Zitternde Wasser

(02.09.2012)

Die zweite Etappe hat mich an meine Grenzen gebracht. Wenn man unterwegs ist, hat man erst mal keine andere Wahl mehr und muss durchhalten, auch wenn das Ziel sehr weit weg erscheint.

Auch wenn es gar nicht so klingt und sich erst recht nicht so anfühlte: Es war eine schöne Etappe. An sich. Ich bin schon vor acht ohne Frühstück los, da ich schon ahnte, dass die 23 km für mich lang werden könnten und ich Zeit brauchen würde.

Die unangenehmsten Strecken sind immer die Strecken durch die Orte. Zuviel festen Boden unter den Füßen. Nicht viel, an dem sich das Herz erfreuen könnte. Asphalt tötet. Im Wald läuft es sich viel angenehmer und weicher. Man riecht den Wald. Alle Sinne sind beschäftigt, man geht beschwingter. Und man kommt dem eigentlichen Sinn des Pilgerns näher.

Weg und Ziel

Ja, wieso pilgere ich eigentlich? Und wieso sage ich, ich pilgere? Wo ist der Unterschied zum Wandern oder Trecken? Wenn man an den Grenzen ist, fängt man an zu hinterfragen was man tut und ob das wirklich gut für einen ist.

Pilgern ist keine sportliche Betätigung, dann wäre es nichts für mich als „no sports“, wenngleich ich mir gestern einen durchtrainierteren Körper gewünscht hätte. Es ist kein Kilometerfressen oder sich Stempel abholen, so dass man später auch seinen Pilgerpass stolz präsentieren kann. Pilgern ist eine innere Angelegenheit. Laut Wiki ein „in die Fremde gehen“. Wohin in die Fremde?

Obwohl wir uns zu einem bestimmten irdenen Ort aufmachen, ist es letztendlich ein Ort, der kein physischer Ort ist, sondern ein innerer Ort der Sehnsucht, der Hoffnung und der Heilung. Das „in die Fremde aufmachen“ erleichtert nur eingefahrene Spuren zu verlassen. Und den Blick dafür zu schärfen, dass wir diesen Ort zuallererst in uns selber finden müssen. Es ist eine Art meditatives Wandern an den heiligen, göttlichen Ort in uns selbst. Jakobsmuscheln, die einem den Weg weisen, gibt es da nicht.

Brautbett

Wie finde ich dann den Weg? Muss man sich hierfür körperlich bis in den roten Bereich verausgaben? Gestern, am späten Nachmittag, bin ich in Visbek auf das Hotelbett gefallen. Alles tat weh, ich hatte Schüttelfrost und die nächsten 4 Stunden war ich wie tot. Ich wusste, dass ich unbedingt essen musste und rappelte mich schließlich hoch, immer noch wie im Nebel .

Nein, so kann das doch nicht gehen. Es war mir ziemlich klar, dass ich am nächsten Morgen nicht gleich weitergehen konnte. Man muss einsehen, wenn man seine körperlichen Grenzen erreicht oder gar überschritten hat. Mit „Augen zu und durch“ kommt man da nicht mehr weiter. Ich möchte ungern von unterwegs den Notruf wählen müssen. Der Entschluss war also gefasst: Ich raste hier, dann sehe ich weiter.

Ich glaube auch das ist pilgern: DenTag zu nehmen und zu lassen wie er ist, seine Pläne und Vorstellungen, wie Pilgern an sich und insbesondere das eigene Pilgern auszusehen hat. Demut ist gefragt. Lassen. Einfach so wie es ist.

Zitternde Wasser.

Zitternde Wasser

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