Taufwasser

Lieber Luther,
es hat etwas gedauert, bis ich mich nach dem Ausbruch letztens wieder gefangen und zu meiner Sprache gefunden habe. Wenn mich auch ein Teil deiner Zunft manchmal zur Weißglut treibt, ändert das nichts an meinem Glauben. Wende ich den Blick weg von Kirchengemeinden und hin ins Leben, dann elektrisieren mich die Fragen, die Menschen zum Glauben stellen, insbesondere junge Menschen. Es ist schön, dass sie Fragen stellen, keine leichten Fragen, Fragen die ins Mark gehen. Wenn das keine Herausforderung ist? Wenn wir keine Antworten haben, ist es nicht verwunderlich, wenn sie sich abwenden. Um eine solche Frage geht es heute:
Wieso ist es erlaubt, seine Kinder taufen zu lassen, obwohl sie die Entscheidung nicht selber getroffen haben und eine Taufe nach dem Verständnis der Kirchen nie „rückgängig gemacht” werden kann, fragt eine Siebzehnjährige.
Bei der Diskussion, die sich um meine Antwort entwickelte, merkte ich, dass ich mich zwar schon verschiedentlich mit dem Abendmahl, aber, mit einer eher unerfreulichen Ausnahme, nicht mit der Taufe beschäftigt habe. Dieses Versäumnis will ich heute nachholen. Es ging um lutherisches und pietistisch-calvinistisches Taufverständnis, selbst auf Twitter gab es Bewegung. Diese Diskussion hat mich auf dem linken Bein erwischt.
Wenn ich ehrlich bin, will ich mich nicht lange mit theologischen Auseinandersetzungen aufhalten, das überlasse ich den Theologen. Mich interessiert mehr, was ich aus der Bibel lesen kann (Matth 3).
Johannes, der Gleichaltrige, erkannte Jesus schon, als sie beide noch im Bauch der Mutter schwammen. So sagte er auch, als er später taufend durch die Lande zog: Ich taufe mit Wasser zur Buße, es wird aber einer kommen, der euch mit dem Heiligen Geist und Feuer taufen wird, er wird mit der Worfel die Spreu vom Weizen trennen, seinen Weizen in die Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit ewigem Feuer verbrennen (Matth 3,11). Genau das passiert mit der Taufe.
Zunächst: Wieso lässt sich Jesus überhaupt taufen? Johannes ziert sich, wie kann ein Mensch, der mit Wasser tauft, einen taufen, der mit dem Heiligen Geist tauft? Das ist irgendwie verdrehte Welt. Jesus sagt: Lass es jetzt (so sein)! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Was will er damit sagen? Lass es SEIN. Die griechische Wortwurzel (dike) liefert die Antwort: Das Geschehen soll weisen, es soll zeigen. Das kann es aber nur, wenn es geschieht. So gibt Johannes nach und Jesus steigt ins Wasser.
Wasser ist der Quell des Lebens. Mensch wird im Wasser, im Fruchtwasser. Wasser ist das Element, in dem er zu seiner physischen Gestalt heranwächst. Leben kommt aus Gott und wächst im Wasser, in kindlicher Unschuld und Reinheit. Ein ungeborenes Kind ist noch ganz beseelt vom Göttlichen. Wasser ist unsere erste Heimat, das Element, in dem wir uns geborgen fühlten, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Das Taufwasser erinnert an diese göttliche reine Heimat, bringt uns – nachdem wir angelandet sind – zurück in die göttliche Heimat.
Johannes ist wütend, als er die Pharisäer zur Taufe kommen sieht. Was fällt euch ein zur Taufe zu kommen? Und wenn ihr schon kommt, dann nehmt das ernst, bereut euer unheiliges Leben ehrlich, kehrt um, bringt in Zukunft Frucht. Glaubt nicht, dass Gott nicht ehrliche Reue und Umkehr von Pharisäertum unterscheiden kann. Er kann Weizen von der Spreu unterscheiden und er hat die Worfel in der Hand, die die Spreu vom Weizen scheidet. Jeder Weizen hat Spreu. Bevor der Weizen zu Brot werden kann, nähren kann, muss er von der Spreu befreit werden. Jesus drischt uns, damit die Hülsen, die Grannen, die Samenhüllen, die Spelzen von uns abfallen. Die Worfel ist die Taufe, das Taufwasser. Mit der Taufe sind wir bereit, gute Frucht zu bringen, können nähren. Jesus ist auch Mensch und darin keine Ausnahme. Sein Wirken, seine Wundertaten, beginnen bei der Hochzeit vonKanaan, sie beginnen nach der Taufe.
Johannes, der Wissende, sagt: Er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln, die Spreu aber wird er im ewigen Feuer verbrennen. Mit der Taufe, mit dem Taufwasser fällt die äußere Hülle, die den fruchtbaren Kern verdeckt, und wir finden uns in Gottes Tenne wieder. Jesus sammelt mit der Taufe sein Volk auf seiner Tenne. Johannes taufte mit Wasser. In den Bibelübersetzungen steht, er taufte, indem die Menschen ihre Sünden bekannten. Das griechische Wort für Sünden ist Harmartia. Das heißt zunächst ganz neutral, das Ziel verfehlen (nach Elberfelder Studienbibel). Wann „Sünde“ daraus geworden ist, vermag ich nicht zu sagen, aber Johannes hat sicher das gemeint: Kehrt um, ihr Pharisäer, ihr habt das Ziel verfehlt, ihr bringt, so wie ihr lebt, keine Frucht.
Und noch etwas sagt uns Johannes: Das Weizenkorn muss gedroschen werden, damit die Spreu von ihm abfällt. Die Spreu wird Jesus ins Feuer werfen und im unauslöschlichen Feuer verbrennen. Das ist eine gute Nachricht. Die Spreu ist der Teil des Weizenkorns, der keine Nahrung gibt, die Hülse, die nichtfruchtbare Hülle des Weizenkorns. Jedes Weizenkorn hat eine Hülle, jeder Mensch einen Teil, auf den er verzichten kann, der den Blick auf sein Innerstes, auf Gott verstellt, der verhindert, dass er nähren kann, zu guter Frucht wird. Mit der Taufe wird diese hinderliche Hülle weggespült und gibt unseren fruchtbaren Kern frei.
Taufe heißt eintauchen in Gott, in die Tiefe der Quelle des Lebens, in die Fruchtblase Gottes, in seinen Bauch, in seine Geborgenheit, in seinen Schutz. Er nährt mich mit seiner Nabelschnur. Mit der Taufe werde ich in Gott geboren, werde sein Kind.
Lieber Luther, wieso ist es erlaubt, Kinder taufen zu lassen, obwohl sie die Entscheidung nicht selbst getroffen haben. Ist das wirklich unsere Entscheidung? Jesus hat die Worfel in der Hand, nicht wir. Wie lang ein Korn gedroschen werden muss, bis die Spreu von ihm abfällt, ist unterschiedlich, aber der Tag wird kommen, an dem sie abfällt. Jeder Augenblick, der mich von Gott trennt, ist ein verlorener Augenblick, ist Spreu. Ich wurde getauft, als ich 4 Wochen und 1 Tag alt war und bei dir war es sicher nicht viel anders.
Herzliche Grüße
Deborrah
PS: Wie du wohl gemerkt hast, bin ich nicht bis zu den offenen Himmeln gekommen. Jesu Taufe passt nicht in einen einzigen Brief. Über die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes schreibe ich dir – hoffentlich – morgen.

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