Hetzjagd

Ich bin über den Zustand unserer Gesellschaft zutiefst erschrocken. Ich bin erschrocken über die Intoleranz derjenigen, die sich selbst für so tolerant halten, die sog. Stützen unserer Gesellschaft, der Bildungsmittelstand, diejenigen, die von sich denken, was sie denken und tun, sei richtiges Denken und Tun. Ich bin erschrocken über die Heuchelei derer, die meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ich bin erschrocken, über das Ausmaß der gegenwärtigen Manipulation durch die beherrschenden Medien, die Fernsehsender, die Kanäle, in die sie ihre News pushen. Ich bin erschrocken über die Macht der sozialen Hetze in den sogenannten sozialen Medien, die zutiefst unsozial, unzivilisiert, unkultiviert und unmenschlich sind. Ich bin erschrocken über die Brutalität, mit der der Sozialmedienmob, die traditionellen Medien eingeschlossen, die Politiker, die in der Öffentlichkeit wirkenden Menschen, Künstler, Gesellschaftsgruppen und jeden, der eine abweichende Meinung vertritt, diffamiert und vor sich hertreibt. Ich bin erschrocken über das persönliche Kesseltreiben, das jeden treffen kann, der sich irgendwie öffentlich äußert, zeigt und traut. Ich bin erschrocken über die Geschwindigkeit, in der sich jegliche Ethik in unserer Gesellschaft verabschiedet, jegliche Hemmung schwindet, im Wettrennen, um die schnellste Meldung, die aufmerksamkeitsheischendste Enthüllung, die schreiendste Schlagzeile. Es ist ein Kampf um jede Werbeminute und Auflage, in dem man skrupellos über jede Leiche geht.  Ich bin erschrocken über das Geschwätz der sogenannten Experten, die zwar nichts wissen, aber auf allen Kanälen ihren spekulativen Senf dazugeben dürfen, Tratschweibern gleich sich aufbauschend auf der Bühne, die ihnen publikumswirksam geboten wird. Zumindest gutes Selbstmarketing, das muss man ihnen zugutehalten. Ich bin erschrocken über das Ausmaß, in dem unseriöses für seriös verkauft wird. Kesseltreiben, Hetzjagden, Intoleranz, Ausgrenzung, Enthemmung, Agitation, Tendenzfernsehen, Meinungsdiktatur, Manipulation der geneigten Zuhörer, Zuschauer und Leser auf allen Kanälen.

Die Attentate von Paris haben nicht dazu geführt, in sich zu gehen, nachzudenken über die Ursachen, warum wir stehen, wo wir stehen, selbstkritisch zu hinterfragen, wie es zu dieser hässlichen Fratze der Gesellschaft eigentlich gekommen ist, was unser Beitrag dazu, was der Beitrag der sog. Mitte ist. Die Attentate haben auf allen Seiten nicht zu weniger Hetze, sondern zu mehr Hetze geführt. Die Hetze kommt nicht nur von den Terroristen des IS, den Rechten oder Linken, die volle Wucht der Hetze kommt von denen die zwischen Rechts und Links stehen, von den selbsternannten Tugendwächtern und Wertedefinieren.

Wenn in einer örtlichen Tageszeitung eine Doppelseite der „Terrorbraut“ von St. Denis und in anderen Medien ganze Artikel dieser Frau gewidmet sind, der im Sinne einer hohen Aufmerksamkeitsattraktion „guten“ Meldung, dass sie sich mit einem Sprenggürtel in die Luft sprengen und noch möglichst viele Polizisten mitreißen wollte, dann geht es um Stimmungsmache und Gegenhetze, um Polarisation, um Meinungsmache und – nicht zu vergessen – Auflage. Spekulation mit dem Unglück, dem Voyeurismus und der Biegsamkeit der öffentlichen Meinung. Gute journalistische Regeln gehören längst der Vergangenheit an, z.B. diejenige, dass man nicht als Nachricht oder Tatsache verkauft, was der Fantasie und Spekulation der Schreiber entspringt. Als Leser hat man den Eindruck, die Schreiber kennen diese Frau und ihre Tatmotive aus dem FF. Wieso macht man diese Frau eigentlich zu einem Medienstar? Man schreibt, was Klicks und Auflage und damit Werbeeinnahmen bringt. Das sind die nackten Tatsachen. Der Wahrheitsanspruch hat sich längst in Pulverdampf und Kriegsgeschrei aufgelöst. Das lässt die Kassen klingeln. Dass die polizeilichen Ermittlungen diese spekulativen „Nachrichten“ mittlerweile widerlegt haben, ist dann allenfalls noch eine Randbemerkung wert. Man macht sich auch nicht mehr die Mühe, offensichtliche Falschmeldungen zu korrigieren, sondern die Seiten mit den Falschmeldungen stehen munter weiterhin als Tatsachen unkorrigiert im Netz und tun dort weiter ihren manipulativen Dienst. Die News-Meute ist längst weitergezogen, dem nächsten Event hinterherhechelnd. Die Adressaten und Konsumenten dieser minütlichen News-Pushmeldungen können schon lange nicht mehr zwischen wahr und unwahr unterscheiden, übersehen schon gar nicht die Richtung, in der sie manipuliert und getrieben werden. Sie werden wie Ochsen an der Nase im Führring der medialen Stimmungsmache in die gewünschte Richtung gelenkt.

