Weihnachtsgeschichte

Maria war in Nöten. Sie war, kaum dem Kindesalter entwachsen, schwanger. Gegen den Mann, der ihr das angetan hatte, konnte sie nichts ausrichten. Sie war ihm ausgeliefert. Machtlos. Benutzt und dann weggeworfen. Sie ahnte, wie es solchen Frauen ging und wie sie endeten. Die Alten hatten davon erzählt. Abgestempelt vor der Gesellschaft, ausgestoßen aus der Reihe der ehrbaren Frauen. Gab es eine Alternative? Wie sollte sie das Kind durchbringen? Zum Davonlaufen. Ihr Kind werden sie später „den Sohn der Maria“ nennen. Als sie in den Wehen lag, von allen verlassen, graute ihr vor dem Morgen.

Ihre Not, ihr elendes Dasein erhöhten sie später. Weil ihre bigotten Moralvorstellungen nicht zulassen konnten, dass der, den sie später auch erhöhen und Christus nennen werden, von ihr abstammte, einer missbrauchten Frau. Sie demütigten, missachteten und entehrten sie ein weiteres Mal, indem sie sie nicht so nahmen, wie sie war, sondern sie zum Idealbild einer gottesfürchtigen Frau stilisierten. Ihr wahres Leben wurde von ihnen als nicht würdig genug angesehen, einen Christus zu gebären. Es durfte nicht ans Licht kommen. Es musste mit aller (Kirchen-) Macht verschleiert werden.

So redeten und schrieben sie über sie, auch sie sei heilig, um das zu heiligen, was sie aus ihrem Sohn gemacht haben. Einen Gottessohn, von Gott selbst durch den Heiligen Geist gezeugt. Fantasie hatten sie, das muss man ihnen lassen, wenn auch die Absicht dahinter unlauter war. Mit der Zeit wurden ihr immer mehr Dinge angedichtet. Einer berichtete sogar, ein leibhaftiger Engel sei ihr erschienen, und noch verwunderlicher, er wusste Wort für Wort, was dieser Engel zu ihr gesagt haben soll, ganz als sei er dabei gewesen. Auch von einem (wunderschönen) Dankesgebet ist die Rede, obwohl Maria weit davon entfernt war, dieses Kind als Geschenk anzusehen.

Ein Christus kann aus keinem Missbrauch entstehen. Wie soll man darauf eine Kirche gründen? Wie die Tatsachen zurechtrücken, so dass es passt? Jungfrauengeburt! Das ist der Knaller, wenn das nicht eines Christus würdig ist. Und schnell noch einen Josef erfunden, der seine Rolle im Weihnachtsmärchen spielt, ansonsten aber im (Z/N)immermannsland verschwindet. Irgendwo musste es mit dem Erfinden von Geschichten auch ein Ende haben. Man verstrickte sich ja immer tiefer im Fantastischen.

Und dann deuteten sie, nach Jesu Tod, alte Prophezeiungen um, verlegten, damit es passt, Jesu Geburt auch noch von Nazareth nach Bethlehem. Der Christus musste ja vom Stamme David sein. Was machen, wenn es um so Großes geht, da schon die paar Kilometer zwischen Bethlehem und Nazareth aus? Von Kindesmord ist die Rede und von Flucht, um dem Ganzen auch die nötige Dramaturgie zu verleihen. Mit der kleinen Einschränkung, dass kein Geschichtsschreiber diesen Zensus und den Kindermord je erwähnt hat. Ziemlich unwahrscheinlich. Genausowenig wie die drei Könige. Als ob drei Könige von der Welt unbeachtet durch die Gegend reisen könnten, ganz ohne Prunk, Gefolge und Tross. Als ob sie so einfach fremde Grenzen verletzen könnten, ohne aufgehalten zu werden, da ja auch andere Absichten dahinter stecken könnten. Ob es sich um „Weise“ oder „Könige“ handelte, macht die Geschichte auch nicht wahrer.

