbst Rechenschaft ziehen. Und das Maß ist die ungeschönte Wahrheit. Das ist das Reinigungsbad, durch das uns Gott schickt, sein „Gericht“ ist unser eigenes Gericht über uns selbst.

Dann erzählt sie etwas, was mir neu ist: Sie sagt, man bleibe zusammen, man bleibe ganz. Man verliere alles Menschliche, die Person, aber das Wissen von sich als Ganzem bleibe erhalten. Ich wusste sofort, das war der Baustein, der mir gefehlt hatte. Das lässt mich zu meinem Vater, zu meinem Schöpfer gehen als „mich“. Ich löse mich nicht auf, ich bleibe – irgendwie – erhalten.

Als wir uns trennen, sind wir beide aufgewühlt. Es war das letzte Mal, dass ich Beate gesehen habe.

Die folgenden Wochen hatte sie noch ihr Leben aufzuräumen, begleitet, auch geistlich begleitet, von Einem, dem sie vertraut hat, der ihr geholfen hat, das loszuwerden, das sie bisher noch festgehalten hat.

Beate hat sich sorgfältig auf ihren Tod vorbereitet, Kerzen bastelnd, Engel malend. Sie hat bestimmt, was auf ihrem Sterbekärtchen stehen sollte. Auf dem Bild, das sie lächelnd kurz vor ihrem Tod zeigt, sieht man in ihren Augen schon den Glanz und das Leuchten der Ewigkeit. Jetzt war sie bereit.

Als der Augenblick ihres Sterbens da war, haben sich, wie von ihr erbeten, die Schwestern und Ärzte um ihr Bett versammelt, ihre selbstgebastelten Kerzen angezündet und das Lied gesungen, das sie hierfür ausgesucht hatte. Als es verklungen war, war sie auf dem Gipfel des Zionsberges angelangt und ihrem Schöpfer in die Arme gesunken.

Das letzte Stück ist sie leicht gegangen, ohne Schmerzmittel, das Ziel vor Augen, bereit loszulassen, den letzten Schritt zu tun, ohne Angst. Beate wusste, dass sie nicht ins Nichts geht. In Beate war ein Wissen von Gott, ein tiefer Glaube, ein starkes Vertrauen in Gott. Beate wurde 49 Jahre alt.

Beate ist in einem ganz normalen Krankenhaus gestorben. Die Ärzte und Schwestern haben ihren letzten Willen respektiert und sie tatsächlich hinüber in ihr neues Leben gesungen. Gegenwärtiger kann Gott nicht sein. Deshalb habe ich von Beates Leben und wunderbarem Sterben erzählt. Damit wir an ihr lernen. Das gibt ihrem Sterben einen Sinn.

Ich höre, wie sie zustimmt und lacht, ein strahlendes, alles überwindendes Lachen von dort, wo auch ich hingehen werde.

Gipfelankunft

Gefängnislicht

Das Gefängnis, in dem man sitzt, kann ein reales sein, Lebenswelten, Arbeitswelten, aber auch die Gedanken, in denen man gefangen ist. Letzteres ist oft noch einengender als nur räumliche Unfreiheit. Das Sichtbare ist fassbar, das Unsichtbare nicht. Wie kann man auch im Gefängnis frei sein, leben? Kann man das lernen? Bei einem anderen abschauen?

„Wenn man Gefangener ist, weiß man nichts, ist man sich über nichts sicher. Gerade das macht das Gefängnis aus. Man hat das Vertrauen verloren. Es ist mit einem Schlag abgeschnitten. Man findet sich in einer schrecklichen Welt wieder, in der nicht mehr Bestand hat, in der das einzig gültige Gesetz von Menschen gemacht ist. Und plötzlich begreift man, dass von allen Gefahren des Universums der Mensch die schlimmste ist“. Weiterlesen „Gefängnislicht“

Engel der Finsternis, Engel des Lichts

Wenn der Engel der Finsternis erscheint,
wird es dunkel in mir,
weint mein inneres Kind.
Tränen des Schmerzes,
Tränen der Verletzung,
Tränen der Angst.

