Körperschaftlich praktizierte Nächstenliebe

Lieber Luther,

nicht dass du meinst, ich habe vergessen, dass heute Reformationstag ist. Fast nirgends findet man einen Hinweis darauf. Auch die Kirchen übergehen diesen Tag mittlerweile sanglos. Aus Ärger darüber habe ich genau heute vor 3 Jahren meinen Briefwechsel mit dir angefangen. Was würdest du wohl zu dem heutigen Zustand der Kirchen sagen? Bei uns im Landkreis, so berichtet die örtliche Zeitung, haben sie sich zu einem „Krisengipfel“ getroffen, weil immer mehr Menschen die Kirche verlassen. Und was haben die Kirchenfunktionäre, „die höchsten Geistlichen der Region“, 2 evangelische und 1 katholischer Vertreter, dazu zu sagen? Die Antworten sprechen Bände.

  • Zunächst Statistisches: von etwa 80 Mio. Menschen gibt es, Stand 2013:
    – Konfessionsfreie: 36%
    – Katholiken: 29,6 %
    – Protestanten: 28,2 %
    – Muslime: 4,2 %
    – Sonstige: 1,4 %

Die genauen Zahlen zu den Kirchenaustritten seit 2014 hat die evangelische Kirche – im Gegensatz zur katholischen Kirche – vorsichtshalber nicht veröffentlicht, aber sie dürften bei rund 250.000 Mitgliedern liegen.

Worin sehen die örtlichen Kirchenfunktionäre nun die „Krise“?

Als erstes wird die Abgeltungssteuer dingfest gemacht. Die Kirchen wollten – unter dem Deckmäntelchen der Gerechtigkeit – noch etwas mehr vom Steuerkuchen und haben deshalb mit Beginn 2015 durchgesetzt, dass die Banken bei der Abgeltungssteuerabführung auch die Konfessionen der Steuerschuldner angeben müssen, so dass sich keiner mehr darüber hinweg mogeln kann. Es geht „natürlich“ um Gerechtigkeit, nicht um Gier. Die Mitglieder beider Kirchen haben mit Kirchenflucht reagiert. Die Kommunikation dazu, so heißt es, sei nicht glücklich gelaufen.

Aber, betrifft das die Kirchen wirklich? Die Steuereinnahmen sprudeln trotz einer halben Million Mitgliederverlust munter weiter und haben 2014 den beiden großen Kirchen ein Rekordniveau von rund 11 Milliarden EUR (!) beschert. Wenn bei einem Unternehmen die Kunden in Scharen davonlaufen, weil sie keine die Kunden überzeugende Produkte oder Dienstleistungen liefern, läuten alle Alarmglocken. So paradox das klingt: Bei den Kirchen ist es gerade umgekehrt. Der Kirchenfunktionär sagt dazu: Sie stellten sich darauf ein, dass es „in den 2020er bereits sparsam werden muss.“ Die Kirche könne dann nicht mehr alles leisten. Einen Rückzug auf Städte und „Premiumstandorte“, das sagt er wirklich und lässt mit dieser Wortwahl tief hinter die Kulissen blicken, wolle man nicht.

In einem Unternehmen denkt man laufend über Effizienzsteigerungen nach, den Kirchenfürsten fällt als erstes Leistungsverzicht ein – auf Rekordsteuereinnahmenniveau. Wie haben die Kirchen das wohl vorher gemacht, als die Steuereinnahmen niedriger waren, aber die Seelsorger noch Seelsorger? Wie machen die Kirchen das in allen anderen Staaten der Welt, in denen es keine Kirchensteuer gibt? Nicht nur die Steuereinnahmen der Kirchen sind auf Rekordniveau, sondern auch ihr eigenes Anspruchsdenken. Anstatt über das eigene Anspruchsdenken nachzudenken, wird stattdessen eine immense Erwartungshaltung im „Ehrenamtsmanagement“ beklagt.

Antwort zu Christentum und Flüchtlingsfrage: Die Kirche kann nicht losziehen und eingemeinden.

Antwort zu „Kirchenkultur“ im Wandel: Immer weniger Bestattungen. Man braucht den Pastor, den man sowieso nur von weitem kennt, nicht mehr, um unter die Erde zu kommen. Die Bestattungsredner machen das auch gut oder gar besser – sie haben als Ansporn, dass sie, im Gegensatz zu den Pastoren, ihr Geld damit verdienen. Wer nicht gut ist, bekommt keine Aufträge. Die Kirchen bekommen keine Aufträge, aber trotzdem viel Geld. Und trotzdem fragen immer weniger diesen „christlichen Dienst“ nach, obwohl er doch nichts koste, wundert sich eine Kirchenvertreterin. Und was ist mit dem Goldesel „Kirchensteuer“, fragt man sich verwundert, für was zahlt man die denn eigentlich?

