Gott und Mensch

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr, auch ein Gesandter nicht größer der, der ihn gesandt hat.
Johannes 12,16

Manche Menschen gebaren sich als Götter,
manche machen Menschen zu Göttern.

Mensch ist Mensch,
wer immer der Mensch,
und Gott ist Gott.

Allen Osterfesten zum Trotz.

 

Osterlicht

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten zu deiner Wohnung.
Psalm 43,3

Wir brauchen nicht viel,
nur ein Licht,
das uns leitet.

Jeder kann es an Bord haben,
er muss nur die offene Tür zuschlagen,
durch die der Sturm in uns es auspustet.

Das einzige Osterlicht,
das anzuzünden ist.

Karfreitag, Ostern, Jesuskult

Lieber Luther,

lang habe ich gezögert, ob ich dir zu Ostern schreiben soll. Wahrscheinlich setzte ich mich wieder einmal bei einer bestimmten Fraktion in die Nesseln. Ostern, ein Datum, das sich nach den Mondphasen richtet. Was sollen wir von diesem Fest, das die meisten heute nur noch als Familienfest oder zusätzliche Urlaubszeit feiern, halten? Fassen wir zusammen:

Jesus hat wohl gelebt, aber was war er? Ein Charismatiker? Ein Querkopf, der sich mit weltlichen und jüdischen Machthabern angelegt hat? Einer, der in die Mühlen der vermeintlich Rechtwollenden und -schaffenden gekommen ist? Ein Außenseiter? Ein Querdenker? Einer, der unbeugsam war? Fanatisch?

Er war wohl ein Gläubiger. Ein kritisch Gläubiger. Einer, der nicht geglaubt hat, was die christlichen Kirchen heute über ihn erzählen. Da hätte seine Fantasie und Bildung nicht ausgereicht, um sich das auszudenken oder vorherzusehen. Er war einer, der wie Tausende andere, irgendwann ins Fadenkreuz der politischen und kirchlichen Fahnder geriet und dann ans Kreuz geschlagen wurde und dort elendig zugrunde ging. Ans Kreuz wurden damals nur die Outcasts geschlagen, die gesellschaftlich und sozial Ausgestoßenen. Die Letzten der Letzten.

Was wissen wir historisch von Jesus? Nichts, als dass er wohl gelebt hat und vermutlich am Kreuz starb, aber auch das ist historisch nicht wirklich gesichert. Wie ist er dann zu dem geworden, was er ist? Einer, dessen Folterinstrument, an dem er starb, zu seinem Ruhm wurde, ja zum Symbol für die gesamten christlichen Kirchen. Paradox, dass viele Menschen bis heute ein Folterinstrument, das Kreuz, als Schmuck um den Hals tragen.

Heute würde man das Phänomen „Jesus“ und den Kult, der darum betrieben wird, als Resultat einer genialen Marketingstrategie sehen. Jesus wurde – in heutiger Analyse und Sprache – von guten Marketingstrategen über Jahrhunderte zum Superstar aufgebaut. Mit einer fingierten Biographie, die ihm ein Alleinstellungsmerkmal sicherte: Gezeugt vom Heiligen Geist, geboren von einer Jungfrau, wundertätig – und – am Ende der Clou: Für die Sünden der gesamten Menschheit den Märtyrertod am Kreuz gestorben, um die ganze Welt zu entsündigen, personal von den Toten auferstanden, als Auferstandener seinen Jüngern personal begegnet, personal aufgefahren in den Himmel, wo der zur Rechten seines Vaters, Gott persönlich, sitzt und uns irgendwann im Endgericht zu sich zieht. Irgendwie wird Jesus dann zu 3 Personen in einer: Vater, Sohn und Heiliger Geist. So wird es im Glaubensbekenntnis hergebetet. Das sind die Grundpfeiler christlicher Religion.

Mit diesem kirchlichen Superstar lassen sich seit zwei Jahrtausenden veritable Geschäfte machen und Egos pflegen. Von und in Abhängigkeit von Jesus Christ Super Star verdienten und verdienen viele Menschen auf der ganzen Welt.

