Nebel fragen

Ihr Nebel, was bringt ihr?
Kündet ihr vom Frühling
oder vom Herbst meiner Tage?
Nahezu undurchdringlich steht ihr vor mir
und doch seltsam leicht, nicht zu fassen.
Ein Versuch, mir den klaren Blick, zu nehmen oder
mich gnädig vor dem klaren Blick zu bewahren,
was auf das Gleiche hinauslaufen kann?
Meine Seele eingehüllt in tränennasses Grau,
die Außenwelt ein Spiegelbild meiner Innenwelt?
Oder alles nur Gaukelei,
meine Sinne vernebelt?

 

Abendlied

Heute ist mir ein Kirchenlied begegnet, das ich mein ganzes Leben lang kenne. Es ist in meiner Erinnerung das erste Lied, das ich gelernt habe. Mein Großvater hat es abends immer mit mir gesungen.

Der 1.Vers geht so:

Jesu geh voran,
auf der Lebensbahn,
wollen wir auch noch verweilen,
dir getreulich nachzueilen,
führ uns an der Hand,
bis ins Vaterland.

Jahrzehnte später fallen mir folgende weitere Verse dazu ein:

Wollen wir nicht weiter gehen,
weil wir deinen Weg nicht sehen,
wenn es uns an Mut gebricht,
leuchte du mit deinem Licht,
so dass wir in deinem Schein,
uns von aller Angst befrein.

Wollen wir in schweren Tagen
Unser Kreuz nur ungern tragen,
weise uns den Weg,
auf dem es heimwärts geht.
Kommen wir im Bußgewand
reichst du gnädig uns die Hand.

Guter Gott ich bitte dich,
lass mich heute nicht im Stich,
Sei bei mir mit deinem Segen,
begleite mich auf meinen Wegen.
Schenke mir genug Verstand,
dass ich nicht im Glauben wank.

Wortsalven

Worte können wie Gewehrsalven sein.
Wie Volltreffer schlagen sie ein und zerfetzen dich.
Manchmal reicht auch schon der Tonfall
oder eine Geste.

Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele.

Aber, er hat schon Elia nicht erhört,
was wird er mich erhören?

Verbinde deine Wunden, steh auf und iss,
du hast noch einen weiten Weg vor dir.

Das Kreuz mit dem Verstand

Aus dem Schatzkästlein von Teresa de Jesus:

Es ist ein kleines Kreuz,
wenn man seinen Verstand
jemandem unterordnen muss,
dem es daran fehlt.
Mir ist das nie gelungen,
und ich glaube auch nicht,
dass es notwendig ist.

Teresa, meine Schwester.

Zerreiß deine Pläne

Ein Rezept gegen die Angst von Mascha Kaléko in „Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte“.

Ohne weitere Worte:

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

30c84-wunder

Engel – eine unpopuläre Betrachtung

Was sind Engel?

Um Engel machen wir gerne viel Wind und viel Geheimnis. Es gibt unzählige Literatur, Erzählungen, Internetseiten zu dem Thema. Ja, es gibt eine ganze Engelindustrie, die mit der Hype um Engel gute Geschäfte macht.

Auch ich habe einige sehr schöne Bücher, Bildbände und einige Engelfiguren. Wenn ich Karten schreibe, benutze ich bevorzugt Engelkarten.

Auch ich kenne Engel. Würde man mich fragen, wie sehen sie aus, würde ich antworten: Ich kenne zwei: Gabriel ist gelb, Raphael ist blau, beide afigürlich. Sie sind einem aufgeschweist und wie ein Korsett im Rücken – der eine oder der andere, je nachdem, wen ich brauche.

Jedoch: Engel sind Engel – Gott ist Gott: Wähle ich doch lieber den direkten Kontakt.

Dagegen stehen Engel wie Nichtse. Traumbilder, Traumwelten, Traumwünsche, in die wir uns gerne selbst hineinträumen, hineinflüchten und verrennen.

