Suscipe

Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit.
Nimm mein Gedächtnis, meinen Verstand,
meinen ganzen Willen.

Was ich habe und besitze
hast du mir geschenkt.
Ich stelle es dir wieder ganz und gar zurück
und übergebe alles dir,
dass du es lenkst nach deinem Willen.

Nur deine Liebe schenke mir mit deiner Gnade,
und ich bin reich genug
und suche nichts weiter.
(Ignatius von Loyola)

Macht mich das frei von menschlicher Sorge?
Von Menschen, die sich um mich sorgen?
Von Verantwortung für mich selbst?

Ermächtigt mich das zum „Ich brauche deine Sorge nicht?“

Nein, das ist arrogant.

Gottes Liebe wirkt im sozialen Geflecht, im Umgang miteinander, im Geben und Nehmen. Sie ist keine egoistische, selbstverliebte, auf sich selbst bezogene Veranstaltung.

Ganz im Gegenteil. Sie überantwortet eine ganz besondere Sorgfalt im Umgang mit anderen in unsere Verantwortung. Gottes Liebe begegnet uns am direktesten in unserem Handeln für andere, in der Sorge um den anderen.

Das „dass du lenkest nach deinem Willen“ bedarf, solange wir Mensch sind, des Verstehens, was immer eine menschliche Interpretation ist. Göttlicher Wille bedarf des menschlichen Handelns im jeweiligen Kontext. Sonst läuft er ins Leere.

Diese Verantwortung können wir nicht abschieben. Auch nicht in unseren Katastrophen. Da können wir uns nicht in unseren Schmollwinkel zurückziehen und sagen: „Handle du.“. Der göttliche Wille gebiert sich in unserem Willen.

Gerade in den Katastrophen.
Gerade da bedarf es besonderer Achtsamkeit.
Gerade da bedarf es unseres Handelns.

Giftpilz oder Speisepilz?
Essen oder nicht?
Die Entscheidung liegt allein bei uns.

Fliegenpilz

Leere Gedanken

Heute ist ein leerer Tag. Es geht mir weder gut, noch schlecht. Meine Gedanken mögen sich nirgends festhalten. Sie kommen und gehen, ohne dass ich für einen eine besondere Leidenschaft entwickeln würde.

Muss ich beunruhigt sein?
Bin ich erschöpft?
Bin ich ausgebrannt?

Auch darüber mag ich nicht nachdenken.

leerer Tag
Leerer Tag

Heilige Tage

Liebe Teresa,

meine Lehrerin, Schwester und Freundin, heute ist Dein Gedenktag. Den ganzen Tag über bin ich schon in Gedanken bei Dir, denn Du bist mir nahe und erfüllst mich ganz.

Ich denke zurück, als Du mich gelehrt hast zu beten, als Du mir erklärt hast, was innere Burgen sind. Ohne Deinen Schleier, der mir Sicherheit und Selbstverständlichkeit verleiht, wäre ich oft verloren.

Danke auch für die Stunden, die Du mit mir gebetet hast, damit ich nicht so ein einsamer Beter sei. Vorne rechts ist dein Platz heute noch. Aufrecht und würdevoll kniest Du da. Von Dir geht eine Ruhe und Sicherheit aus, die auch auf mich ausstrahlt. Auf Dich ist immer Verlass, wenn die Kirche auch ansonsten leer ist.

Du hast Zeit Deines Lebens mit männlicher Kontrolle und Bevormundung leben müssen. Du hast sehr darunter gelitten. Du konntest Dich nicht so entfalten, wie Du das heute vielleicht tun könntest. Sie wollten Dich dumm und stumm halten. Das ist Ihnen aber nicht gelungen. Was Du sagen wolltest, hast Du am Ende auch gesagt und sei es durch die Blume. Sie konnten dich nicht klein halten und nicht klein kriegen, da hattest Du einen zu machtvollen Beschützer.

Was würdest Du heute wohl machen? Christliches Glauben und alles was dazugehört zu lehren und zu leben, war zu Deiner Zeit sicher leichter. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich, sondern eher exotisch, eine Randerscheinung ewig Gestriger. Du würdest wahrscheinlich über die geistliche Armut in der heutigen Zeit zutiefst erschrecken.

