Hosanna – Herr hilf!

Lieber Luther,

mit dem heutigen Predigttext habe ich mich schon vor einem Jahr beschäftigt, in der Version des Matthäusevangeliums (Mt 21, 1-10), hauptsächlich unter Sicht des Volkes. Wenn man den heutigen Predigttext liest, in der Version des Johannesevangeliums (Joh 12, 12-19), hat man den Eindruck, der Schreiber des Johannesevangeliums ist etwas verwundert, angesichts dessen, was da berichtet wird. So hat er die Geschichte mit Kommentaren versehen, damit man es denn besser verstehen solle. Ob sie hilfreich sind, sei dahingestellt.

Lässt man die Kommentare weg, ist folgendes beschrieben: Jesus hat Lazarus aus dem Tod gerufen. Dieses Zeichen haben viele verstanden und als die Kunde kommt, dass er auf dem Weg nach Jerusalem ist, kommen sie ihm entgegen. Seine Anhänger behandeln ihn wie einen König und rufen: Hosanna! Gepriesen sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus „findet“ im Johannesevangelium das Eselfüllen, mit dem er in Jerusalem einreitet, bei Mt z.B. aber hat dieses Eselfüllen eine eigene Geschichte.

Der Esel trägt die Last der bedürftigen Menschen in die Heilige Stadt, das Neue Jerusalem. Wohl euch, die ihr sät an den Wassern und die Füße der Ochsen und Esel frei gehen lasst (Jes 32, 20), lernt bei Bileam, bei dem der Esel sehender war, als der Mensch, der den weltlichen Fürsten folgte und nicht Gott (4. Mose 22, 21 ff). Folge dem Esel und schlage ihn nicht, wenn er dir einen anderen Weg weisen will. Der Esel sieht den Engel des HERRN am Weg stehen, folge seiner Spur. Finde deinen Esel, damit er dir die Spur zum Engel weißt. Wenn das Leben auch störisch ist, nimm es, wie es sich dir gegeben ist, vertraue deinem Lebensesel, auch wenn es dir vorkommt wie eine Eselei.

Jesaja beginnt seine Botschaft mit dem Satz (Jes 1,2-3): Höret, ihr Himmel! und Erde nimm zu Ohren! denn der HERR redet: Ich habe Kinder auferzogen und erhöht, und sie sind von mir abgefallen. Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt‘s nicht, und mein Volk vernimmt’s nicht. Der Esel, auf dem Jesus sitzt, kennt sein Ziel, seine Krippe. Er ist unterwegs zurück zu ihr. In seine Heilige Stadt, zurück in Gottes Höhe, zurück zu seinem Stall, zu seinem Futtertrog. Ochs und Esel standen bei Jesu Geburt an seiner Krippe und der Esel bringt ihn zurück zur Krippe. A&O eng verknüpft.

Wenn man verstehen will, was uns die Geschichte vom Einzug in Jerusalem sagen soll, liest man besser in der Alten Schrift, denn auf sie wird in ihr Bezug genommen. Es gilt Psalm 118 und Sacharja 9 zu verstehen, und zwar den gesamten Kontext. Im Johannesevangelium sind nur kleine Teile herausgenommen, deshalb ist es auch schwierig hinter die Oberfläche zu blicken, was der Evangeliumsschreiber einräumt: Die Jünger verstanden den Sinn nicht. Worin besteht er?

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. So beginnt und endet Psalm 118. Diejenigen, die den Herrn fürchten, sagen: Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können Menschen mir antun? Es ist gut, sich auf den HERRN zu verlassen und nicht auf den Menschen. Die Rechte des HERRN ist erhöht, sie behält den Sieg. Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen. Der HERR züchtigt mich wohl, aber er gibt mich dem Tod nicht preis.

Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit, dass ich dahin eingehe und dem HERRN danke. Das ist das Tor des HERRN. Die Gerechten werden dahin eingehen. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom HERRN geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen. Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein. O HERR hilf! o HERR, lass wohl gelingen! Gelobt sei der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid. Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet. Schmückt das Fest mit Maien.

Das Fest, das in Ps 118 beschrieben ist, ist auch das Fest, mit dem Jesus Einzug in Jerusalem hält. Es ist vom Neuen Jerusalem die Rede. Das Tor durch das Jesus in seine Stadt einreitet, heißt: Gerechtigkeit. Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit, damit ich darin einziehe. Die Gerechten werden darin einziehen. Jesus nimmt von seiner Stadt, dem Neuen Jerusalem Besitz. Er errichtet symbolisch sein Königreich, indem er einzieht wie ein König. Der Stein wird mit diesem Einzug zum Eckstein seiner Stadt. Das ist der Tag, den der HERR macht, ruft der Psalmschreiber begeistert aus. Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen EUCH, die IHR vom Hause des HERRN seid. Das heißt: JEDER, der durch dieses Tor einzieht, wird in dieser Stadt der Gerechtigkeit wohnen, zur Rechten des HERRN erhöht werden. Jesus wohnt nicht alleine in seiner Stadt, das wäre sehr einsam. Jesus hat Mitbewohner. Wer durch das Tor der Gerechtigkeit zieht, wird nicht sterben, sondern leben, mit Jesus leben.