Wenn der Engel des Lichts erscheint,
wird es hell in mir,
lacht mein inneres Kind,
erhebt sich meine Seele,
freut sich an dir und
sieht das Leben mit einem zärtlichen Blick.

Der Engel der Finsternis
und der Engel des Lichts sind da,
wie die Nacht und der Tag,
der Westen und der Osten,
die Finsternis und die Sonne,
wie Gottes Stirnrunzeln und Gottes Licht.

Sie sind wie Geschwister.
Und fliehen verzagt und
hüpfen freudig
ihrem Vater und
Ihrer Mutter
In die Arme.

Licht durchbricht die Finsternis

Licht

Der Herr ist mein Hirte – Psalm 23

Der Herr ist mein Hirte,
der sein Schaf hütet und sucht,
wenn es verloren geht.
Mir wird nichts mangeln,
solange du bei mir bist.
Du weidest mich auf einer grünen Aue,
lässt das Gras auf deinem Acker wachsen,
so dass ich nicht verhungere.
Du führst mich zum frischen Wasser,
sorgst dafür, dass ich in der Wüste
und im Höllenfeuer nicht verdurste.
Du erquickst meine Seele,
damit sie nicht verdorrt.
Du leitest mich auf rechter Straße,
damit ich dein Ziel nicht verfehle.
Auch wenn ich das finstere Tal kenne
und kaum weiß, was Licht ist,
fürchte ich kein Unglück,
denn ich fühle deine Nähe,
dein Stecken und Stab trösten mich,
dein Kreuz gibt mir Halt,
so dass ich nicht an meinen Tränen ersticke.
Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde,
so dass ich jeden Tag an dir und deinem Frieden satt werde.
Du salbst mein Haupt mit Öl
und machst mich Bettler zum König.
Du schenkst mir voll ein,
damit meine Sünden und alles Böse in mir,
in deinem Blut ertrinken.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
auch wenn ich es nicht zu erkennen vermag.
Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Mein Gott, lass in mir diese Gewissheit nie sterben.

Der Herr ist mein Hirte,
er führt mich an klare Wasser.

Der Herr ist mein Hirte – Psalm 23.

Der HERR ist mein Hirte

Freunde, dass der Mandelzweig

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
Wie das Leben siegt.

(Shalom Ben-Chorin)

Rabbuni?

Ostern ist,
wenn du
das Kreuz hinaufschaust,
und der Gekreuzigte dich anlächelt.

Ostern ist,
wenn du,
durch alle Schleier der Trauer hindurch,
im Klang deines Namens
die Stimme des Auferstandenen erkennst.
(P. Jonathan Düring OSB )

Ostern ist,
wenn deine
Seele vor Freude und Dankbarkeit weint.

Allelujah, Allelujah, Allelujah

Rabbuni

Lebensmelodie der Bärenraupe

Eine Ostergeschichte

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Die Bärenraupe weiß nichts von Autos. Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.
Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.
Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in der Minute.
Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht und kommt an.

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos, Lastwagen und Pferdefuhrwerken, die einen überfahren könnten.

Sie ist mutig ohne zu wissen, dass sie mutig ist.

Bärenraupe in Menschfell hat einen Kopf zum Denken. Der sagt, ich hab Angst.
Bärenraupe in Menschenfell hält nach einem Ausschau, der mit ihr geht.
Bärenraupe in Menschenfell sieht sechs Meter entfernt eine andere Bärenraupe.
Bärenraupe in Menschenfell denkt, das ist gut, da lauf ich hin.
Bärenraupe in Menschenfell auf der anderen Straßenseite denkt das Gleiche.

Beide Bärenraupen in Menschfell laufen los.
Es kommt ein Pferdefuhrwerk.
Bärenraupe in Menschfell weicht aus.

Zwei Bärenraupen in Menschenfell laufen aufeinander zu und verfehlen einander.

Bärenraupe in Menschenfell steht auf der einen Straßenseite.
Bärenraupe in Menschenfell steht auf der anderen Straßenseite.
Beide Bärenraupen in Menschenfell weinen.