Dein „Werke, Schwestern, Werke“, habe ich immer im Ohr. Frommer Müßiggang, das selige Schwelgen in Gedankenparadiesen, war Dir immer ein Gräuel. Du warst eine Frau der Tat und hast das auch von Deinen Mitschwestern eingefordert.

Die Arbeit, die heute zu leisten ist, besteht im Dienst an denen, die auf den ersten Blick gar nicht bedürftig aussehen, bei der Masse der Bevölkerung, im ganz alltäglichen Dienst am Nächsten. Ich bin mir sicher, hier würdest Du heute die Ärmel aufkrempeln. Dieser Gottesferne könntest du nicht tatenlos zusehen.

Du warst eine Kämpferin und darin bist Du mir nahe. Um Deine Ziele zu erreichen, bist Du auch mal einen Schritt zurückgegangen, hast Deine Widersacher schmeichelnd hartnäckig umgarnt. Da kann ich sicher noch von Dir lernen.

Der Geist, der aus Deinen Schriften weht, kommt mir heute noch zugute und gibt mir Kraft und Leitlinie. Wenn ich ansehe, wie viel Mühsal, Schmerzen und Ungemach Du auf Dich genommen hast, um Deine Mission zu erfüllen, brauche ich nicht jammern.

Danke für alles Lehrreiche,
Danke, dass Du so gegenwärtig bist,
Danke, dass Du mir heute so nahe warst!

Deine Schwester
Deborrah

Burgtore

Herbst

Herbst. Das Leben in Veränderung. Was das Jahr über gewachsen ist, geht der Vollendung entgegen. Natur in ihrer Fragilität.

Fragilität
Fragilität

Die Zeichen des Umbruchs sind nicht zu übersehen. Die Farben können nicht darüber hinwegtäuschen. Sie sind wie Potemkinsche Dörfer vor dem Grau des Novembers.

Umbruch
Umbruch

Gewachsene Strukturen lösen sich auf. Die Lebensgeister entfliehen der Materie.

Lebensgeister
Lebensgeister

Gott als das stets sich verändernde Leben. Er wirkt und seine Natur wird, auch in der Auflösung.

Auflösung
Auflösung

„Das Ziel und Ende, zu dem alle Dinge als zu ihrer letzten Vollendung hindrängen, ist an keine bestimmte Weise gebunden. Es entwächst der (begrenzten) Weise und geht in die (unbegrenzte) Weite.“ (Meister Eckhart)

Lebenswolken
Lebenswolken

Dämmerung

Abend- oder Morgendämmerung?

Ist die Morgendämmerung hell?
Ist die Abenddämmerung dunkel?

Wer vermag das zu unterscheiden?
Wer mag das entscheiden?

Was folgt?
Dunkelheit oder Licht?

Daemmerung

Misstrauen

Bisher ist mir nur etwas zu „Vertrauen“ eingefallen.Schwieriger wird es beim Miß-Trauen, der anderen Seite der Medaille.

Es ist wie Giersch. Hast du einmal eine Pflanze in deinem Garten, bekommst du sie nicht mehr los. Sie vermehrt sich. Du findest Möglichkeiten, sie nützlich einzusetzen. Dem sind aber Grenzen gesetzt. Immer wieder wächst der Giersch neu und bildet Ableger. Irgendwann kommst du nicht mehr mit, du kannst ihn nicht mehr nützlich verarbeiten. Also versucht du ihn auszutilgen, reißt in aus. Wie sehr du dich auch anstrengst, es bleibt ein winziges Würzelchen, das wieder austreibt und neue Pflanzen und Ableger hervorbringt.

So ist es auch mit dem Miß-Trauen.

Wenn es einmal in dich gepflanzt ist, bringst du es nicht mehr los. Eine Begebenheit reicht – und schon ist es wieder da. Entgegen allen Wünschen und Selbsterziehungsversuchen. Es kriecht in dir hoch und überwuchert alles andere. Es erinnert an deinen Erfahrungsschatz. Es ist ein Echo deiner gesammelten schlechten Erfahrungen.

Ich mag dieses Echo nicht. Wie schalte ich es aus? Wie ist die Angst zu bezwingen, dass das Echo nicht nur leerer Schall ist, irre führender Innenhall? Oder vielleicht doch nicht? Versuchst du dir ein X für ein U vorzumachen?

