„Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und alsbald werdet ihr eine Eselin finden angebunden und ihr Füllen bei ihr; löset sie auf und führet sie zu mir! Und so euch jemand etwas wird sagen, so sprecht: Der HERR bedarf ihrer; sobald wird er sie euch lassen. Das geschah aber alles, auf daß erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: „Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin.“ (Mt 21, 1 ff).
Heißt:
Geh in den Ort,
der in dir liegt.
Du wirst finden
dich als Eselin
und als Kind.
Löse die Stricke,
lass deine Verstrickungen.
Dann hörst du das Rufen,
dann verstehst du den Grund,
wirst zum Lasttier und zur Tochter und
trägst das göttliche Kind.
Du stehst wie eine Zeder des Libanon im Sturm und
weißt nicht woher der Sturmwind kommt.
Deine Hände suchen und finden Halt wie Wurzeln im Grund.
Du stehst im Sturm,
hältst dich fest und
hoffst, dass du nicht fällst.
Es reißt dich hin und her,
ohne zu wissen,
was für ein Sturmwind das ist.
Keine Zeit zu denken.
Du blickst auf das, was dir Halt gibt,
blickst auf den, der dich hält.
Eine Ahnung von der Heiligkeit des Augenblicks steigt in dir auf.
Das war ein Versprechen,
ein unauflöslicher Bund.
Am Ende des Horizontes ist das äußerste Meer.
Ich weiß wie es dort ist.
Es gibt keinen Boden unter den Füßen,
es ist leer und hell und
es ist völlig egal, ob man nach oben oder unten fällt.
Ohne Emotionen wartet man,
was nun kommen mag.
Ohne Schrecken.
In Erwartung.
Weiter bin ich noch nicht gekommen.
Ich weiß nicht,
was im Oben oder Unten kommt.
Neugierig bin ich schon.
Montags geht es mir schlecht.
Wieso?
Es liegt am Sonntag.
Ob es mir besser geht, wenn ich das lasse,
was die Sonntage zum Sonntag machen?
Die Sonntage abschaffe?
Selbst-Zerstörung.
Fröhlich.
Fröhlich Leiden.
Leiden verstehe ich.
Aber was ist fröhlich?
Selbst-Zerstörung als Lust?
Lustiges Leiden?
Die unfröhliche Variante muss reichen.
die kann ich,
die kenn ich ,
aber fröhlich.
fröhlich kenn ich nicht.
Mehr kann ich nicht bieten.
Mehr habe ich nicht zu bieten.
So weit die Füße tragen.
Wie weit tragen die Füße?
Experiment am Selbstobjekt.
Ich kann 12 Stunden ohne Pause durcharbeiten.
Ohne zu essen,
Immer auf das konzentriert, was gerade das Nächste ist.
Web-Konferenzen dazwischen.
Das lockert auf.
Dann steht noch einer in der Tür.
Wenn andere in den Feierabend gehen,
gehe ich in die 2.Schicht.
Haufenweise Probleme,
die gelöst werden wollen.
Probleme der anderen.
Das macht mich leicht.
Es sind die Probleme der anderen.
Die kann ich lösen.
Das erleichtert die anderen.
Es gibt noch andere Spätarbeiter,
die immer noch Probleme haben,
die sie noch nicht an mich adressiert haben.
Das verbindet,
Gemeinschaft der Spätarbeiter.
Als Dank bekommen sie ihr Problem gleich gelöst.
Meditatives Arbeiten.
Ohne Rechenschaft vor mir abzulegen, wieso ich das mache,
ohne zu hinterfragen, ob ich was anderes verdränge,
ohne mich selbst anzuzweifeln,
ohne Emotionen.
Einfach arbeiten.
Es ist völlig gleichgültig,
was man tut.
Widerworte können wirken wie Widerhaken.
Ein Blick auf das Gegenüber reicht und du siehst den Schmerz,
den deine Widerworte ausgelöst haben.
Sie haben ihre Spuren hinterlassen,
im Gesicht,
in der Körperhaltung,
in der Seele,
in der ganzen Person,
haben sich sichtbar im Fleisch verhakt,
Dornen und Stacheln körperlich fühlbar.
Verletzt.
Verwundung, die du angerichtet.
Aus deiner eigenen Verwundung heraus.