Ob Jesus schon durch den geistlichen Zeugungsakt göttlich geboren, durch die Taufe göttlich geworden oder erst durch den finalen Akt seiner Himmelfahrt zum Gott aufgestiegen ist, darüber sind sich schon die Evangelisten nicht einig, geschweige denn nachkommende Kleriker, Theologen und Schriftsteller. Entsprechend wird bis heute debattiert, wie es sich wohl verhält und je nach Kirchenschule, Glaubensüberzeugung und Forschungsrichtung kommt man zu einem anderen Ergebnis. Glaube in christlicher Prägung ist Glaube an die nach Jesus aufgestellten Dogmen und Theorien über ihn. Ohne das ganze theoretische Brimborium und den Personenkult um ihn, wäre Jesus nichts als ein gläubiger Mensch, der für seine Glaubensüberzeugungen, die nicht die herrschenden waren, eingestanden ist.

Wenn wir heute über den christlichen Osterzyklus nachdenken:
Palmsonntag, mit dem Einzug Jesu in Jerusalem,
Gründonnerstag: Abendmahl und Fußwaschung,
Karfreitag, Jesu Kreuzung und Verfinsterung der Welt,
Ostersonntag, seine Auferstehung und sein personales Erscheinen und
Himmelfahrt mit Jesu personalem Auffahren in den Himmel.

Es ist Personenkult, der um Jesus betrieben wird, Jesus-Kult. Davon leben die christlichen Kirchen, die Kleriker und Theologen, all diejenigen, die unter der Marke „Jesus“ Geschäfte machen und Geld verdienen.

Nur, die Welt ist inzwischen global geworden, die Menschen nehmen den christlichen Kirchen ihre Leitsätze und Dogmen nicht mehr ab. Zwar glauben zwei Drittel der Menschen in Deutschland zu glauben, aber bei weitem nicht an alles, was die Kirchen gerne hätten, dass sie glauben. Der moderne Mensch informiert sich über Religionsgrenzen hinweg. Die Menschen glauben, lassen sich aber nicht mehr vorschreiben, was sie glauben sollen. Sie durchschauen das christliche Moralgebäude und sind nicht mehr willens, sich durch es unter Druck setzen oder überhaupt beeinflussen zu lassen. Die Institution „Kirche“ wird, wenn überhaupt, mehr als Sozialeinrichtung, denn als Glaubensinstanz wahrgenommen und von den Menschen, insbesondere den Älteren, genutzt und akzeptiert. Zu schräg und verstaubt sind die Dogmen, die bis heute vertreten werden. Sie schrecken mehr ab, als dass sie anziehen.

An einen personalen Gott glaubt heute nur noch ein kleiner Teil der Menschen, das zeigen statistisch repräsentative Umfragen. Und an Jesus als einen Gott auch nur noch der kleinere Teil der Zeitgenossen. Die Marketingstrategie der Kirchen funktioniert nicht mehr und die Kirchen sind nicht zu einem dogmatischen Frühjahrsputz bereit, da er ihnen weitgehend ihr theologisches und institutionelles Fundament weghauen würde. Sie haben kaum eine andere Wahl. Sie sind gefangen in ihren eigenen Fangstricken.

Zurück zu Ostern. Welche Natur hat das Osterfest unter diesem Blickwinkel? Wir wissen quasi nichts über Jesus. Was überliefert ist, deutet auf einen Menschen hin, der aus ärmlichsten Verhältnissen kam, ungebildet war, aus der untersten Klasse stammte und für die Armen der Ärmsten eingestanden ist, ihnen eine Perspektive, eine Hoffnung, einen Glauben gegeben hat, nicht an ihn als Person, sondern an Gott, den er Vater nannte, von dem er sprach als sei es sein Vater. Er nannte ihn Vater, weil er sich von ihm allein umsorgt fühlte, weil er auf ihn allein vertrauen konnte, weil er sich ihm allein verbunden und verpflichtet fühlte. Er war ganz auf Gott ausgerichtet, einen monotheistischen Gott in jüdischer Tradition, aber ohne weltlich orientierte jüdische Moral- und Verhaltensregeln.

Jesus vertrat einen Gott, der sich nicht durch Menschen begrenzen oder vereinnahmen lässt, einen, den man im täglichen Leben erfahren kann. Einen, auf den man vertrauen kann, im Leben und im Sterben. Es ist ein Gott, der uns zu sich ins Leben führt, auf wunderbare Weise, die für uns nicht erklärlich ist und die man auch nicht erklären braucht, sondern nur leben und glauben. Jesus predigt einen Gott, der Demut erfordert und ein gutes inneres Ohr, um ihn zu hören. Einen, der keine Religion braucht. Jesus hat sich am Rande oder gar außerhalb seiner Glaubenstradition bewegt. Genau lässt sich das nicht mehr feststellen.