Die Länderspielabsage gegen die Niederlande war ein gefundenes Fressen für alle Medien. Unerträglich, wie hier hartnäckig versucht wurde, den Verantwortlichen für die Absage an den Karren zu fahren. Die Notwendigkeit der Absage wurde hartnäckig hinterfragt. Selbst wenn die Gäste darauf hinwiesen, dass in der Abwägung zwischen Fußballspiel und Bedrohung ohne Zweifel kein Mensch das abgesagte Fußballspiel interessiere, insistierten die Moderatoren unisono, „trotzdem, lassen Sie uns reinhören…“. Mir ist unweigerlich Lessings „Nathan der Weise“ eingefallen, in dem die gute Tat dem Prinzip geopfert wird: Tut nichts! Der Jude wird verbrannt! Verblendung, Verirrung, Missbrauch der (Medien-)Macht. Es ging gar nicht um das abgesagte Fußballspiel, wie könnte es auch, es ging darum, weiter am Stuhl des unliebsamen und unbeugsamen Bundesinnenministers zu sägen, der ja – gegen die bildungsbürgerliche Meinungsmache – auch hin und wieder ein kritisches Wort zur Flüchtlingslage sagt. Hetze unter dem Deckmantel der Seriosität der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Steter Tropfen höhlt den Stein, polarisiert und unterhöhlt unsere Gesellschaft, so weit geht allerdings der Horizont dieser verdeckt operierenden Hetzer nicht, die sich in diesen öffentlichkeitsmanipulierenden Dienst stellen.

Was sich dann rund um den ESC und den Künstler Xavier Naidoo abgespielt hat, lässt den Verwesungsgeruch unserer Gesellschaft schon zum Himmel stinken. Die Intoleranz dieser Hetzer, Petitionenstarter und Heuchler ist um ein vielfaches größer als die Intoleranz am rechten und linken Rand der Gesellschaft. Die größten Hetzer sind diejenigen, die sich für besonders Rechtschaffen, Rechtmeinend und Rechthabend wähnen. Sie sind es, die in Wirklichkeit mit ihrer Meinungsdiktatur unsere Gesellschaft spalten. Sie sind es, die uns dorthin bringen werden, wovor sie uns retten wollen. Sie haben nicht begriffen, dass sich die Geschichte gerade umgekehrt wiederholt, weil sie nicht in der Lage sind, ihr Tun und Denken zu hinterfragen, weil sie ihre Sicht DER Rechtschaffenheit absolut setzen, die zur Ausgrenzung, Teilung, Spaltung, Polarisierung und letzten Endes zur Auflösung unserer Gesellschaft in der jetzigen Form führen wird. Sie haben nicht begriffen, dass sie die Totengräber dessen sind, was sie so intolerant verteidigen. Dass der NDR sofort dieser Hetze nachgegeben hat, stellt ihn als Büttel der medialen Hetzkampagnen bloß, als Marionette der unsozialen Hetzmedien. Erbärmlich für den NDR und bedrohlich für uns alle, was dieses unsoziale Hetzwerk in kürzester Zeit bewirken kann, wie sehr die Entscheidungsträger schon von ihm getrieben werden, in welchem Ausmaß es die Entscheidungsträger schon jetzt manipuliert und instrumenatlisiert. Es kann einem angst und bange werden, wenn man das weiter denkt. Die Hetzjagden aus der Mitte der Gesellschaft sind das Bedrohliche, nicht die Hetzjagden der linken und rechten Ränder. Das sind immer noch Minderheiten. Noch. Der Bunker der Mitte heißt Intoleranz und geistige Unbeweglichkeit. Es sind die Hetzer aus der Mitte, die das letzte Halali auf unsere alte Welt blasen werden. Und in dem Punkt wiederholt sich deutsche Geschichte.

Verwesung

Verwesung

3 Kommentare zu „Hetzjagd“

  1. Die Presse hat sich noch nie für die Wahrheit interessiert. Hetzenden Menschen wird es zudem heute sehr leicht gemacht, eine Erfindung der Neuzeit sind sie allerdings nicht.
    Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider den Nächsten…

    Wer den Mund öffentlich aufmacht, braucht Rückrat. Für mich heißt das, mich immer wieder zu fragen, ob sich da lohnt, für mich. Ist es (mir) wirklich so wichtig?

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    1. Ja, das frage ich mich auch immer wieder, ob es sich lohnt, sich dem Sturm auszusetzen. Schweigen ist aber auch eine Form von Schuld. Jedes Senfkörnchen kann in demjenigen, in den es fällt, zu einem mächtigen Baum wachsen. Deshalb lohnt es sich und wenn es nur in einen einzigen fällt.

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