Misstrauen ist wie Giersch

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein.  Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“.

Und wenn die Frucht reif ist, ist Erntezeit. Vor dem Ernten aber steht das Säen und Wachsen.

Das Ur-Korn, die Ur-Saat, tragen wir in uns. Der göttliche Keimling kann wachsen, wenn wir bereit sind, die Hülle unserer Oberflächlichkeit und unserer oberflächlichen Empfindlichkeit gehen – ersterben – zu lassen.

Wir denken – bewusst oder unbewusst – die Hülle schütze uns, deshalb halten wir sie fest. Tatsächlich verhindert sie, dass wir wachsen können, sie beengt uns, sie schließt uns ein und gleichzeitig aus.

Wenn wir die Hülle sich aufweichen, auflösen lassen, Licht und Wärme an den Keim heranlassen, ihn mit genügend Nährstoffen versorgen, kann er wachsen, gedeihen und schließlich reifen.

Wachsen und Reifen braucht Zeit und eine Umgebung, die Wachsen zulässt. Die kärglichste äußere Umgebung kann wachsen lassen.

Ein Weizenkorn keimt in der Erde, umgeben von Dunkelheit. Und dennoch keimt es, die äußere Dunkelheit kann es nicht verhindern, im Gegenteil, sie fördert es. Der Keim wächst aus der Dunkelheit ins Licht.

So können wir auch unserer Dunkelheit entwachsen, jeder für sich erwachsen werden. Doch wir müssen dem Keim die innere Umgebung schaffen und schaffen wollen, dass er wachsen kann. Wir müssen erwachen zum Wachsen, erwachsen werden wollen. Damit der Trieb wächst, bedarf es eigenen Antriebs. Wir müssen uns bewegen.

Irgendwann ist es soweit und wir sind bereit. Frühlingserwachen. Wir lassen die äußeren Hüllen los, fangen an zu wachsen und tragen Frucht, früher oder später, unabhängig von der menschlich physischen Jahreszeit, jeder nach seiner Art und in seinem Tempo.

Wenn die Frucht reif ist, können wir Frucht zu Frucht werden lassen:

Wir können sie einlagern für kalte Zeiten,
Wir können Nahrung daraus machen,
Wir können sie verschenken.
Wir können sie wieder zu Saatgut machen,
für andere oder für uns selbst.

Was wir daraus machen, liegt an und in uns.
Wie viel wir für uns selbst behalten und
wie viel wir wann und an wen verschenken,
ist unsere Entscheidung, die nimmt uns niemand ab.

Unserer Aufmerksamkeit und unserem Vermögen sind menschliche Grenzen gesetzt. So vermögen wir nicht, die gesamte Frucht einer fruchtbaren Bestimmung zuzuführen.

Aber in Notzeiten können wir vom Vorrat, den wir angesammelt haben, zehren. Mit dem Teil, den wir als Saatgut für uns selber verwenden, können wir wieder wachsen und neue Frucht tragen.

Auf diese Weise ist jedes Ende eines Wachstumszyklus der Anfang eines neuen. Wir fallen wieder zurück in die Dunkelheit und beginnen von neuem, der Dunkelheit wieder zu entwachsen.

So ist das Leben ein Säen, Wachsen und Ernten.

Irgendwann ist zum letzten Mal Erntezeit. Die Frucht fällt aus der Ähre. Ein Anderer erntet.

Dann verliert das Weizenkorn die äußere Form und ist wieder Ur-Korn.

Dann ist wahrer Erntedank.

Hartweizen

Werdet wie die Kinder

„Werdet wie die Kinder …. „

wacht auf aus eurem Schlaf,
erinnert euch an euer Einsein,
kehrt zurück in euer unverstelltes Sein,
besinnt euch auf euer Urvertrauen,

erkennt Wohlwollen,
gebt Wohlwollen,
nehmt Wohlwollen,
seid Wohlwollen

Kommt aus eurer Deckung,
wie ein scheues Reh.

Reh

Vertrauen

„Vertrauen wagen dürfen wir getrost, den du, Gott, bist mit uns …. „

Ja, vertraue ich?
Vertraue ich bedingungslos?
Wem vertraue ich?
Oder vertraue ich nur zu meinen Konditionen?