Der feste Glaube an diesen Gott ist das, was wir an Jesus lernen können. Ein Glaube, der auch nicht angesichts der menschlichen Gewalt, Verwüstung und Verrohung der Menschen, der Einsamkeit und Unverlässlichkeit seiner engsten Freunde ins Wanken kam. Und selbst wenn er doch ins Wanken gekommen sein sollte, spricht das nur für sein Menschsein, für das Brudersein Jesu im Glauben.

Die Evangelisten, Theologen, Historiker und Schriftsteller sind sich wie bei Jesu Geburt auch über sein Sterben nicht einig. Wie könnten sie auch, es war keiner dabei, auch keiner, der später aufgeschrieben hat, was Jesu angeblich gesagt und getan hat, als er starb. Absolute Wahrheiten gibt es in dieser Hinsicht nicht. Vielleicht starb Jesus genauso namenlos und unspektakulär wie Tausende andere. Es ist eine Möglichkeit, die genauso plausibel oder unplausibel ist wie jede andere. Das Wie ist reine Spekulation. Nur soweit kann Konsens zwischen allen Menschen hergestellt werden: Sterben muss jeder, musste auch Jesus. Alles andere darüber hinaus kann man glauben, muss es aber nicht, was nicht heißt, dass man nicht glaubt, sondern nur, dass man die Ausschmückungen und Dogmen christlicher Prägung nicht zwangsläufig glauben muss.

Lieber Luther, du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Das ist das erste und vornehmste Gebot. Ich bin sicher, das galt auch und gerade für Jesus. Den christlichen Kult, den man um seinen Tod (und seine Geburt) nachträglich machte, ist – wie das Wort schon sagt – Kult um jemanden, den man – unfreiwillig – zum Superstar ernannt hat, vor dem Hintergrund mannigfaltiger Interessen. Die Osterbräuche sind eine Umdefinition heidnischer Bräuche in christliche. Man musste dem Volk etwas bieten. Mit Brot und Spielen, das wussten nicht nur die weltlichen Herrscher, ködert man die Massen. Das lässt sich historisch auch nachvollziehen.

Viel Menschenblut und -not kostete das Marketing der kirchlichen Machtstrategen – insbesondere für Protzbauten und Kriege. Vielleicht wäre es eine gute Idee, heute – an Karfreitag – an diese Menschen zu denken: an die Opfer, die den Theologen, Klerikern und Kirchenleuten, den Religionen weltweit zum Opfer fielen und fallen. Karfreitag als Gedenktag an den Tod Jesus und an alle Opfer von Religionen und religiöser Verfolgung. Karfreitag hätte als Gedenktag einen Sinn, den auch Jesus mittragen könnte.

Lieber Luther, Religion und Glauben sind zwei Paar Stiefel: Dafür stand, steht und starb Jesus. Das war sein Ruhm, nicht sein unrühmlicher Tod. Den hat er sich wahrscheinlich auch angenehmer gewünscht, jedenfalls ist er nichts, was es zu feiern gibt. Nicht für den- und diejenigen, die so sterben mussten, nicht für diejenigen, die diese Tode zu verantworten haben, und schon gar nicht für diejenigen, die diesen grausamen Tod nachträglich glorifiziert haben und weiterhin glorifizieren.

Herzliche Grüße
Deborrah

Ackermann

Lieber Luther,

was hat sich kurz vor der Verhaftung Jesu abgespielt, was an seinem Todestag und was danach? Ein großes Rätsel? Oder ist es nachträglich zum Rätsel gemacht worden? Aus diversen (Macht-) Interessen heraus? Spielt bei der ganzen Diskussion überhaupt Jesus noch eine Rolle? Wird auch nur ein Versuch gemacht, das Geschehene aus seinem Lebenswerk und –wirken heraus zu erklären? Jesus wird zum Sündenopfer für uns alle erklärt, uns mit seinem Tod von aller Sünde befreiend. Stimmt das? Ist das aus Jesu Wort wirklich zu entnehmen oder ist das hineingepredigt worden? Weiterlesen „Ackermann“

Karfreitags – Selbsttäuschung (Karfreitags – Andacht)

Weh denen, die mit ihrem Plan verborgen sein wollen vor dem HERRN und mit ihrem Tun im Finstern bleiben und sprechen: »Wer sieht uns, und wer kennt uns?
Jesaja 29,15

Vor Gott etwas verbergen zu wollen,
ist vergebliche Liebesmühe,
höchstens Selbsttäuschung.