Jesus, der Gerechte, zieht in seine Stadt ein, er geht voran und zieht alle nach, das Volk, sein Volk, diejenigen, die an ihn glauben und ihm entgegen gehen, auf ihn zukommen. Deshalb: Du Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm, und reitet auf einem jungen Füllen der Eselin. Er wird allen Streit beenden. Er wird den Ungläubigen Gottes Frieden lehren und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis ans andere und vom Strom bis an der Welt Ende.

Der Tag des HERRN, das Neue Jerusalem ist hier beschrieben. Deshalb die Aufforderung: So kehrt euch zu der Festung, ihr, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt. Ich will selbst um mein Haus das Lager sein wider das Kriegsvolk, damit nicht mehr über sie der Treiber fahre, der sie in ihr Verderben treibt, denn ich habe mein Haus mit eigenen Augen angesehen (Sach 9, 8-12).

Die Festung ist das Neue Jerusalem. Aus Jesus blicken die eigenen Augen Gottes, mit denen er die Stadt ansieht. Gelobt sei, der da kommt, IN DEM NAMEN des HERRN, Jesus verkörpert den Namen Gottes, Gottes menschlicher Name heißt Jesus. In der Stadt, in der Jesus einzieht, durch das Tor der Gerechtigkeit hindurch, wird – nachdem jeder durch es gegangen ist – Friede herrschen. Am Tag des HERRN. Das Tor steht offen. Diese Erkenntnis lässt den Psalmschreiber jubeln. Es kann, wer auf Jesus zukommt, sich von ihm nachziehen lässt, in diese Stadt einziehen. Jederzeit! Das ist die Botschaft des Psalmschreibers und diejenige des Einzugs Jesu in Jerusalem, dem Neuen Jerusalem, das gemeint ist. Jehoschua-Josua führt Gottes Volk in das gelobte Land, Jehoschua-Jesus, im hebräischen derselbe Name – in das Neue Jerusalem. Ein Weg der Gerechten Gottes.

Die Klammer für die Geschichte vom Einzug Jesu in die Heilige Stadt bildet die Lazarusgeschichte, der Glaube, der uneingeschränkte Glaube an die Auferweckung nach dem Tod. Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkünden (Ps 118, 17). Lazarus ist bis heute nicht gestorben, bis heute ist er das Zeichen für die Werke Gottes, genauso wie David, genauso wie Jesus. Lazarus steht für den Glauben, der nicht stirbt, was immer geschieht. Was können Menschen mir antun? Der HERR ist mit mir, um mir zu helfen. Er steht für ein Leben, unabhängig vom physischen Tod. Mit dieser Gewissheit ist Jesus in Jerusalem auf dem Esel eingeritten. Mit dieser unbeirrbaren Wahrheit in sich. Es ist gut, auf den HERRN zu vertrauen und sich nicht auf die weltlichen Fürsten zu verlassen. Sie können mir nichts tun. Alle Fesseln will ich zerhauen, im Namen meines Vaters: Diejenigen, der Ungläubigen, diejenigen der falschen Prediger, die derjenigen, die mich umgeben wie Bienen und mich zerstechen, die Fesseln des Fleisches und die Fesseln des Todes. Im Namen des HERRN will ich sie zerhauen.

Wie reagieren die Pharisäer: Ihr seht, dass ihr gar nichts ausrichtet; siehe, die Welt ist ihm nachgegangen (Joh 12, 19, Elberfelder Übersetzung). Welch eine – unvermutete – Selbst-Einsicht: Ihr seht, dass ihr gar nichts ausrichtet. Er wird den Sieg davontragen. Was für ein tiefer Satz, lieber Luther. Das Weltliche, das Räumliche, alles Physische, ist ihm nachgegangen. Anfang und Ende. Am Anfang war Logos, das Göttliche an sich, aus dem die Welt geworden ist. Jesus der Mensch gewordene Logos. Er ist der Welt vorangegangen und sie kam nach ihm, ist nach ihm geboren, und sie wird, am Ende, ihm nachfolgen im Sterben ins Leben. Eigentlich heißt es: Siehe, die Welt ist ihm Gastmahl. Er lädt zu seinem Gastmahl im Neuen Jerusalem. Die Welt ist bei ihm zu Gast. Folgt der Einladung!

Deshalb, lieber Luther, Hosanna, Gott hilf, dass wir den Weg finden durch das Tor der Gerechtigkeit zum Neuen Jerusalem, zu Jesu Gastmahl. Fürchtet euch nicht, Jesus ist dort schon eingezogen und hat das Tor weit für uns aufgemacht. Wir sind eingeladen, hindurchzugehen und ihm nachzufolgen.

Herzliche Grüße
Deborrah

Veröffentlicht von

Deborrah

Spirituelle Pilgerreise zu mir selbst; Auseinandersetzung mit Kirche, Religion, Glaube, Gott, Bibel; Meditatives; Impulse zu den Herrnhuter Losungen / Tageslosungen; Lieber Luther Predigten

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