Aber nicht nur die Bestattungen gehen zurück, auch die Taufen. Nur noch jedes zweite Kind wird getauft, Tendenz sinkend. Was fällt dem Kirchenvertreter dazu ein:

‚Wir müssen die Meilensteine einer kirchlichen Biografie wie Taufe und Konfirmation attraktiver gestalten, um den veränderten Familienformen gerecht zu werden“.

Wie bitte? Es bleibt leider ungeklärt, was die Attraktivität der „kirchlichen Biografie“ mit veränderten Familienformen zu tun hat.

Und was gibt es zu den „leeren Kirchenbänken“ zu sagen? Alternative Formen, wie bei der Einschulung oder Erntefeste würden besser bei den Gläubigen ankommen. ???? Einschulung kommt 1x im Jahr vor und Erntefest zieht höchstens auch 1x im Jahr, und nur auf dem Dorf. Und zudem gibt es beides seit Jahr und Tag, wo ist da die „alternative Form?“, wo der Alternativentwurf?

Blick in die Zukunft gefällig? „Wir stellen Haushalts- und Stellenpläne auf“. Aber das sei nur die eine Seite.

„Wir werden auch 2030 nahe bei Gott und den Menschen sein. Wir haben zunächst immer eine inhaltliche Aufgabe. Wir sind die Körperschaft, die sinnstiftend Nächstenliebe praktiziert – selbst wenn wir in 15 Jahren eine kleine Gruppe sein werden“.

Das muss man nochmals wiederholen, sonst glaubt man es nicht: Wir sind die Körperschaft, die sinnstiftend Nächstenliebe praktiziert. Technokratischer und bürokratischer kann man kaum kirchliches Selbstverständnis definieren. Worin die Sinnstiftung besteht, wird allerdings nicht ausgeführt und mir ist auch neu, dass eine Körperschaft Nächstenliebe „praktizieren“ kann. Hört sich nach organisierter Nächstenliebe an.

Lieber Luther, da gefriert einem das Blut in den Adern: körperschaftlich praktizierte Nächstenliebe als kirchliches Selbstverständnis. Ob Jesus das so verstanden hat mit dem Glauben? Die Krise der Kirche, worin besteht sie? In einem Kirchenpersonal, das mit einer solchen Kopfhaltung seinem unkündbaren Kirchen-Beamtenalltag nachgeht. Diese Antworten lassen tief blicken, worum es Kirche heutzutage ungeschminkt geht: um Mitgliederzahlen, Schönrechnen der Wanderungsbilanzen zwischen Taufen, Sterbenden und Kirchenaustritten, Steuereinnahmen, Haushalts- und Stellenpläne, strategische Standortwahl und Ehrenamtlichenmanagement. Ein verbeamtetes Wirtschaftsunternehmen, mit einer technokratischen Sprache und einem bürokratischen Inhalt, eben eine Körperschaft der Nächstenliebe. Das steht zumindest auf dem Etikett, ohne hier der Frage nachzugehen, worin diese technokratische Nächstenliebe genauer besteht. Der Beruf „Nächstenliebe“ auf der Visitenkarte macht sich nicht so schlecht als Verkaufsargument, denken sich wohl die Kirchenmarketingstrategen. Jedoch, nimmt ihnen der Gläubige das ab? Terbatz van Elst, die Kindesmissbraucher und der wegen seines Coming Out von seinen Kirchenämtern entbundene Priester lassen grüßen.

Die kirchlichen Würdenträger machen nicht einmal den Versuch, ihren technokratischen Ansatz zu verbergen.