Wer denkt,
Jesus sei gestorben, damit,
wenn ihr Gottes Wort mit Füßen tretet,
das ohne Folgen bleibt,
ist genauso Selbsttäuschung.

Das ist genauso,
wie wenn ihr mit dem Mob ruft,
gib Barnabas frei,
genauso, wie wenn
ihr Jesus ein weiteres Mal die Dornenkrone aufsetzt,
während ihr ruft, er ist der König.
Genauso, wie es an seinem Todestag geschah.
Nichts gelernt.

Selbstbetrug,
Selbsttäuschung,
Selbstfreisprechung.

Selbsttäuschung, Selbstbetrug, Selbst-Freisprechung ist,
was an Ostern die christlichen Kirchen feiern,
Selbstbeweihräucherung im wahrsten Sinne des Wortes.

Nein, er ist nicht für uns gestorben,
Er hat sich nur nicht von Menschen
in der Nachfolge aufhalten lassen.

Was interessiert mich Familie,
was interessieren mich meine Verfolger,
nicht Verfolgung zählt,
sondern Nachfolge.

Folgt ihm nach,
folgt dem Wort,
folgt mit beschnittenem Herzen,
nicht mit beschnittenem Glauben.

Das ist die Botschaft von Karfreitag.
Es ist ein Zeichen,
das Jesus setzt:
das Wort bestimmt das Handeln,
nicht die böse Tat.

Hört auf,
unterm Kreuz scheinheilige Krokodilstränen zu vergießen
und folgt dem Wort in Wort und Tat.
Karfreitag, wie es gefeiert wird,
ist Selbstbemitleidung.

Jesus hat ein Zeichen gesetzt,
das bis heute nicht gelesen werden kann.
Ein untauglicher Versuch,
Schäfchen ins Trockene zu bringen,
dem Menschen pauschal die Schuld an Jesu Tod aufzuladen.

Vergeblich,
nichts als Selbsttäuschung!
Schuld ist höchst individuell.
Wer dem Wort nicht folgt,
verwirft Jesus und Gott.

Weh denen, die mit ihren Plänen und ihrem Tun
im Finsteren bleiben.
Ostern wird für sie nicht.
Jeder hat die Verantwortung für sich selbst,
damit für ihn Ostern wird.

Karfreitag, ein Anstoß,
damit zu beginnen,
umzukehren.

Das wäre ein Grund, an Karfreitag zu feiern!
Jesus wäre nicht umsonst gestorben.

Maria am Kreuz

Erschöpft sank Maria zusammen.
Es ist vorbei.
Es ist vollbracht.
Schneller als gedacht.
Sie hatte mitgelitten.
Jeden Schlag,
jede Schmähung,
jede Demütigung.
Gott hatte ein Einsehen.
Ihr Kopf hob sich.
Ihr Blick umfasste zärtlich seine Gestalt,
leblos der Körper,
der Kopf auf die Brust gesunken.
Gottseidank, dachte sie.
Er hat es würdevoll getragen.
Jetzt war er nur noch leere Hülle.
Ein Lächeln huschte über ihr müdes Gesicht.
Was würde er sagen, wenn er sie so sitzen sähe?
Frau, was weinst du?
Freust du dich nicht mit mir, dass ich beim Vater bin?
Ein Wind erfasste sie.
Sie hob den Blick,
reckte die Arme gen Himmel,
in ihrer Seele jubelte es:
Gott, ich preise dich.
Unbenennbare Fülle umfasste sie.
Es war ihr leicht,
gar nicht mehr traurig.
Es ist vollbracht.
Alles gut.
Sie erhob sich.
Sie wusste,
sie hatte eine Aufgabe.

Maria

Kreuzungen

Jesu Blut für unsere Sünden vergossen?

Lieber Luther,

um Jesus ist es einsam geworden, bevor er sich aufmacht, um das zu durchleiden, vor dem es auch ihm gegraut hat. Der Satan, das menschlich Teuflische, wirkt an ihm, zerschindet seine Ehre, seinen Körper, peitscht sein Fleisch. Der Mensch greift nach ihm. Den Menschen in aller Grausamkeit zu durchleiden, ist nicht nur für uns, war auch für Jesus eine Herausforderung.

Zeit Bilanz zu ziehen, sich im Klaren zu werden, ob er nun alles erreicht hat, was ihm aufgetragen ist. Ob er manchmal daran gezweifelt hat, angesichts des anklagenden, geifernden Volkes? Weiterlesen „Jesu Blut für unsere Sünden vergossen?“

Ostermorgen

Herr Gott,
Ostermorgen?