Vertraue ich auch, wenn ich verletzt bin?
Vertraue ich dem, der mich menschlich enttäuscht?
Vertraue ich, wenn nichts als Schweigen ist?
Vertraue ich auf meinen Weg?
Vertraue ich meinem Vertrauen?

Wieso ist Vertrauen so wichtig?
Wieso brauche ich Vertrauen?
Wieso gebe ich Vertrauen?

Was ist Vertrauen?
Wann gebe ich es?
Wann verweigere ich es?

Ist Vertrauen ein Vorschuss, den ich gewähre,
in Erwartung, dass irgendwann etwas zurück kommt?
Von einem Mitmenschen?
Von Gott?

Ist es eine Komfortzone,
in die ich mich begebe,
damit meine Angst weicht und
ich mich sicher fühle?

Brauche ich Antworten auf all diese Fragen?

Vertrauen kennt keine Fragen und braucht keine Antworten.

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,
Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit,
Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.

Und so wandere ich weiter, einfach vertrauend. Ganz einfach.

Vertrauen im Nebel

Sonntagsläuten

Zuerst sind es vier klägliche Schläge, volle Stunde, 18.00 Uhr. Dann aber bewegt sich die Kirche, man hört das Gebälk im Kirchturm stöhnen als ob es das nun Kommende kaum tragen könnte. Die Glocken setzen sich in Bewegung, man hört ihr Gewicht.

Keine Harmonie. Sie haben sich noch nicht aufeinander eingeschwungen. Als ob jede ihr eigenes Ding macht, ohne Achtsamkeit auf die Nebenglocke.

Der Kirchenraum über mir bebt. Ich spüre die Glocken über mir, obwohl sie dort gar nicht sind. Ich bin im Osten, die Glocken im Westen der Kirche.

Was für ein gebietendes Rufen. Nicht zu überhören:
„Hört, ich bin da,
ich bin da, auch wenn ihr mich nicht wirklich hört.“

Zornig klingt es, aufbrausend.

Schließlich beruhigen sie die Glocken. Sie fangen an, sich aufeinander einzuschwingen. Es dauert seine Zeit, dann klingen sie in ruhigem Gleichklang, bestimmt, keinen Zweifel aufkommen lassend.

Ich töne und bebe mit. Plötzlich höre ich es: Trompetenklang, verborgen im Glockengeläut. Die Trompeten von Jericho, schießt es mir durch den Kopf. Die Mauern sind gefallen. Wie gebannt höre ich diesem Trompeten-Glocken-Wohlklang zu.

Die Glocken werden leiser, ein letzter zärtlicher Glockenschlag.

Klingende Stille danach. Sonntagsgeläut.

Kirchtum

Morgenzauber

Der frühe Morgen hat seinen besonderen Zauber. Ich liebe den frühen Morgen. Jetzt im September/Oktober erstrahlt er in den Farben des reifen Jahres.

Klare blaue Himmel hinter ebenso klaren dunklen Wolkengebirgen, Sonnenaufgang in sattem Orange, dampfende Seen, wie verwunschen. Die Schafherde davor in ihrem Pferch, noch nicht erwacht. Die Sonne ein orange-gelber Ball. Über den Auen schwebt lichter Nebel. Überall satte Farben, als wolle die Natur noch ihre ganze Schönheit aufbieten, bevor sie erstirbt. Pralle Fülle überall.

Gern würde ich anhalten und Teil dieses morgendlichen Gottesdienstes werden. Aber ich bin eine Ameisen-Arbeiterin auf der Ameisenstraße. Vor mir und hinter mir Ameisen. Diszipliniert und zielbewusst bewegen sie sich in eine Richtung. Jede kennt ihre Aufgabe.

Einen Augenblick lasse ich meiner Sehnsucht freien Lauf. Aber ich fahre weiter, halte nicht an. Ich hoffe auf das Morgen. Vielleicht schaffe ich es morgen anzuhalten.

Er weidet mich auf einer grünen Aue.

Morgenzauber

Aus Wüsten Gärten machen

Mir ist heut morgen schon ein sehr schöner Text begegnet.