Sehnsüchtig geht der Blick über die Straße ins Grün auf der anderen Straßenseite.

Bärenraupe denkt: Bärenraupen in Menschenfell haben es gut, die können reden.
Bärenraupe weiß nichts von Bärenraupen in Menschenfell.

Bärenraupe in Menschenfell gibt nicht auf.
Bärenraupe in Menschenfell denkt:
Hoffentlich kommt dieses Mal kein Lastwagen

und

läuft voller Hoffnung wieder los.

PS 10. April 2014: Die Bärenraupe hat sich umsonst abgemüht. Es kam ein Panzer. Er hat sie unerbittlich platt gemacht. Es gab für sie kein Entkommen.

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Klang der Liebe

Man muss nicht nur Leid aushalten,
sondern auch Liebe.

Leid schmerzt,
Liebe oft noch mehr.

Göttliche Liebe und menschliche Liebe,
ohne Unterschied.

Wer in der Liebe durch Leid geht,
Wer im Leid in der Liebe bleibt,
Der wird – eines Tages –
das Leid in der Liebe überwinden.

Daran glaube ich.

Klang der Liebe

Klang der Liebe

Christi Mutter stand mit Schmerzen

Es ist vollbracht.

Zurück bleibt der Schmerz.
Lassen wir unsere Trauer zu.
Die Wunde bleibt,
über die Jahre schmerzt sie vielleicht weniger,
aber wird sie je ganz heilen?

Christi Mutter stand mit Schmerzen
bei dem Kreuz und weint von Herzen,
als ihr lieber Sohn da hing.
Durch die Seele voller Trauer,
schneidend unter Todesschauer,
jetzt das Schwert des Leidens ging.

Welch ein Schmerz der Auserkornen,
da sie sah den Eingebornen,
wie er mit dem Tode rang.
Angst und Jammer, Qual und Bangen,
alles Leid hielt sie umfangen,
das nur je ein Herz durchdrang.

Ist ein Mensch auf aller Erden,
der nicht muss erweichet werden,
wenn er Christi Mutter denkt,
wie sie, ganz von Weh zerschlagen,
bleich da steht, ohn alles Klagen,
nur ins Leid des Sohns versenkt?

Ach, für seiner Brüder Schulden
sah sie ihn die Marter dulden,
Geißeln, Dornen, Spott und Hohn;
sah ihn trostlos und verlassen
an dem blutgen Kreuz erblassen,
ihren lieben einzgen Sohn.

O du Mutter, Brunn der Liebe,
mich erfüll mit gleichem Triebe,
dass ich fühl die Schmerzen dein;
dass mein Herz, im Leid entzündet,
sich mit deiner Lieb verbindet,
um zu lieben Gott allein.

Drücke deines Sohnes Wunden,
so wie du sie selbst empfunden,
heilge Mutter, in mein Herz!
Dass ich weiß, was ich verschuldet,
was dein Sohn für mich erduldet,
gib mir Teil an seinem Schmerz!

Lass mich wahrhaft mit dir weinen,
mich mit Christi Leid vereinen,
so lang mir das Leben währt!
An dem Kreuz mit dir zu stehen,
unverwandt hinaufzusehen,
ist’s, wonach mein Herz begehrt.

O du Jungfrau der Jungfrauen,
woll auf mich in Liebe schauen,
dass ich teile deinen Schmerz,
dass ich Christi Tod und Leiden,
Marter, Angst und bittres Scheiden
fühle wie dein Mutterherz!

Alle Wunden, ihm geschlagen,
Schmach und Kreuz mit ihm zu tragen,
das sei fortan mein Gewinn!
Dass mein Herz, von Lieb entzündet,
Gnade im Gerichte findet,
sei du meine Schützerin!

Mach, dass mich sein Kreuz bewache,
dass sein Tod mich selig mache,
mich erwärm sein Gnadenlicht,
dass die Seel sich mög erheben
frei zu Gott in ewgem Leben,
wann mein sterbend Auge bricht!

Stabat Mater – lateinischer Text