Amnesie

Lieber Luther,
ich muss wieder zur Feder greifen, da ich in der Bibel etwas nicht verstehe und da bist Du eine gute Ansprechstation für mich.
Ich habe gerade das Evangelium für morgen gelesen und festgestellt, dass es der Text ist, über den ich immer stolpere. Wieso wundert sich Maria über das, was Simeon und die Prophetin Hanna sagen, die in Jesus den Erlöser erkannt haben (Lk 2, 25 ff?
Wieso ich mich wundere?
Maria ist der Engel Gabriel erschienen und hat ihr die Geburt Jesu aus dem heiligen Geist angekündigt. Auch den Namen des Kindes hat er gesetzt: Jesus.
Er wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden; Gott der Herr wird ihm den Stuhl seines Vaters David geben; er wird ein ewiger König sein über das Haus Jakob und sein Königreichs wird kein Ende haben. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Maria antwortet: „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe wie du gesagt hast“.
Auch Johannes Geburt ist ihr angekündigt worden und so eilt sie zu Elisabeth, mit der auch Unerklärliches vor sich geht.
Was sagt Elisabeth zu Maria: „Woher kommt mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt“? Gesegnet bist du und gesegnet ist dein Kind. Selig bist du, die das Wort des Herrn geglaubt hat.
Und aus Marias Seele quillt der Lobpreis des Herrn, der mit den wunderbaren Worten anfängt: „Meine Seele erhebe den Herrn und mein Geist freue sich Gottes, meines Heilands“.
Den Hirten erscheinen auch Engel: euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Sie eilen in die Stadt Davids, nach Bethlehem und finden dort tatsächlich das Jesuskind.
Auch sie glauben den Worten der Engel, sie breiten „das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war“.
„Maria aber behielt all diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“.
So weit ist alles klar. Alle Beteiligten wissen, wer hier geboren wurde: Zacharias, Elisabeth, Maria, die Hirten, alle sind voller Freude. Joseph findet hier bei Lukas keine Erwähnung, aber ich bin sicher, dass auch er es weiß.
Nur acht Tage später, nach dem Wochenbett, scheint alles vergessen, die Amnesie einzutreten, und zwar ausgerechnet bei Maria und Joseph. Mit Kind und Blut scheint Maria auch das Gedächtnis entflossen.
Der gottesfürchtige Simeon und die Prophetin Hanna erkennen Jesus als den Christus, als den Erlöser. Simeon sagt: „Meine Augen haben dein Heil gesehen, das du bereitet hast im Angesicht aller Völker: ein Licht zur Offenbarung für die Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel“. Auch Jesu Tod und Marias Schmerz wird von Simeon bereits gesehen, inklusive Begründung: „dass vieler Herzen Gedanken offenbar werden“, das heißt: dass viele Menschen in ihrem Herzen von ihm erfasst werden.
Und dann steht es: „Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich des, das von ihm geredet ward“.
Wieso das denn? Acht Tage nach seiner Geburt. Die Hirten waren vermutlich noch in der Stadt. 9 Monate, nachdem der Engel erschienen war und ihr die Geburt angekündigt hatte, 3 Monate nachdem sie bei Elisabeth war und sie ihrer Seele dieses wunderbare Magnifikat abgerungen hat. Eine Mutter vergisst das nicht, das ist unmöglich, das ist eingebrannt.
Das Jesuskind wuchs „und ward stark im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm“.
Dann gehen sie zu Ostern nach Jerusalem in den Tempel. Jesus ist 12 Jahre alt. In den Menschenmassen verlieren sie ihn aus den Augen. Da sie wissen, dass Jesus ein kluges Kind ist, denken sie, dass er sich mit seinen Freunden, die ebenso nach Jerusalem gepilgert waren, bereits auf den Rückweg gemacht hat. Als sie auf die Gruppe treffen, finden sie ihn nicht.
Also tun sie, was Eltern in so einem Fall tun: sie kehren um und suchen das Kind.
Unfasslich, dass sie nicht zuerst im Tempel suchen. Jesus Antwort auf ihre Vorwürfe ist absolut nachvollziehbar: „Wisst ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist“. Recht hat er, möchte ich ausrufen. Jesus reagiert mit dem gleichen Unverständnis wie ich.
„Und sie verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete“.
Das Kind kommt nach und nach selbst zu Wort. Es wird stark im Geist, „voller Weisheit“, das fällt einer Mutter schon von kleinsten Kindesbeinen an auf. Maria, wo hast du deine Gedanken? Weißt du nicht mehr, was dein Herz bewegt hat?
Was ist bloß mit diesen heiligen Eltern passiert? Bis zur Geburt verstehen sie alles, danach – jedenfalls nach Lukas – nicht mehr viel.
Wie kann das sein, lieber Luther? Ich ringe damit seit Wochen, weil ich es nicht verstehen kann. Andererseits weiß ich, dass in der Bibel kein Papperlapapp steht und ich der nicht verstehende Teil bin. Also, wie muss ich das verstehen?
Maria scheint irgendwie dreigeteilt, fast würde ich sagen dreifaltig:
Da ist die junge Frau, die Gottes Wort annimmt, mit der ganzen Unschuld ihrer Seele: Herr, ich tue was ich verstanden habe, was du von mir willst, ich gehe dorthin, wohin du mich leitest. Voller Vertrauen, noch nicht gezeichnet von den Vertrauensbrüchen, die das Leben mit sich bringt.
Das ändert sich mit der Geburt ihres ersten Sohnes. Der Alltag holt sie ein. Die Mutterpflichten, Ehefrauenpflichten, Haushaltspflichten, sozialen Verpflichtungen, die sie aufreiben und ihre Seele bedecken, so dass sie bei der täglichen Pflichtenfülle und bei der Sorge um die ganze Familie ihre innere Wahrheit verliert. Sie hat keine Zeit mehr, sich um ihre Seele, um ihren inneren Kern, zu kümmern.
Vielleicht war das vom Engel gemeint: „der Geist des Herrn wird dich überschatten“. Im Überlebenskampf des Alltags fehlt Zeit und Kraft, um sich dem inneren Licht zuzuwenden.
Dann ist da die vom Leben gezeichnete ältere Maria, die am Kreuz mit ihrem Kind stirbt. Das ist für eine Mutter (und einen Vater) die Hölle. Da sie physisch weiterleben muss, findet sie in ihrer Seele Gott wieder. In der tiefsten Nacht hebt sich der Schleier und sie sieht wieder das Licht in sich. Sie wird zur Jüngerin. Das ist eigentlich wunderschön.
So gibt es für mich einen tiefen Sinn. Einzuordnen und zu verstehen für alle Eltern in diesen Lebensphasen. Vermutlich ist das auch für Dich nachzuvollziehen, Deine Kinderzahl ist ja stattlich, wie sich ein Verlust anfühlt, kennst du auch, Dein Haushalt ist groß und ja, einen Beruf und eine Berufung hast Du auch noch. Pass auf, dass Du Dich nicht übernimmst!
Herzliche Grüße
Deborrah

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