Flieg, mein weiser Bruder, flieg

Mit innerer Freude habe ich auf das Jahr geblickt,
nicht wissend,
woher sie kommt.

Bisher hat das Neue Jahr nur Nackenschläge gebracht.
Beide habe ich vorausgesehen und
doch schmerzen sie unendlich,
wenn sie eintreten.

Heute hat mich mein weiser Bruder angerufen,
mein Bruder im Geist,
mein Bruder im Glauben,
mein Bruder im Leben.

Das Telefonat musste er sich abringen.
Ich habe keine Zeit,
hat er gesagt.
Er meinte damit,
das habe ich erst später verstanden,
er habe nicht mehr lange zu Atmen.

Ich habe es kommen sehen.
Und nun, wo der Augenblick nah ist,
rinnen mir die Tränen über das Gesicht.

Er hat mich begleitet,
ich habe ihn begleitet.
Gedanken ausgetauscht,
gemeinsam Gott gesucht,
Glaubenserfahrungen bestaunt,
ohne Scheu Dogmen überwunden,
gemeinsam verstanden,
gemeinsam gesehen,
wo andere blind sind,
wie mit keinem anderen geglaubt,
tiefer und tiefer,
weiter hinein in unbekanntes Land,
weiter Gott entgegen …

Mein weiser Bruder,
der Benediktinermönch,
hat sich heute von mir verabschiedet:

Ich werde mich eine ganze Weile nicht mehr melden.
Nein, ins Krankenhaus gehe er nicht.
Er ist 87 oder 88 Jahre,
ich weiß es nicht genau.

Er hat viele Brüder beim Sterben begleitet,
er hat viele gut und nicht gut sterben sehen,
das harte Leben hat ihn weise gemacht,
er weiß, wann es soweit ist und
Gott seine Tür aufmacht.

Ich danke dir für alles, hat er gesagt,
und eine ganze Reihe aufgezählt,
ich danke dir für alles,
was du mir gegeben hast.
Ich danke dir,
dass ich dich kennen durfte.
Das wollte ich dir noch einmal
direkt gesagt haben.

Seine Liebe und Zuneigung
floss mir entgegen.

Ich habe es kommen sehen.
Und nun, wo der Augenblick nah ist,
rinnen mir die Tränen über das Gesicht.

Er hat gehört,
wie ich die Fassung verloren habe,
ich konnte ihm noch tränenerstickt zurufen:

Bis irgendwann einmal!
Ja, bis irgendwann einmal,
hat er gesagt.
Wir beide wissen,
dass es so ist.

Und wenn nicht,
dann rufe ich wieder an.
Ich glaube, wir beide wissen,
dass wir zum letzten Mal
telefoniert haben.

Dann hat er schnell aufgelegt.
Nur nicht sentimental werden.

Ich habe es kommen sehen.
Und nun, wo der Augenblick nah ist,
rinnen mir die Tränen über das Gesicht.

Er wird sich schlafen legen,
er ist vorbereitet,
wir haben oft über den Tod,
über seinen Tod gesprochen.
Und darüber, dass der Tod
der Weg ins andere Leben ist.
Da sind wir beide ganz gewiss.

Mein weiser Bruder,
wie unendlich werde ich dich vermissen.

Ich hoffe und bete und glaube,
Gott schickt dir einen Engel
auf dem Weg in sein Reich;
dorthin, wo der große Atem ist,
du wieder Atem schöpfen kannst und
der Mensch aufatmen kann.

Und du,
befreit von deinem müden Körper,
befreit von engen Klostermauern
befreit von jeglicher Begrenzung,

befreit wird deine Seele fliegen wie ein Adler,
der seinen Horst findet.
Flieg, mein weiser Bruder, flieg!

Ich habe es kommen sehen.
Und nun, wo der Augenblick nah ist,
rinnen mir die Tränen über das Gesicht.

Mondnacht

2 Kommentare zu „Flieg, mein weiser Bruder, flieg“

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