Es findet keine Erwähnung:

  • Dass ein Problem in der Lehre bestehe könnte.
    Dass die Lehrgebäude auf tönernen Füßen stehen.
    Dass die kirchlichen Dogmen veraltet sind und die Kundschaft nicht mehr überzeugen.
    Dass eine Legitimationslücke herrscht.
    Dass die leeren Kirchen ihre Ursachen nicht in den Familien haben, sondern in den Leerformeln der Kirchen.
    Dass sie den gläubigen Menschen nicht mehr ansprechen, und zwar nicht als Freizeit- oder Sozialbürger, sondern als Christ, als Gläubigen, als einer, der mit seinem Glauben ringt.(-> wir können nicht losziehen und eingemeinden).
    Dass sie entkernt sind von ihrer ursprünglichen Kernkompetenz.
    Dass es nur noch um Verwaltung der Tat geht (-> Körperschaft der Nächstenliebe), nicht mehr um den Geist.
    Dass die Kirchen geistlos daherkommen.
    Dass der heutige Pastor kein Seelsorger mehr ist, der einem im Glauben weiterhilft, wenn nötig, sondern ein Bürokrat mit Sprechstunden wie ein Zahnarzt, sofern er überhaupt bereit ist, mit einem zu sprechen.
    Dass es im Kirchenalltag um Organisation von diesem und jenem geht und nicht um Spiritualität und die Auseinandersetzung mit Glauben, Gläubigen und denen, die Suchen.
    Dass Glauben immer mehr außerhalb von Kirchen stattfindet, ohne Zwangsmitgliedschaft und Dogmen und Bevormundung.
    Dass…

Lieber Luther, ich könnte die 95 Thesen, die ich dir schon vor 3 Jahren geschickt habe, wieder schicken, nichts hat sich zum Besseren gewendet, eher im Gegenteil. Die oben erwähnten Kirchenoberen erzählen davon Bände. Nur eines hat sich seither für mich verändert: Ich habe die Konsequenzen gezogen und meine Mitgliedschaft in dieser die Kirchenmitglieder verwaltenden Bürokratie auf Kosten des Steuerzahlers mittlerweile gekündigt. Glauben geht anders als die Kirchen es vorleben. 2015 tauche auch ich in den Austrittszahlen auf – sofern sie veröffentlicht werden.

Herzliche Grüße
Deborrah

Die Zitate stammen aus der örtlichen Tageszeitung.

PS: So ganz alleine stehe ich mit meiner Kritik der Bürokratie und der Leer-Lehre der evangelischen Kirche nicht.
Muntere Debatte zwischen Jochen Teufel und Margot Käßmann und ein anschuliches Beispiel wie die Kirchenoberen mit Kritik – auch innerkirchlichen – umgehen. Pfarrer Latzel ist ein anderes Beispiel.

3 Kommentare zu „Körperschaftlich praktizierte Nächstenliebe“

  1. Bei uns, glaube ich, ist der Reformationstag auch in der lokalen Presse ausgefallen, weil Ferien sind, denn nur noch in den Schulen wurde dessen gedacht bisher mit einem gemeinsamen Kirchgang im Rahmen des Lehrstoffes „Martin Luther“. Kirchgang statt Unterricht, dem wurde auch von Seiten der Jugendlichen gern gefolgt, denn man konnte sich ja auf dem Weg in das Gotteshaus flugs abseilen. Das wurde schon zu meiner Schulzeit so gehandhabt.
    Ich kann dir in deinen Ausführungen nur zustimmen. Aus der Kirche bin ich am Tag nach dem 21 Geburtstag unseres Jüngsten ausgetreten, und das ist schon ein wenig her, weil ich meinte, die Kinder an die christlichen Tradition unbelastet heranführen zu wollen und zu müssen, und sie bis zu Volljährigkeit- zu meiner Zeit mit 21- zu begleiten. Der Grund für meinen Kirchenaustritt war natürlich auch das Geld. In meinem Beruf musste und wollte ich häufig intensiv seelsorgerisch tätig werden -natürlich unentgeltlich- und, als ich mir dann einmal in einem Einzelfall explizit kirchliche Unterstützung erbat, wurde sie mir verweigert. Verärgert habe ich mich dann der Institution Kirche verweigert.
    Heute ist es so, dass unsere Tochter nicht mehr Kirchenmitglied ist, unser Sohn aber doch.
    Und nun eine gute Nacht.

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  2. Ich kann sagen: Hier bei uns geht’s voran in den evangelischen Kirchen (ich geh zwar nicht so oft, aber wenn ich mal geh 😉 – immer weniger Dogma. immer mehr das echte Leben.

    Wochen-täglich beginne ich den Tag mit Kirche in WDR 2 – auch da – das echte Leben.

    Wer suchet, der findet – und das dann stärken.

    Jedoch – Es ist an der Zeit für die „Religion“ im Herzen, für die Gemeinsamkeiten aller Glaubens-Formen, für den Welt-Ethos, für die Öffnung – der Kirchen-Türen und der Herzen.

    Martin Luther bleibt einer meiner Helden. Ohne ihn sah’s ja ganz grausam aus.

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