Sonntagsläuten

Zuerst sind es vier klägliche Schläge, volle Stunde, 18.00 Uhr. Dann aber bewegt sich die Kirche, man hört das Gebälk im Kirchturm stöhnen als ob es das nun Kommende kaum tragen könnte. Die Glocken setzen sich in Bewegung, man hört ihr Gewicht.

Keine Harmonie. Sie haben sich noch nicht aufeinander eingeschwungen. Als ob jede ihr eigenes Ding macht, ohne Achtsamkeit auf die Nebenglocke.

Der Kirchenraum über mir bebt. Ich spüre die Glocken über mir, obwohl sie dort gar nicht sind. Ich bin im Osten, die Glocken im Westen der Kirche.

Was für ein gebietendes Rufen. Nicht zu überhören:
„Hört, ich bin da,
ich bin da, auch wenn ihr mich nicht wirklich hört.“

Zornig klingt es, aufbrausend.

Schließlich beruhigen sie die Glocken. Sie fangen an, sich aufeinander einzuschwingen. Es dauert seine Zeit, dann klingen sie in ruhigem Gleichklang, bestimmt, keinen Zweifel aufkommen lassend.

Ich töne und bebe mit. Plötzlich höre ich es: Trompetenklang, verborgen im Glockengeläut. Die Trompeten von Jericho, schießt es mir durch den Kopf. Die Mauern sind gefallen. Wie gebannt höre ich diesem Trompeten-Glocken-Wohlklang zu.

Die Glocken werden leiser, ein letzter zärtlicher Glockenschlag.

Klingende Stille danach. Sonntagsgeläut.

Kirchtum

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