Wo ein Mensch Vertrauen gibt,
nicht nur an sich selber denkt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch den andern sieht,
nicht nur sich und seine Welt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch sich selbst verschenkt
und den alten Weg verlässt,
fällt ein Tropfen von dem Regen,
der aus Wüsten Gärten macht.

(Text: Hans-Jürgen Netz 1975)

Nichts hinzuzufügen.

Aus Wuesten Gaerten machen

Überraschungen

Kurz vor neun kommt mein Taxi, das mich zum Bahnhof nach Holdorf bringt. Es entwickelt sich eine angeregte Unterhaltung mit dem Taxifahrer, einem älteren Herrn. „Was, pilgern waren Sie, ganz allein?“ fragt er mich und schaut mich ganz entgeistert an, als wolle er das nicht glauben. „Ja“, sage ich. Darauf er: „Das ist aber mutig“. Hmm, auf die Idee bin ich bisher noch gar nicht gekommen. „Darf ich fragen wie alt Sie sind?“ Ich sage es ihm. Er ringt nach Worten und meint dann „Ich will mal sagen in diesen jungen Jahren ist das doch eine ganz schöne Anstrengung, das muss man sich erst einmal zumuten“. Und entschieden: „Das brauche ich für mich nicht“. Dann erzählt er von seinem Herzinfarkt und seinen Krankheiten.

Mordkuhle

Am Bahnhof in Holdorf scheint er immer noch so beeindruckt, dass er mit mir zum Bahnsteig geht und die Abfahrtszeit vom Zug heraussucht, obwohl es nur ein Gleis gibt, schon Leute da sind und es klar ist, dass der Zug gleich kommt. Ganz als müsse er dafür sorgen, dass ich auch in den Zug komme.

Ich schmunzle vor mich hin und freue mich. Die Denkgleise des freundlichen Mannes scheinen etwas aus der Bahn gekommen zu sein.
Überhaupt treffe ich interessante Leute auf der Rückreise. Am Bahnsteig in Holdorf erscheinen nach und nach verschiedene Menschen, um die Vierzig, zu einem Klassentreffen. Sie wissen aber nicht, wohin es geht, das scheint eine Überraschung zu sein. Dementsprechend fällt auch das Gepäck unterschiedlich aus: von klein und handlich bis zu einem riesigen Koffer, der für mindestens 2 Wochen Platz bietet und mehrmaliges Umkleiden am Tag erlaubt. Ein Herr kommt in Badelatschen und kurzen Hosen. Sagt ein anderer zu ihm zur Begrüßung: „Willst du Dir eine Blasenentzündung holen?“
Ich musste nach Luft japsen, so überrascht war ich. Ich wusste gar nicht, dass dies ein Männerthema ist.

Froschquaken

Und noch eine Überraschung auf der Rückreise, die sich tatsächlich so abspielte. Im Zug gibt es moderne, einfach zu bedienende Fahrkartenautomaten. Irgendwo auf der Strecke zwischen Holdorf und Wildeshausen war eine Gruppe von 4 Mädchen zugestiegen. Zwei Mädchen, sie waren tatsächlich, alle Blondinenwitzen bestätigend, blond, kümmerten sich um die Gruppenfahrkarte: 33 EUR. „Oh Scheiße“, meint das eine Mädchen, „wieviel muss dann jeder bezahlen?“ „Darum kümmern wir uns später“, meinte das 2. Mädchen, „jetzt kaufen wir erst einmal die Fahrkarte“.
Ich wollte schon helfend einspringen und rufen 8,25 EUR für jeden, dachte dann aber es ist vielleicht besser, wenn sie sich selbst um die Lösung dieser Rechenaufgabe bemühen.

Sonnenblume
Perspektivwechsel

Was ist das nur für ein Tag heute? Was für Menschen begegnen mir? Oder liegt es an mir? Ich bin tagelang alleine gelaufen, ohne zu reden, höchstens singend, sehr in mich gekehrt. Ist meine Perspektive verschoben? Schaue und höre ich anders? Mehr im Jetzt, wie am Bergsee? Habe ich bisher geschlafen? Ist das Leben vielleicht ein Kuriositätenkabinett, das ich bisher noch gar nicht entdeckt habe?
Irgendwie komme ich mir vor, wie wenn ich in der falschen Vorstellung wäre, wie wenn ich im Kino sitze und staunend den Film betrachte, der vor mir abläuft und mich frage, ob das wohl das Leben ist?
Verschobene Realitäten.

