Gefangen in Dogmen

Lieber Luther,

wieso scheinen die Kirchen so unbeweglich, so starr und so tot? Sie sind Gefangene ihrer Dogmen. Diese knebeln sie so sehr, dass sie letzten Endes an ihre Selbstfesselung ersticken werden. Die Grundfrage dahinter ist: Lässt sich Gott und seine Allumfasstheit wissenschaftlich erfassen?

Dogmatik, so schreibt Karl Barth, der evangelische Kirchenvater des 20.Jahrhunderts,

ist die Wissenschaft, in der sich die Kirche entsprechend dem jeweiligen Stand ihrer Erkenntnis über den Inhalt ihrer Verkündigung kritisch, d.h. am Maßstab der Heiligen Schrift und nach Anleitung ihrer Bekenntnisse Rechenschaft gibt.

Es geht um die christliche Kirche und um das Was der Verkündigung. Und es geht um den wissenschaftlichen Anspruch. Wer sich mit Dogmatik befasst, so Barth, müsse sich auf den Boden der christlichen Kirche und ihres Werkes stellen. Das sei eine conditio sine qua non.

Damit sind die Fronten klar. Kritik kann nur von denjenigen kommen, die außerhalb der Kirchen stehen. Sie werden aber per definitionem von der Berechtigung, sich mit den aufgestellten Dogmen zu beschäftigen, ausgeschlossen. Die Schotten sind dicht zu halten.

„Die“ Kirche könne zwar mit der Erkenntnis dessen, was sie zum Dogma erhebt, irren, aber das sei ihr nicht zum Vorwurf zu machen, da man nur das von ihr verlangen könne, was gerade der Stand ihrer Erkenntnis sei. Das sei ihrer Existenz in der jeweiligen Geschichte geschuldet.

Was ist „die“ Kirche? Die Kirche sei, und da hört die Wissenschaft auf und das Dogma fängt an, eine Gabe Gottes. Man könnte sie auch nüchtern als eine Organisation definieren, die wie jede andere, eine Hierarchie hat, Macht und Einfluss ausübt oder ausüben will, verfasst ist, Mitglieder hat, eine Verwaltung, eine Unternehmensphilosophie und, nicht zu vergessen, wirtschaftliche Interessen. Das sehen auch Kirchenobere so.

Die Auffassung der Kirche als Gabe Gottes verweist zurück auf ein Theologieverständnis, das „die“ Heilige Schrift, „das“ Evangelium, als das Wort des sich selbst kundgebenden Gottes auffasst. Das Selbstverständnis von Kirche, Theologie, Dogma und Schrift ist, dass es Gottes Wille und Werk ist, dass sie ist, was sie ist, wie sie ist und dass sie ist. Es bestehen drei Voraussetzungen, die ihre Existenz begründen:

  • Die Texte der Schrift sind die Selbstkundgebung Gottes
  • Menschen, denen es gegeben ist und die bereit sind anzuerkennen, dass diese Selbstkundgebung Gottes für sie geschehen ist.
  • Die Vernunft, d.h. das Wahrnehmungs-, Urteils- und Sprachvermögen aller (glaubenden) Menschen, dass es diesen technisch ermöglicht, sich an der dem im Evangelium sich selbst kundgebenden Gott zugewendeten theologischen Erkenntnisbemühungen aktiv zu beteiligen.

Die gesamte (evangelische) Theologie wird um das Dogma gebaut, die zur Bibel von Menschen zusammengefassten Schriften seien unanfechtbar und unanzweifelbar Gottes Wort, das er selbst, mitten unter den Menschen an alle Menschen gerichtet und gesprochen hat, spricht und sprechen wird. Es sei das Wort seines Tuns an den Menschen, für die Menschen und mit den Menschen, ein sprechendes Tun.

Die Schrift wird als absolutes Wort Gottes gesetzt, zum einen Wort des EINEN, das nicht vieldeutig, sondern eindeutig ist und sowohl „dem Weisesten wie dem Törichsten an sich sehr wohl verständlich“. Diese (evangelische) Theologie, ja die ganze Kirche, steht und fällt mit dem Dogma vom Evangelium als gesprochenes Wort Gottes, noch eingrenzender: „Das Wort Gottes ist darum Evangelium, gutes Wort, weil es Gottes gutes Tun ist, das in ihm zur Aussprache und Ansprache wird.“