Gemeinsam leidend und doch jeder für sich.
Dornenkronen.
Heilende Kronen.
Der Haken muss Widerstand spüren,
damit er zum Widerhaken wird.
Inneren Widerstand.
Wider was?
Den Widerstand auflösend,
gebären wir durch die langen Geburtswehen hindurch,
gefangen im Schmerz,
nicht davonlaufen könnend,
verzweifelt,
resignierend,
entkräftet,
um Atem ringend,
der Schmerzen überdrüssig,
trotzdem nie aufgebend,
immer wieder Mut fassend,
hoffend,
Tiefe Dunkelheit – und dann wieder Licht.
Der Blog der letzten Wochen ist ein Spiegel.
Ich hadere, aber auch wieder nicht.
Heinrich Seuse in seinem Büchlein von der Ewigen Weisheit:
Was will der allerhöchste Geist von mir?
Antworten der ewigen Weisheit:
In allem Gottes Willen zu tun.
Und wüsste ich,
ich müsste Nesseln ausreißen und anderes Unkraut,
so würde ich nichts anderes lieber tun.
„Eine Gelassenheit ob aller Gelassenheit ist gelassen sein in Verlassenheit.„
Wie erfahre ich Gottes Gegenwart?
„Wenn ich mich verberge und das Meine der Seele entziehe, so wirst Du erst inne, wer ich bin und wer Du. Ich bin das ewige Gut, ohne das niemand etwas Gutes hat. Und darum, wenn ich mich, das ewige Gut, so gütig und in Liebe ergieße, so wird gut alles das, wohin ich komme. Daran mag man meine Gegenwart erkennen, wie die Sonne an ihrem Glanze, die man doch nach ihrer Substanz nicht sehen kann. Empfandest Du mich je, so geh in Dich selber und lerne, die Rosen von den Dornen scheiden und die Blumen aus dem Grase lesen“.
„Wenn Lieb bei Lieb ist, weiß Lieb nicht, wie lieb Lieb ist; wenn aber Lieb von Lieb scheidet, so empfindet erst Lieb, wie lieb Lieb war“
Über manche Dinge kann man nicht einfach hinweggehen. Sie beschäftigen, fesseln, elektrisieren einen, füllen einen aus.
So geht es mir mit dem, was ich gestern auf der Heimfahrt begriffen habe: das „Grundlos“. Das gegenseitige „Grundlos“, das eine „Grundlos“.
Es ist ein Unterschied, ob man etwas intellektuell versteht oder ob man etwas erfährt, innerlich völlig erfasst, verinnerlicht, in jeder Faser begreift.
Intellektuell weiß ich, dass Gottes Liebe grundlos ist.
Das ist mir so gesagt worden,
das habe ich gelesen,
das muss so sein,
aus all meinem Verständnis des Göttlichen heraus.
Ganz anders ist das Erfahren.
Gestern habe ich erfahren, was grundlos ist.
Mit einem Schlag war er da,
Jeder kennt das. Man ist den Weg schon über Tausend mal gefahren. Das Auto fährt allein. Die Gedanken fliegen davon.
Meistens sind sie noch mit der Arbeit beschäftigt. Wie unzufrieden bin ich heute wieder mit mir. Ich spüre, dass der Drehzahlmesser schon längst im roten Bereich ist. Die Kollegen spüren das auch. Ungnädig bin ich. Deshalb bin ich auch ungnädig mit mir.
Lieber Gott, wieso denkst du, ich nütze dir in dem, was ich so jeden Tag mache?
Könnte ich nicht vielleicht doch irgendwo anders nützlicher für dich sein?
Irgendetwas tun, was mir besser entspricht?
„Nein„,
kommt mir mächtig die göttliche Belehrung postwendend entgegen,
„grundlos ist dein Wert für mich.„
Manche Dinge sind nicht aufzuhalten. Sie brechen mit Urgewalt aus einem heraus. Sie fließen ohne großes Zutun aus dem Innersten, ohne dass man zögert. Die Finger fliegen über die Tasten. Man schreibt in absoluter Übereinstimmung. Hin und wieder kurzes innehalten, nach innen hören. Hier braucht es noch eine kleine Korrektur und da stimmt ein Wort noch nicht ganz. Man weiß genau, was da heraus will, ohne es eigentlich zu wissen. Es steht schon in einem geschrieben.