Tau Huus

Angekommen

(06.09.12)

Die Strecke zwischen Steinfeld und Damme ist die schönste. Meine Vorfreude war berechtigt. Fast nur Wald, zwar viel rauf und runter, aber – wie ich schon geschrieben habe – im Wald laufe ich wie beflügelt.

Waldpfad

Ein Fest für alle Sinne. Der Geruch nach Moder und Nadelbäume,  das Spiel des Lichts zwischen den Blättern und Baumstämmen, das Tuscheln der Blätter mit dem Wind, der weiche Waldboden,  die Spuren, die Wassermassen auf den Wegen hinterlassen haben und sie teilweise fast nicht passierbar machen.  Und auch noch ein paar Vögel singen ihr Lied.

Am meisten liebe ich den Dammer Wald am frühen Morgen. Deshalb wollte ich früh los, habe es aber erst um 7.30 geschafft. Dann laufe ich und laufe, 3 ½ Stunden am Stück, ohne dass ich ein einziges Mal das Bedürfnis nach einer Pause gehabt hätte.  Um 11.15 hatte ich bereits den Dammer Bergsee erreicht, ich war also kurz vor dem Ziel. Das brauchte Vorbereitung und so richtete ich mich direkt am Wasser ein.

Lichtung

Es war recht frisch, der Wind wehte kalt und ich musste mich dick einmummeln, damit ich bleiben konnte. Die Luft war klar, Wolken wechselten mit tiefblauem Himmel und Sonnenschein. Ein herrliches Licht. So saß ich drei Stunden am Ufer des Bergsees und schaute dem Wasser zu.

Außer mir kein Mensch. Was mache ich Mensch damit?

Es braucht fast 3 Stunden, bis ich den Zauber des Augenblickes begreife und bereit bin in vollen Zügen in mich einfließen zu lassen.

Zuvor bin ich mit mir selbst beschäftigt. Mich auf die Ankunft in Damme vorbereiten. Wo übernachte ich? Wann fahre ich wie zurück nach Wildeshausen? Ich starte das Notebook, um die Fahrpläne und Taxi Telefonnummer herauszubekommen. Aber es ist zu hell, ich kann rein nichts auf den Bildschirm erkennen. Das ist ein Wink des Himmels, denke ich, lass es. Ach ja, am Montag muss ich schon wieder arbeiten. Wegschieben. Und so weiter.

Irgendwann wird mir klar, dass ich alles Mögliche tue, nur nicht diese kostbare Zeit, in der ich hier am See sitze, zu genießen. Ich fange an, mich auf den Augenblick zu konzentrieren.

Das Bild auf dem Wasser wechselt laufend, je nach Wind und Wolkenspiel. Jeden Augenblick sieht das Wasser anders aus. Die Sonnenstrahlen surfen in silbernen Glanz wie einzelne Lichter über die Wasseroberfläche. In der anderen Richtung bilden sich grüne Samtbahnen, die sich in Falten legen. Am Ufer gegenüber schwimmen Schwäne. Ringsumher dichte Laubwälder, die mit ihrem noch grünen Kleid die Hügel säumen. Der Wind unterhält sich mit den Blättern. Links von mir biegt sich eine Zitterpappel im Wind. Die Wolken liefern sich mit der Sonne ein Wettrennen um die Oberhand. Sie gewinnen abwechselnd. Alles ist in stetiger Veränderung.

Ich komme mir vor wie Morgana, die Herrin vom See. Reiche Augenblicke, von denen ich lange zehren kann. Ich will von keinem etwas, keiner will von mir etwas. Ich sitze hier einfach und bin Teil dieser sich bewegenden Veränderung. Friede um mich herum, Stille in mir.

Bergsee Damme

Dann gehe ich weiter. Auch die restliche Strecke um den Bergsee ist grandios, ich kann keine angemessene Beschreibung finden.

Den letzten Teil auf das Kloster zu nehme ich den unteren Weg, an der Bexadde entlang. Ich bin ihn schon viele Male gelaufen, aber noch nie mit so einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Da auch er ziemlich ausgespült ist, bin ich froh um meine Stöcke, die mir Halt geben. Jedes Mal, wenn ich die hier entlang gehe denke ich, ich gehe den Weg zum ersten Mal. Meine Wahrnehmung richtet sich nach meinem inneren Zustand.

