Reminiscere

Lieber Luther,

der Mensch scheint unbelehrbar. Das war zu Jesu Zeiten so und ist heute so. Im heutigen Predigttext (Mk 12, 1-12) besteht wieder einmal die Chance, die Botschaft zu verkünden, die verstanden werden will. Aber wer tut das? Welcher Pfarrer wagt dies? Kommt heute die Botschaft, um die es geht, von den Kanzeln oder wird fabuliert und abgelenkt, um ja nicht den Verdacht zu erregen, dass der Gott, von dem sie angeblich predigen, etwas verlangt vom Menschen. Es geht, lieber Luther, um den Herrn des Weinbergs.

Die Geschichte ist einfach und an sich von jedem zu begreifen. Es geht um einen Weinberg, der gepflanzt ist, in den eine Kelter und ein Turm gegraben ist und den der Eigner verpachtet. Als er Knechte schickt, um die Frucht einzusammeln, werden diese gefoltert, misshandelt, getötet. Schließlich schickt der Eigentümer seinen Sohn, weil er denkt, dieser werde respektiert. Aber auch ihn töten die Pächter und werfen ihn aus dem Weinberg. Jetzt wird die Geschichte spannend. Was tut der Eigentümer?

Nach gängiger Kanzellesart müsste er den Folterern und Mördern vergeben, Gott ist die Liebe und vergibt jedem Sünder. Das wird verkündet. Mit Referenz auf Jesus. Jesus ist derjenige, der durch seinen Kreuzestod das vollbringt. Wirklich? Jesus verkündet etwas ganz anderes. Jesus predigt mit dem Gleichnis: Der Hausherr wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen geben. Es steht kein Wörtchen von Vergebung.

In den Weinberg ist die Kelter gegraben. Die Kelter – in manchen Geschichten die Tenne – steht für Gottes Gericht, dafür, dass Gott jeden ansieht und jede Tat ansieht, die jemand tut. Gott sieht das Morden und Foltern. Gott sieht den Egoismus derer, die in seinem Weingarten arbeiten: Sie sind nur an ihrem Vorteil interessiert, sie wollen die Frucht in die eigene Scheuer bringen, nicht Knecht sein, sondern selbst Herr des Weinbergs, sie wollen bestimmen und das Sagen haben.

Jesus ist gestorben uns zu retten? Und da der König Israels an der Mauer einher ging, schrie ihn ein Weib an und sprach: Hilf mir, Mein König! Er sprach: Hilft dir der HERR nicht, woher soll ich dir helfen? Vor der Tenne etwa oder der Kelter? Die Frau sagte: Gib deinen Sohn her, damit wir ihn essen können, morgen essen wir meinen Sohn. Und er gab seinen Sohn und forderte am anderen Tag den Sohn der Frau: Sie versteckte ihn aber und wollte nicht zu dem Bund stehen, den sie mit ihm getroffen hat (2.Kön 6, 26-29). Jesus ist Nahrung, seinen Leib wollen wir essen, wenn Gott aber unseren Leib essen will, mit Haut und Haaren, dann verweigern wir ihn.

Diejenigen, die von der Kanzel predigen, egal, was Jesus erzählt, Gott ist nur Liebe, nicht auch Gericht, nicht auch einer, der auf die Einhaltung des Bundes, des Pachtvertrages dringt, sind wie das Weib, das den Sohn vom Herrn fordert, aber nicht seinen Teil gibt, wie die Pächter des Weinberges, die so tun, als verschenke Gott die Frucht seines Weinberges für nichts, die seinen Sohn, sein Wort, totschlagen und achtlos vor den Weinberg werfen. Weib oder Pächter im Weinberg: sie entgehen der Kelter nicht. Jesus sagt es deutlich: Er wird kommen und die Weingärtner umbringen! Was heißt das?

Wer ist der, so von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern, der so geschmückt ist in seinen Kleidern und einher tritt in seiner großen Kraft? „Ich bin’s, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister ist zu helfen.“ Warum ist dein Gewand so rotfarben und dein Kleid wie eines Keltertreters? „Ich trete die Kelter allein, und ist niemand unter den Völkern mit mir. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Daher ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt, und ich habe all mein Gewand besudelt. Denn ich habe einen Tag der Rache mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen ist gekommen. Und ich sah mich um, und da war kein Helfer; und ich verwunderte mich, und niemand stand mir bei; sondern mein Arm musste mir helfen, und mein Zorn stand mir bei (Jes 63, 1-5).