Den Adrenalinschub, den dieser Vulkanausbruch verursacht, spürt man noch Tage.
Wenn das Nachbeben verhallt ist, herrscht erfüllte Leere und Erleichterung. Was schon lange nach außen gedrängt hat, ist endlich draußen.
Darf oder muss der Mensch sich Sorgen machen um seinen Nächsten? Oder lässt er alles fahren? Gott sorgt ja für einen? Er wird schon den Strick, an dem der andere mit schon blau angelaufener Zunge hängt, durchschneiden. Hauptsache ich sorge für mich. Martha oder Maria?
Martha würde sofort zur Hilfe eilen.
Dennoch hat sie schlechte Karten.
Sie wird abgekanzelt.
Sie ist die Geringere.
Sie ist zu irden.
Sie steht zu sehr mit beiden Beinen im Leben.
Sie ist keine Tagträumerin.
Sie nimmt die Verantwortung für den Nächsten.
Sie reagiert weiblich mütterlich.
Sie handelt reif.
Aber:
Sie schneidet im allgemein (männlichen) Urteil in ihrem Handeln für den Nächsten schlecht ab.
Maria hat den „guten Teil“.
Sie himmelt an,
ist Frauen-Seelchen –
im wahrsten Sinne des Wortes.
Das schmeichelt.
Das tut Männerseelen gut.
Den historischen wie den heutigen.
Ohne Martha könnte die Männerschar sehen, wo sie die Nacht über bleibt. Die hungrigen Mägen würden hungrig bleiben. Würde Manna vom Himmel fallen? Was tun, wenn kein Manna vom Himmel fällt? Nur vom Anhimmeln leben? Wunder passieren nicht jeden Tag.
Das wird hart, Ihr Männer.
Martha, Martha, nimm es gelassen. Sie haben es nicht verstanden:
„eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt“.
Heißt: Eins-Sein tut Not, jungfräuliche Seele bewahren und reife Frucht bringen. Maria ist der eine Teil, Martha der andere. Nur zusammen sind sie eins. Für die Seele zu sorgen, ist ein Teil. Die Seele im göttlichen Grund ist per se das „Gute“. Aber
ohne irdenes Gefäß,
ohne fruchtbringendes Handeln,
ohne weibliches Gebären im Körperlichen,
ohne Tun für den Nächsten,
verhungert die Seele, bliebe sie allein, unvollendet. Weil dies so ist, hat Gott die Welt geschaffen. Ohne diesen anderen Teil würde das Ganze seinen immanenten Sinn verfehlen, wäre es nicht eins. Aber es ist der fleischlich, irdene Teil, der nicht göttliche, der sündhafte, der der fehlen kann. Deshalb hat Maria das gute Teil gewählt.
Martha steht für die reife Frau. Sie nimmt nicht alles hin, sie hinterfragt. Sie sagt nicht, obwohl sie das Kraft ihrer Stellung könnte, „Maria, geh in die Küche“, sie lässt Maria gewähren. Sie fordert Jesus heraus, indem sie provozierend fragt. „Willst du nicht …“. Die vordergründige Antwort hat sie sicher schon vorher gewusst, und trotzdem hat sie ihn gefragt, weil sie die Begründung gereizt hat. Und sie versteht sie. Da gibt es nichts zu widersprechen.
Martha ist es, die nach Lazarus Tod Jesus entgegeneilt. Sie weiß was zu tun ist. Sie weiß, wer helfen kann. Daraus entwickelt sich der faszinierendste Dialog, den Jesus in der Bibel mit einer Frau führt.
Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber auch jetzt weiß ich, was immer du von Gott erbitten wirst, das wird Gott dir geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen! Martha spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. (Joh 11, 22-28)
Martha glaubt ohne Wenn und Aber. Das, was Maria noch lernen musste, war für Martha längst ein „Wissen“. Sie sieht Jesus bereits als den Christus, felsenfest, ohne Zögern, ohne Wanken, reif. Sie ist darin das weibliche Pendant zu Petrus, sie ist Petrusin. Weit herausragend, tief verkannt.
Nein Martha, lass die nicht irritieren, schneide den Strick um den Hals deines Nächsten durch, lass ihn nicht ersticken.