Den steilen Berg im Wald zum Kloster hinauf schaffe ich leichtfüßig. Ich gehe direkt in die Kapelle, um erst einmal anzukommen. Danach laufe ich das Labyrinth, mit Rucksack das Mantra singend, das ich schon in der Osternacht dort gesungen habe. Das Labyrinth kennt mich schon in vielen Variationen.

Nun muss ich mich entscheiden. Heute noch zurück nach Wildeshausen oder im Kloster um Pilgerherberge fragen? Ich möchte einen würdigen Abschluss dieser Pilgertour und so gehe ich den Berg zum Klostereingang hoch. Ich werde im Kloster übernachten. Mit Vesper, Komplet, Laudes und Messe kann ich in kurzer Zeit noch viel für meine Seele tun.

(07.09.12)

Die Laudes habe ich heute morgen verschlafen. Wanderer sind müde.

Waldesruhe

Bunte Pferde

(05.09.12)

Ich bin in Steinfeld. Nicht per Fuß, sondern per Bahn. Wie sollte ich den ganzen Tag laufen und anschließend noch wahrnehmen, wo ich gelandet bin?

Deshalb beschließe ich, zunächst in Vechta zu bleiben und nicht gleich an nächsten Morgen weiterzulaufen.

Ich beginne den Tag mit einer Messe in St.Georg. Der Priester schien sich mehr durch die Messe zu quälen. Ich glaube er hatte ziemliche Rückenbeschwerden. Ist das Tag für Tag nicht deprimierend? Du stehst in einer riesigen Kirche mit sicher mehr als 1000 Plätzen vor 20 Leuten und quälst dich durch den priesterlichen Alltag?

Auf dem Rückweg zu meiner Unterkunft ist mir meine Fototasche samt Ersatzakku abhanden gekommen.

In der Zitadelle schreibe ich um die Mittagszeit meinen Blog vom Vortag. Nein, nicht unter Linden, sondern unter Zitterpappeln. Es ist kalt.

Anschließend gehe ich in das Museum im Zeughaus. Die „Gefängnisgeschichte“ Vechtas und die damit verknüpften und erzählten Einzelgeschichten berühren sehr. Zu sehen, wie diese Menschen existieren mussten, bedrückt. Auch die übrige Kriegsgeschichte: Mit unsäglich vielem Leid und Leiden verbunden. Nach dem Warum fragt man sich seit dem Beginn der Menschheit.

Steinfeld ist ein Ort, der am Durchgangsverkehr erstickt. Wieso fahren hier eigentlich so viele Autos mitten durch den Ort? Man kommt kaum über die Straße.

Das einzig wirklich Erwähnenswerte ist wieder einmal die Kirche. Dort gibt es die weltweit einzige holzgeschnitzte Nachbildung von Leonardo Da Vincis Abendmahl. Sehr beeindruckend. Die Kirche bekommt dadurch eine ganz andere Ausstrahlung als man sonst von Kirchen gewohnt ist. Irgend etwas ist anders. Direkt vor dem „Abendmahl“ zu stehen, muss man aushalten.

Abendmahl Steinfeld

Ansonsten: Lauter bunte Pferde in Steinfeld

Bunte Pferde

Ich freue mich auf den Dammer Wald morgen. Ich will in aller Frühe los.

Seelentag

An sich dachte ich, es geht wandernd pilgernd nicht mehr weiter. Die Hüfte ist vom Gewicht des Rucksacks aufgeschrubbt, die Schultern schmerzen, der rechte große Zeh ist entzündet, das Knie des linken Beines lässt nur ein Humpeln zu. Schon der Gedanke, den Rucksack wieder auf meine Schultern laden zu müssen, bereitet Schmerzen.

Aber, sie finden sich doch, die Jakobsmuscheln, die einem den inneren Weg zeigen.

Ich bin in einem sehr schönen Hotel gelandet. Einem alten, barocken Gemäuer, einem Familienbetrieb mit sehr freundlicher Familie. Die Gaststube ist heimelig, die Küche hervorragend. Absolut weiterzuempfehlen.