Ja, sie kommen vor. Aber sie sind nichts als Sendboten Gottes, die in verschiedenster Form – bevorzugt als Mensch im Gegenüber – in Erscheinung treten. Ganz unspektakulär und unscheinbar. Ganz so, dass wir sie zu langweilig finden, um ihnen überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken.

Es gibt keine Denk- oder Handlungsweise der Engel. Engel sind keine Personen wie wir. Was sie vermögen, vermögen sie aus verliehener Kraft – nicht weniger und nicht mehr. Aus eigener Kraft vermögen sie nichts. Sie haben weder ein Empfinden, noch einen eigenen Charakter oder Fähigkeiten, noch nicht mal eine spezielle Form. Aus sich heraus vermögen sie rein gar nichts.

Engel, die einem erscheinen, offenbaren sich in der Weise, wie sie von demjenigen, für den sie bestimmt sind, erfasst werden können. Weder Form noch Art und Weise ist vorhersehbar noch zu vereinheitlichen. Engelsysteme sind deshalb Humbug, menschliche Verstandesgeburten. Die Namen der Engel sind nur Bilder für ihre Erscheinung an sich, aber nicht für das Wie im Einzelfall.

Engel sind hilfreich, Hilfsboten, Hilfskonstrukte Gottes, Sendboten, seine Dienstboten, sofern man sie personalisieren will. Gottes Angesicht können wir nicht ertragen, Engel wohl. Sie sind Botschaftsträger, auf das jeweilige Begreifen zugeschnitten.

Ist eine solche Betrachtungsweise desillusionierend? Nein, ganz im Gegenteil. Sie gibt den Engeln den Rang, der ihnen zugewiesen ist und macht sie nicht selbst zu (falschen) Göttern. Der von Gott geläuterte Mensch steht als sein Ebenbild über jedem Engel.

Der Blutegel hat zwei Töchter: gib her! gib her! ( Sprüche 30,15 )

Suizid

Ich erinnere mich genau als wäre es gestern gewesen. Es ist jedoch mehr als 30 Jahre her. Ganz unvermuteter Besuch. Man läuft sich jeden Tag über den Weg, aber jeder lebt sein eigenes Leben.

Dann sitzt er vor mir auf dem Boden. Ich schaue ihn an und denke: Was will er bloß von mir? Er kommt doch sonst nie. Er trinkt ein Bier, erzählt vom bevorstehenden Skiurlaub. Ich suche derweil in mir nach einer Antwort und finde sie nicht. Er will gar nicht mehr gehen, aber irgendwann tut er es doch, es ist spät. Bei mir verbleibt ein schlechtes Gefühl.

Am nächsten Tag, so um die Mittagszeit, kommt der Anruf: Er hat sich vor einen Zug geschmissen. Nur ein paar Atemzüge entfernt. Er muss so um die 22 gewesen sein.

Wieso habe ich, die sonst alles sieht, seine Not nicht gesehen? Wieso habe ich, die hört, wenn niemand spricht, nicht die Geschichte gehört, die hinter den Geschichten stand, die er erzählte? Wieso habe ich, die er als Rettungsanker suchte, so versagt?

Seit über 30 Jahren denke ich darüber nach und finde nur eine Antwort: Wenn ich es hätte sehen sollen, dann hätte ich es gesehen, wenn ich es hätte hören sollen, dann hätte ich es gehört.

Irgendwie muss auch darüber etwas Gott Gewolltes gelegen haben.
Irgendwie regierte auch hier Gottes leitende Hand.
Irgendwie war auch hier Kreuz und Frieden.

Gottes Wege sind unerforschlich.
In guten wie in schlechten Tagen.
Ich bin mir nicht so sicher, bei wem hier die guten und
bei wem die schlechten Tage verblieben sind.

Ach ja, was mich auf diese alten Gedankenpfade brachte: Ein digitaler Selbstmord, vor ein paar Tagen hier vollbracht. Einfach auf das rote Kreuz klicken und Stille ist im Blog. Ganz unblutig. Wo die Leichen liegen, ahne ich nur.