Aus Marias und Jesu knallharter Realität wurde ein Weihnachtsmärchen, mit Gut und Böse, mit allem, was zu einem guten Theater gehört: Engel, Posaunen, Liedern, ein leitender Weihnachtsstern. Kurz: Krippenspiele. Alle Jahre wieder. Es wird alles aufgefahren, was die Emotionen bedient und insbesondere den Veranstaltern dieser jährlichen Krippenfestspiele guten Zulauf bringt.

Warum bloß? Wäre ein Jesus, dessen Leben auf einen Missbrauch zurückzuführen ist, untauglich für die Rolle als Messias? Würde das sein Leben, sein Streben, in allem Gottes Willen zu tun, unglaubwürdiger machen? Würden wir ihn dann nicht mehr als unseren Leitstern ansehen? Das ist die Nagelprobe des Glaubens! Es frage sich jeder selbst.

Gerade, wenn wir das Leben Jesu unverfälscht als das nehmen, was es war, es samt dem Schrecken seiner Zeugung im Leben lassen und nicht mit Fantasiegeschichten überfrachten, ist das eine starke Botschaft Gottes: Seht, ich bin mit den Schwachen, den Unterdrückten, den Missbrauchten. Genau dort bin ich zu finden. Egal wie eure Geburt ist, vor mir ist dies unerheblich. Eure Abstammung spielt keinerlei Rolle.

Das ist eine Weihnachtsgeschichte, die jedem Mut gibt und als Ankerpunkt taugt. Lebensrealität anstatt Jungfrauengeburt und Engelschöre. Das ist der „ICH BIN DA“, der Gott des Lebens, der Gott, der mit uns lebt, egal wie das Leben spielt. Gott ist authentisch und kein Märchenonkel. Unromantisch, aber lebenstauglich. Das ist die Weihnachtsbotschaft, das ist meine Weihnachtsgeschichte!

3 Kommentare zu „Weihnachtsgeschichte“

  1. Mit so einer „Uminterpretation“ der Weihnachtsgeschichte tue ich mir sehr schwer. Denn wenn die Weihnachtsgeschichte von Menschen verändert worden sein soll, was sollte dann noch in der Bibel stimmen? Dann gibt es keine Garantie mehr für die Authentizität der Bibel. Ich glaube nicht an einen Missbrauch Marias, denke aber auch nicht, dass sie heilig ist. Dass Jesus aber heilig ist, nämlich Gottes Sohn, glaube ich sehr wohl. Wenn er einfach nur von einem Missbrauch abstammt, woher dann seine Göttlichkeit?
    Und wenn man sich die Weihnachtsgeschichte mal „nüchtern“ durchliest, dann ist da so oder so nicht viel Romantik. Die ganzen romantischen Gefühle zur Krippe etc. haben wir erst später damit assoziiert.
    Dass Gott besonders bei den Schwachen und Missbrauchten ist, ist aber ein sehr wahrer Gedanke, den ich allein schon durch Jesu späteres Leben bestätigt sehe.
    Ich wünsche dir frohe Weihnachten! 🙂

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    1. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Die modernen wissenschaftlichen Methoden lassen eine Textanalyse zu, die feststellen kann, was zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Hintergrund anhand der Wortwahl geschrieben wurde. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es den Zensus des Herodes und den Kindermord nicht gab, er ist bei keinem Geschichtsschreiber erwähnt. Jesus ist nicht in Bethlehem geboren, seine Geburt ist dort hinverlegt worden, damit man das Konstrukt „Davids Sohn“ errichten konnte. Die rührende Weihnachtsgeschichte findet sich nur bei Lukas, nicht in den anderen Evangelien und sie ist mehr als phantastisch. Er hat Anleihen bei einer alttestamentarischen Geschichte genommen und diese umgehübscht.

      https://deborrahs.com/2014/12/30/fehlende-herberge-todliche-reise/
      https://deborrahs.com/2014/12/31/wo-ist-bethlehem-wo-ist-die-krippe/