Und dann ist da die Kirche. Eine große Kirche. An dem Ort standen schon viele Vorgängerkirchen. Das spürt man. Es ist ein Ort, an dem schon viele Gebete, Tränen, Bitten, Wünsche, Danke gelebt wurden. Sie sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das sind Orte mit einer besonderen Kraft, heilige Orte.

Schutzraum

Ich hatte die Kirche zwei Stunden ganz für mich. Der große Raum um mich herum wie eine Hülle, die mich und meinen geschunden Körper umfasste. Es kehrte Ruhe von der lärmenden Welt in mich ein, etwas, das ich bisher auf dieser Reise vermisst hatte. Ich spürte wieder Kraft in mir und es entwickelte sich eine Vorstellung, was nun weiter geschehen sollte.

Hoffnung

Und ich hatte eine Begegnung mit der sogenannten Lourdes-Grotte. Sie wurde Anfang des Jahrhunderts errichtet von einem Bürger als großes Danke für die Heilung seiner Frau. Wie dieser Ort im Alltag auch heute noch genutzt wird, gibt ihm Kraft – Kraft als Ort der Hoffnung. Viele Kerzen sind aufgestellt, Rosenkränze hängen an den Grottensteinen, in einer kleinen Papiertüte ist ein Engel. Wahrscheinlich hat eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, ihren Schmerz hierhin getragen. Ja, auch dies ist ein heiliger Ort für mich.

Ich bin dankbar, dass ich an diesem Ort pausiert habe. Meiner Seele und meinem Körper hat er gut getan. Den Tag nehmen, wie er ist.

Ich werde morgen nach Vechta wandern.

Kraftort

Jakobsmuschel

Die erste Etappe ist geschafft. Von Harpstedt nach Wildeshausen. Mit unterschiedlichen Erfahrungen.

Ich weiß jetzt, wieso ich partout in Harpstedt anfangen wollte. Es gibt dort eine wunderbare Christuskirche, eine Basilika, mit einem tollen Altar. Als ich eintraf, kamen auch die ersten Besucher einer Hochzeitsgesellschaft. Und der Chor übte ein Halleluja.

Um die Kirche herum ist ein wunderschöner Christusgarten angelegt. Verschiedene Themenstationen mit einem Impuls aus der Bibel. Wunderschön. Und viele Impulse sind mir in diesem Jahr schon begegnet und haben eine Geschichte. Perfekter hätte es nicht anfangen können.

Im weiteren Verlauf musste ich Lehrgeld als Pilgerneuling bezahlen. Ich habe die Schilder nicht immer verstanden und mit meinem GPS stand ich auch auf Kriegsfuß. So habe ich einige Kilometer umsonst gedreht. Um 17.00 war ich fast am Ausgangspunkt angelangt. Vollends zurück nach Harpstedt und mit dem Bus zurück nach Wildeshausen?

Kommt nicht in die Tüte. Ich lasse mich doch nicht gleich am Anfang unterkriegen. Entschlossen ging ich zurück und an der Wegbiegung mit 3 Möglichkeiten nahm ich diesmal diejenige, die ich noch nicht ausprobiert hatte. Die war dann richtig.

Der Weg war wunderschön durch den Wald. Ich bin froh, dass ich nur mit kleinem Gepäck unterwegs war. Morgen kann ich mir das mit meinem 14 kg Rucksack nicht erlauben.

Am Ende hatte mein Tageskilometerzähler 25 km. Meine Füße brennen.

Jakobsmuschel

Träneneiche

Nach einer 60 Stunden Woche bin ich nicht so kaputt wie nach 4 Tagen Urlaub. Rücken, Handgelenke und Knie schmerzen. Auf dem Rücken spüre ich die Last des Jahres und der Jahre, im Blick die Leere. Ich bewege mich wie in einem Tunnel. Die verringerte Drehzahl lässt die kaputten Teile ins Bewusstsein rücken.

Ich will nichts als diesen Weg laufen, alles andere ist wie ausgeblendet, nicht relevant. Was ich während meines Urlaubes erledigen wollte, bleibt liegen. Keine Motivation, mich damit zu befassen. Diese Pilgerreise zieht mich ganz in ihrem Bann. Kein Touristenprogramm. Mehr Träneneiche.

Eiche