Die Kelter ist DAS Bild für Gottes Gericht. Eine Kelter war, historisch, eine in Felsen gehauene Vertiefung, in der man die Trauben, die Frucht des Weinbergs, mit den Füßen austrat. Die Trauben waren rot. Die roten Trauben – auch Traubenblut genannt – bespritzten die Kleider des Traubentreters. Die Frucht, die anstatt nährt, besudelt. Jesus ist der Traubentreter, sein Kleid ist weiß. Es wird besudelt von denjenigen, die im Weingarten Gottes angesiedelt sind.

Genau davon spricht Jesus in dem Gleichnis. Von der Tragödie der Arbeiter in Gottes Garten. Er kennt die Schrift und das Wort. Er spricht vom Zorn Gottes über seine Arbeiter: Er wird sie töten, er wird es nicht zulassen, dass sie ihren Bund, ihren Pachtvertrag brechen. Wer den Pachtvertrag bricht, zieht sich seinen unerbittlichen Zorn zu. Wer etwas anderes verkündet, ist einer, der den Pachtvertrag zu seinen Gunsten auslegt, aus Feigheit oder Dummheit das Wort bricht, in die falsche Richtung ableitet. Auch das wird, wenn die Zeit da ist, wie Jesus sagt, ausgekeltert. Der Herr des Weinberges wird brüllen aus der Höhe und seinen Donner hören lassen aus seiner heiligen Wohnung; er wird brüllen über seine Hürden (= Zäune); er wird singen ein Lied wie die Weintreter über alle Einwohner des Landes, des Hall erschallen wird bis an der Welt Ende (Jer 25, 30).

Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und ob Ihr’s wohl sahet, tatet ihr dennoch nicht Buße, dass ihr ihm danach geglaubt hättet, so ist im Matthäusevangelium das Gleichnis von den dummen Weinbergpächtern eingeleitet. Und Jesus fragt weiter: Kennt ihr nicht die Schrift? Steht da nicht: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Es steht vor euren Augen, es steht da, ihr lest es, tut es aber nicht. Deshalb wird das Reich Gottes von euch genommen und einem Volk gegeben, das Früchte bringt. Wer auf den Eckstein fällt, der wird zerschellen; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen (Mt 21, 32-44).

Schlag an mit deiner scharfen Hippe und schneide die Trauben vom Weinstock der Erde; denn seine Beeren sind reif! Und der Engel schlug an mit seiner Hippe an die Erde und schnitt die Trauben der Erde und warf sie in die große Kelter des Zorns Gottes. Und die Kelter ward draußen vor der Stadt getreten; und das Blut ging von der Kelter bis an die Zäume der Pferde durch tausend sechshundert Feld Wegs (Offb 14, 18-20). Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß Treu und Wahrhaftig, und er richtet und streitet mit Gerechtigkeit… Und war angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war; und sein Name heißt „das Wort Gottes“. Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, dass er damit die Heiden schlüge; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zorns Gottes, des Allmächtigen. Und er hat einen Namen geschrieben auf seinem Kleid: Ein König aller Könige und ein HERR aller Herren“ (Offb 19, 11-15).

Lieber Luther, Jesus sagt es immer wieder: Sie hören es und tun es nicht. Das gilt bis heute. Sie hören, was geschrieben steht, bis ins letzte Kapitel der Schrift, und sie lehren etwas anderes. Lieber Luther, er sagt auch: Der Herr des Weingartens wird sie umbringen und anderen den Weingarten geben. Das heißt, er lässt sie ihr Ding machen und geht andere Wege, gibt anderen seinen Weingarten. Er lässt sie sterben heißt, er lässt sie bedeutungslos werden: vor ihm und für seine Botschaft. Der Weingarten ist tot für ihn. Sein Wort wird dort totgeschlagen, über jeden, der es einfordert, fallen sie her und bringen ihn um. Wo „Gottes Weingarten“ draufsteht, muss nicht Gottes Weingarten drin sein. Fruchtlose Weingärten. Jesus sagt es mit aller Deutlichkeit. Gott ist der Herr über seinen Weingarten, nicht die Weingärtner, die den Weingarten für sich beanspruchen. Sein Wort gilt, nicht ihr Wort! Reminisce, Arbeiter im Weingarten Gottes, reminisce!

Herzliche Grüße
Deborrah

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