Gefängnis

Fliehendes Land

Ich weiß genau,
wo meine Heimat ist,
ich weiß genau,
wo ich hingehöre.
Noch ist es ein fliehendes Land.

Du weißt genau,
wo deine Heimat ist,
du weißt genau,
wo du hingehörst.
Noch ist es ein fremdes Land.

Wir wissen genau,
wo unsere Heimat ist,
wir wissen genau,
wo wir hingehören.
Noch ist es kein gemeinsames Land.

Dieses Jahr haben wir es nicht erreicht.
Leer und verlassen liegt es da, unbefreit.
Es war nicht zu finden, in der Dunkelheit.

Vielleicht kommt nächstes Jahr ja die richtige Zeit.
Vielleicht sind wir nächstes Jahr ja endlich bereit.
Vielleicht verschieben wir nächstes Jahr aber auch – in die Ewigkeit.

Fernes Land

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren,
Zeit innezuhalten.
Zwischen Vergangenheit
und Zukunft
Im Jetzt.

Und doch,
im Jetzt fühle ich in mir
eine Sehnsucht,
die das Morgen sucht.

Psalm 119.
Meine Augen sehnen sich
nach deinem Wort und sagen:
Wann tröstet du mich?

Zwischenstation

Silvesterbewegungen

Weihnachtszeit,
besondere Zeit
mit bewegender Kraft.

Gerade angefangen,
obwohl man den Eindruck haben kann,
sie ist schon zu Ende.

Die Menschen eilen weiter
in ruhelosem Getriebe,
bewegt von was?

Ach ja,
Silvester steht vor der Tür,
große Geldbewegungen.

Partylärm,
verpulverte Millionen,
pyrotechnischer Hüttenzauber.

Verpuffter Weihnachtszauber.

Silvester

Zwischenruf

Der Lehrtext zur Tageslosung heute lautet:

Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.
(Jakobus 1,22)

Der Tag birgt noch Möglichkeiten.
Wenn jeder eine ergreift, ist schon viel getan.

Täter des Wortes

Rückblick

Auf das Jahr zurückblicken?
Will ich das?
Auf die Erdbeben?
Auf die Trümmer?
Auf die herumfliegenden Gesteinsbrocken?
Steingebirge,
eingewickelt in Stacheldraht.
Nein altes Jahr,
ich wein dir keine Träne nach.

Franz von Sales,
wie von dir geraten:

Ich vergrabe den Schlüssel
unter dem
untersten Felsbrocken,
schreibe mir keine Erinnerungskarte
und geh.

Felsbrocken

Psalm 23

Mein weiser Bruder hat mich heute an die innere Weisheit von Psalm 23 erinnert.

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und
führt mich zum frischen Wasser.

Er erquickt meine Seele,
er führt mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkst mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen
mein Leben lang und
ich werde bleiben
im Hause des Herrn
immerdar.

So bekräftigt werde ich mich auf den Weg machen, dem Sonntagsläuten entgegen, mit Anlauf und hoffentlich ohne Schlaglöcher.

Schlaglöcher

Wie Sterntaler

Ich kenne einen Weihnachtsort, der ist etwas ganz besonderes.
Man findet ihn vielleicht nicht auf Anhieb, aber
wenn man ihn gefunden hat,
tut sich der Himmel auf,
in silbernen und goldenen Fontänen
regnet es Sterne herab,
bedecken die Welt und
bedecken mich.
Wie Engelshaare.
Wie Sterntaler.
Machen mich zu einem
Segenstaler.

Ein wahres Weihnachtsmärchen.

Segenstaler

Das verschwundene Christkind

Als ich heute Nachmittag das Christkind besuchen wollte, war es aus seiner Krippe verschwunden. Wo mag es wohl hin sein? Hat es ihm in seiner Krippe so alleine in der leeren Kirche nicht mehr gefallen?