Wir beginnen gerade die Fastenzeit
Und doch sind meine Gedanken schon beim Ostermorgen.
Schon jetzt vermisse ich die Glocken,
dein Halleluja.

Ich habe Angst,
so alleine mit dir,
so alleine vor dir,

Wie kann ich das tragen,
wie kann ich das fassen?
Wie begegne ich dir?

40 Tage dahin.
40 Tage innere Vorbereitung.
40 Tage wie ein Tag.

HERR, sei bei mir,
HERR, sei mit mir,
HERR, ohne Gedanken mein Tag.

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Rabbuni?

Ostern ist,
wenn du
das Kreuz hinaufschaust,
und der Gekreuzigte dich anlächelt.

Ostern ist,
wenn du,
durch alle Schleier der Trauer hindurch,
im Klang deines Namens
die Stimme des Auferstandenen erkennst.
(P. Jonathan Düring OSB )

Ostern ist,
wenn deine
Seele vor Freude und Dankbarkeit weint.

Allelujah, Allelujah, Allelujah

Rabbuni

Lebensmelodie der Bärenraupe

Eine Ostergeschichte

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Die Bärenraupe weiß nichts von Autos. Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.
Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.
Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in der Minute.
Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht und kommt an.

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos, Lastwagen und Pferdefuhrwerken, die einen überfahren könnten.

Sie ist mutig ohne zu wissen, dass sie mutig ist.

Bärenraupe in Menschfell hat einen Kopf zum Denken. Der sagt, ich hab Angst.
Bärenraupe in Menschenfell hält nach einem Ausschau, der mit ihr geht.
Bärenraupe in Menschenfell sieht sechs Meter entfernt eine andere Bärenraupe.
Bärenraupe in Menschenfell denkt, das ist gut, da lauf ich hin.
Bärenraupe in Menschenfell auf der anderen Straßenseite denkt das Gleiche.

Beide Bärenraupen in Menschfell laufen los.
Es kommt ein Pferdefuhrwerk.
Bärenraupe in Menschfell weicht aus.

Zwei Bärenraupen in Menschenfell laufen aufeinander zu und verfehlen einander.

Bärenraupe in Menschenfell steht auf der einen Straßenseite.
Bärenraupe in Menschenfell steht auf der anderen Straßenseite.
Beide Bärenraupen in Menschenfell weinen.

Sehnsüchtig geht der Blick über die Straße ins Grün auf der anderen Straßenseite.

Bärenraupe denkt: Bärenraupen in Menschenfell haben es gut, die können reden.
Bärenraupe weiß nichts von Bärenraupen in Menschenfell.

Bärenraupe in Menschenfell gibt nicht auf.
Bärenraupe in Menschenfell denkt:
Hoffentlich kommt dieses Mal kein Lastwagen

und

läuft voller Hoffnung wieder los.

PS 10. April 2014: Die Bärenraupe hat sich umsonst abgemüht. Es kam ein Panzer. Er hat sie unerbittlich platt gemacht. Es gab für sie kein Entkommen.

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Stabat Mater – Marias Schmerz

Lieber Luther,

obwohl Marienverehrung ja nicht gerade evangelisch ist, sollte das Stabat Mater auch in der evangelischen Kirche einen Platz haben. Vielleicht kennst du es ja auch als alter Mönch. Es ist so um 1200/1300 entstanden, bevor die Kirchen sich teilten. Es ist sozusagen eine gemeinsame Wurzel.

Es sei allen Müttern und Vätern zugedacht, die ein Kind verloren haben, auch dir. Sie kennen den Seelenschmerz, den das verursacht und können mit Maria mitfühlen und mitweinen und umgekehrt. Der Schmerz findet im „Stabat Mater“ eine Heimat. Maria ist in diesem Schmerz unsere Schwester und eine Mutter, zu der wir unseren Schmerz tragen können. Sie weiß, von was wir reden, und sie weiß, wie bedürftig wir in unserem Schmerz sind – auch nach langer Zeit.

Stabat mater dolorosa
Iuxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius.
Cuius animam gementem,
Contristatam et dolentem
Pertransivit gladius.

O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti!
Quae maerebat et dolebat,
Pia Mater, dum videbat
Nati poenas inclyti.

Quis est homo qui non fleret,
Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?
Quis non posset contristari,
Piam matrem contemplari
Dolentem cum Filio?