Gott wird mit menschlichem Maß gemessen, an unserem Begriff von Gut und Böse. Mensch schreibt Gott das „Gut“ zu. Ist das eine Kategorie für Gott? Denkt Gott in Gut und Böse, oder ist es nur der Mensch, der gut und böse ist und auf Gott projiziert, dass auch er gut und böse ist? Gut und Böse sind so oder so Kategorien, die nicht absolut fassbar sind. Wie nicht absolut fassbare Kategorien, deren Inhalt sich in Jahrtausenden vielfach geändert hat, zum Maßstab für Gott setzen? Oder meint man darunter ein ganz bestimmtes Gut und Böse, ein dem „abendländischen“ Kulturverständnis geschuldetes? Gibt es das überhaupt? Ist Gott ein aufrechter Europäer oder Deutscher oder Schweizer? Das wäre uns wohl das Liebste. Schon die Idee, dass Gott ein auf menschliches Maß reduziertes Wort, Denken und Tun hat, ist eine Reduktion Gottes auf menschliches Maß, eine menschliche Anmaßung sondergleichen.

Theologie setzt sich über Gott. Theologie spielt Gott. Sie maßt sich an für Gott zu sprechen, verschanzt hinter einer Pseudowissenschaft, die ihre Dogmen, ihre Existenz an sich, rechtfertigen will. Wie kann sich ein Mensch, eine Kirche, ein Theologe, anmaßen, für Gott zu sprechen, der sich unserer Phantasie und schon gar jeder Wissenschaft entzieht? Es wird zwar eingeschränkt „dem Stand der Erkenntnisse“ entsprechend, aber welche wissenschaftliche Erkenntnis kann es von Gott geben? Gottes Geheimnis entzieht sich jeder menschlichen Wissenschaft und jeglichem menschlichen Verstand. Bescheidenheit steht bei Kirchen und ihrer Theologie nur auf dem Papier, es ist vielmehr eigene Überhöhung, Rechtfertigung der eigenen Existenz.

Lieber Luther, entgegen jeder Wissenschaft, entgegen jeder Vernunft, besteht die christliche Theologie darauf, dass die Schriften, die wir als Bibel kennen, das gesprochene eindeutige Wort Gottes ist. Da erübrigt sich jedes Wort. Aus Macht- und Existenzerhaltungsgründen kann sie gar nicht anders. Eine Kirche, eine Theologie, die ein Sammelsurium von Schriftstücken zum Gott macht, die ihre Existenz und ihr gesamtes Fundament darauf gründet, hat sich selbst in ein dogmatisches schwarzes Loch katapultiert, in dem sie irgendwann verschwinden wird. Jedenfalls wird klar, wieso dieses Dogma mit Zähnen und Klauen verteidigt wird.

Es wird mir dabei auch erschreckend klar, wieso Pastoren, die in dieser Denke ausgebildet wurden, sprachlos sind, nichts zu sagen haben, für nichts einstehen, für nichts jedenfalls, was die Schrift betrifft, die sie rechtfertigen sollen. Als Zeugen 2.Klasse, nach den Autoren der Schrift – den behaupteten „Zeugen“, die sie faktisch nicht waren – sind sie schon per Dogma als ein Zeuge Gottes kastriert. Schon per Lehre kann Gottes Wort nicht an sie ergehen. Wie sollen sie es hören oder Vertrauen in sich haben, dass sie es hören können? Gottes Wort ist mit seiner Selbstäußerung in den Schriften der zur Heiligen Schrift kanonisierten Bibel per Dogma verstummt. Wen wundert da die Verirrung der Pastoren, die Predigten, die oft jenseits jeder Schrift sind?

Die (evangelische) Kirche benimmt sich mit der Selbstfesselung in ihren Dogmen der Chance, die Schriften der Schrift als das zu sehen, was sie sind und zu leisten vermögen: Sie geben Zeugnis von Menschen und ihrer Begegnung mit Gott über Jahrtausende. Im Echo dieser Erfahrungen bekommen wir eine Ahnung von Gott, wächst unsere Sehnsucht, diesen Gott in seinem Tun jeden Tag zu erfahren, mit ihm in Kontakt zu treten. Insofern sind diese Zeugnisse von unschätzbarem Wert für uns, weil sie uns auf die Spur Gottes bringen. Die Kirchen und Theologen, welcher Couleur auch immer, braucht es dazu nicht.

Herzliche Grüße
Deborrah

Keine leichte Kost:
Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie; 8.Aufl.; Zürich 2013
Karl Barth: Dogmatik im Grundriß; 11. Aufl.; Zürich 2013

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