Kein Mensch kümmerte sich mehr um es. Alle haben vermeintlich etwas besseres zu tun, gehen schon wieder shoppen. Oder fahren in Urlaub. Weihnachten ist abgehakt. Jetzt kann Konsum, Wellness und Freizeitvergnügen wieder in den Vordergrund rücken. Mit Silvester wartet schon das nächste Event. So mancher wird aufatmen. Gottseidank haben wir dieses Weihnachtsgedusel für dieses Jahr hinter uns gebracht.

Das Christkind hat das vorausgesehen. Es kennt das. Seit vielen Jahrhunderten ist das so. Deshalb hat es schon an Weihnachten beschlossen, dass es keinesfalls so einsam und allein in seiner Krippe in der kalten Kirche zurückbleibt. Wohin ist es verschwunden?

Wenn ihr nicht zu mir kommt, dachte das Christkind ganz pfiffig, dann komme ich eben zu euch. Es hat sich heimlich, still und leise an Weihnachten in die Herzen der Menschen geschlichen, die es an Heilig Abend mit glänzenden Augen angesehen haben. In die Herzen der Menschen, die sich an ihm gewärmt haben. Als Dank wärmt es nun diese Menschen von innen heraus, unabhängig von Weihnachten.

Eigentlich bin ich damit ganz zufrieden, denkt das Christkind bei sich, in den Herzen der Menschen ist es schöner als alleine in der leeren ungeheizten Kirche. Es strahlt vor Freude über seinen Einfall. Die Menschen, in denen das Christkind strahlt, spüren das. In ihren Augen spiegelt sich das Strahlen des Christkinds und – wenn sie einem anderen Menschen in die Augen sehen – geben sie dieses Strahlen weiter.

Man kann sich das so vorstellen, wie wenn bei der Christmette das Weihnachtslicht weitergereicht wird, von Mensch zu Mensch und manchmal auch von Herz zu Herz.

Kettenlicht

Joseph

Joseph, der Stille, der im Hintergrund lebt,
Joseph, der nicht auf die anderen hört.
Joseph, der sich der Aufgabe stellt,
Joseph, der sich verlässlich verhält.
Joseph, der handelt und nicht wankt,
Joseph, der tut, was Gott verlangt.
Joseph, der voll Demut gehorcht,
Joseph, der Frau und Kind umsorgt.
Joseph, der tut, was der Engel befiehlt.
Joseph, der mit seiner Familie flieht,
Joseph, der Gott allein vertraut.
Joseph, der fest auf den Glauben baut.

Joseph, du zeitloser Held,
vor dir verneige sich die Welt.
Joseph, dein selbstloses Handeln,
sei Beispiel auch in heutigem Wandel.
Joseph, deine Demut ohne Klagen
gebe mir Mut und lass mich es wagen.

Herzenslicht

Weihnachtskirchgang

Gottes Kind kommt in der Nacht und
hat das Licht mit sich gebracht.
Der neue Tag, von seinem Glanz erhellt,
wie neu erschaffen ist die Welt.
Klarheit liegt in der Luft, der Wind weht leise,
die Sonne strahlt und wärmt auf ihre Weise,
die dunklen Wolken sehen zu,
und lassen ihre Schleusen zu.
Ein Loblied liegt auf meinen Lippen,
Hier steh ich an Deiner Krippe,
Hier seh ich Deine Schöpferkraft,
Gesegnet sei die Heilge Nacht.

Weihnachtsmorgen

Weihnachten – Fest der Liebe

Weihnachten ist,
wenn du einen steilen Berg erklimmst,
mit großen Mühen,
immer in Gefahr aufzugeben,
immer in Gefahr abzustürzen,
unter Tränen weiter gehst,
bedrängt von Blitz, Donner und Hagelschlag,
schließlich
durchnässt, frierend und entkräftet
den Gipfel erreichst,
für einen kurzen Augenblick
die Wolken aufreißen und
du einen zärtlichen Blick werfen darfst
in das verheißene Land deiner Sehnsucht,

Dann hält –
einen Wimpernschlag lang –
die Welt
den Atem an und
du bist nichts
als Liebe.

Verheißenes Land