Pro peccatis suae gentis
Vidit Iesum in tormentis
Et flagellis subditum.
Vidit suum dulcem natum
Morientem desolatum,
Dum emisit spiritum.

Eia mater, fons amoris,
Me sentire vim doloris
Fac, ut tecum lugeam.
Fac, ut ardeat cor meum
In amando Christum Deum,
Ut sibi complaceam.

Sancta mater, istud agas,
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide.
Tui nati vulnerati
Tam dignati pro me pati,
Poenas mecum divide!

Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
Donec ego vixero.
Iuxta crucem tecum stare
Ac me tibi sociare
In planctu desidero.

Virgo virginum praeclara,
Mihi iam non sis amara:
Fac me tecum plangere.
Fac ut portem Christi mortem,
Passionis fac consortem,
Et plagas recolere.

Fac me plagis vulnerari,
Cruce hac inebriari
Et cruore Filii,
Flammis urar ne succensus,
Per te Virgo, sim defensus
In die iudicii.

Fac me cruce custodiri,
Morte Christi praemuniri,
Confoveri gratia.
Quando corpus morietur,
Fac ut animae donetur
Paradisi gloria.

Lieber Luther, ich glaube, auch der Schmerz über all das Geschehene, für das es keine Worte gibt, muss einen Ort haben, auch ihn muss man durchleben, ihn nicht abprallen, sondern durch einen durchfließen lassen. Das Wasser der Tränen dieses Schmerzes hat heilende Wirkung auf unsere Wunden, wenn auch Meere durchfließen müssen, bis die stärksten Schmerzen nachlassen.

Ohne dem Schmerz und dem Leid seine Zeit und seinen Raum zu geben, gleich zum Halleluja überzugehen, geht nicht. Jesus ist erst am 3.Tag auferstanden. Schmerz und Leid ist notwendig, um zum Ostermorgen zu gelangen. So halten wir diesen Schmerz aus in der Hoffnung, dass irgendwann der Ostermorgen kommt. Dass dieser kommt, sei ein Osterwunsch für all diejenigen, die es betrifft.

Hier geht es zum deutschen Text.

Gregorianisch und in Latein:

Karfreitaglich traurig grüßt dich
Deborrah

Willst du mit mir gehen

Manchmal schießt dir etwas durch den Kopf.
Du weißt nicht wo es herkommt,
Vermutlich von einer tiefen Sehnsucht in dir,
die sich blitzartig entlädt.

Mir ist gerade ein solcher Gedankenblitz durch den Kopf geschossen, ein Liedtext von Daliah Lavi, Jahrzehnte alt.

Ein Fragen,
Gott fragen,
Gott im Nächsten fragen,
den fragen,
der einem am Nächsten ist:
Eine österliche Hoffnung.
Ein Gebet.
Oder einfach eine alte Schlagerillusion?

Willst du mit mir gehn

Willst Du mit mir gehn,
Wenn mein Weg ins Dunkel führt
Willst Du mit mir gehn,
Wenn mein Tag schon Nachtwind spürt
Wenn ich nicht mehr Vagabund sein will,
Baust du mein Haus
Und ruhst dur mit mir vom Leben aus

Willst Du mit mir gehn,
Licht und Schatten verstehn
Dich mit Windrosen drehen,
Willst Du mit mir gehn
Willst Du mit mir gehn

Man nennt es Liebe, man nennt es Glücklichsein,
Keine Sprache hat mehr als Worte

Willst Du mit mir gehn,

Willst Du mit mir gehn,
Wenn ich nicht mehr bin wie einst
Willst Du mit mir gehn,
Auch wenn Du um gestern weinst
Wenn jedes Schweigen uns verrät,
Was reden wir,
Tröstet mich auch dann ein Wort von Dir

Willst Du mit mir gehn
Man nennt es
Willst Du mit mir gehn

Willst Du mit mir gehn,
Wenn die Angst bei mir verweilt,
Willst Du mit mir gehn,
Wenn die Zeit mich nicht mehr heilt
Wenn der Ruf der Welt vor mir verstummt,
Fragst du nach mir
Wartest du auch dann vor mir.

Schweigen

Warten auf Antwort –
Nichts als Schweigen.

Menschliche Sprachlosigkeit.
Göttliches Schweigen.

Schweigend leidest du in der Hölle.
Schweigend bist du im Karsamstag.

Warten auf Morgen.
Warten auf Erlösung,

Hoffen auf Morgen,
Hoffen auf Ostern.

Karsamstag
Karsamstag