      Jesu Tod wird in allen Evangelien anders beschrieben und widersprüchlich, weil alle Evangelienschreiber eine andere Theologie vertraten, vor unterschiedlichem Hintergrund. Manche Teile wurden später hinzugefügt. Jesus würde das, was die Dogmatik aus ihm gemacht hat, mit Sicherheit ablehnen, da er in allem Gottes Willen tat, aber sich nicht zum Gott erhob, sondern ein apokalyptisches Gottesverständnis hatte, das fest im Alten Testament verwurzelt war und sich selbst einschloß. Nicht zu reden von den paulinischen Kapiteln, die reine paulinische Theologie sind. Die Bibel wurde in ihrer jetzigen Form erst etwa 400 nach Chr. zusammengestellt, von Theologen, die aussortiert haben, was nicht in ihr Gottesverständnis gepasst hat und mit kirchenpolitischen Hintergrund. Die Bibel als authentisches Wort Gottes, quasi von Gott geschrieben, ist reine christliche Dogmatik, Lehrmeinung, die als Tatsache verkauft wird und wer widerspricht wird von der Kirche ausgeschlossen. In den Dogmatiken kann man das auch so nachlesen.

      Wer sich mit Bibelwissenschaft, Hermeneutik und Dogmatik auseinandersetzt, wundert sich, denn in diesen religionswissenschaftlichen Disziplinen pfeifen dies die Spatzen von den Dächern. Es ist absurd, dass ein hellenistischer Jude und ein Atomwissenschaftler des 21.Jahrhundert die Bibel lesen und das gleiche verstehen. Das ist hermeneutisch ausgeschlossen. Jeder Pfarrer, der nicht sein ganzes Studium verschlafen hat oder von vornherein Betriebsblindheit vorzieht, weiß das. Sie sagen es nur nicht dem „einfachen“ Gläubigen, aus naheliegenden Gründen. Bitter finde ich es, selbst Schritt für Schritt die Wahrheit hinter den theologischen Wahrheiten entdecken zu müssen. Ich habe mich das ganze Jahr 2015 viel in meinem „Lieber Luther“ Blog mit dieser unbequemen Wahrheit auseinandergesetzt. Einfacher ist es sicherlich, sich weiterhin einlullen zu lassen von den lieb gewordenen und uns seit Kindesbeinen eingetrichterten theologischen Märchen.

      https://deborrahs.com/category/lieber-luther/

      Jedoch: Was ändert das am Glauben und an der Wertschätzung der Bibel: Nichts! Ich wollte mich autark machen von den Pastoren und Dogmatikern und so habe ich 2014 die gesamte Bibel gelesen nach einem Bibelleseplan, um mir selbst ein Bild von der gesamten Bibel zu machen. Das Neue Testament habe ich 2 mal gelesen. Es ist eine der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens. Mein Blick hat sich geweitet, ich habe Einsichten und ein Gottesverständnis gewonnen, das ich nie haben würde, hätte ich dieses kontinuierliche Bibellesen und die Verbindung von Bibelstellen, die ich nie selbst so zusammengefunden hätte, nicht selbst erlebt, mit all den Aha-Effekten, den Überraschungen, den tollen Momenten. Ich habe das ganze Jahr 2014 darüber geschrieben. Die gesamte Bibel aus eigener Anschauung zu kennen und sich nicht auf die Vermittlung durch Pastoren verlassen zu müssen, ist ein gutes (Gottes-)Erlebnis.

      https://deborrahs.com/2015/01/12/wort-erfahrungen/

      Ich glaube nicht an Zufälle. Ich bin dankbar, dass ich das alles entdecken konnte und durfte, dass ich so gelenkt wurde, inklusive der Beschäftigung mit der fragwürdigen christlichen Dogmatik. Nichts anderes hätte mich weitergebracht im Glauben und nichts anderes hätte meinen Glauben dadurch immer sicherer werden lassen.

      https://deborrahs.com/2015/01/12/wort-erfahrungen/

      Da wird mir ganz weihnachtlich ums Herz. Frohe Weihnachten auch dir!

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