Vaterunser (2) – Dein Wille geschehe

Lieber Luther,

um den Faden von gestern wieder aufzunehmen. Ich bin auf der Spur nach Jesu Lehre, so wie er sie gelehrt hat, nicht so wie sie uminterpretiert wurde und wir das einfach nachplappern. In den Evangelien und der Alten Schrift ist genug übermittelt, um sich seine Lehre und seine Wurzeln selbst zu erschließen. Die herrschende Lehre geht in vielen Teilen paulusgeleitet fehl, ist jedenfalls nicht Jesu Lehre, auch heute wird sich das wieder zeigen.

Gestern habe ich angefangen, das Vaterunser nach seinem Bedeutungsgehalt aufzuschließen: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme. Heute:

Dein Wille geschehe.

Das ist ein sehr schwerer Teil für uns Menschen, denn was hier eingefordert ist, ist Demut, nicht gerade die Stärke der meisten Menschen. Was Jesus von anderen unterscheidet, ist seine 100prozentige Demut. Er hat sich vollkommen in den Willen Gottes gestellt. Allein sein Wille zählt: Und sollte niemand Vater heißen auf Erden, denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist (Mt 23, 9). Es ist das völlige Aufgehen im Willen des Vaters.

Deshalb sagt er auch: Wer Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben (Mt 15, 4). Wer Gott, den einen Vater, den es für ihn gibt, flucht, lebt nicht, sondern ist tot. Auch wenn er noch lebt, hat er sein ewiges Leben verspielt. Das ist die einzige unverzeihliche Todsünde, die es für Jesus gibt: Alle Sünde und Lästerung wird euch vergeben, auch die gegen mich, aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben (Mt 12, 31).

Was es heißt, seinen eigenen Willen zurückzustellen, hat Jesus am eigenen Leib erlitten. In höchster Todesangst angesichts seiner Verfolger sagt er: Nicht wie ich will, sondern wie du willst, Vater (Mt 26, 39). Als Petrus bei Jesu Verhaftung das Schwert zückt und zur Gegenwehr schreitet, sagt Jesus zu ihm (Joh 18, 11): Soll ich den Wein (im Kelch) nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat? Psalm 23: Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Der barmherzige Samariter gießt Öl und Wein in die Wunde dessen, der unter die Räuber gefallen ist (Lk 10, 34). Wein ist die Frucht aus Gottes Weinberg, Wein kommt aus der Kelter. Mit Wein ist der reine wahrhaftige Geist Gottes symbolisiert.

Wenn Jesus sagt, er will den Kelch trinken, anerkennt er, dass Gott den Menschen ihren Willen lässt, er nicht als Deus ex Machina korrigierend eingreift, wenn der Mensch abfällt und Abwege geht. Gott lässt den Menschen auch Irrwege gehen. Jesus schwitzt Blut und Wasser angesichts der Abwege der Menschen, aber, er respektiert den Willen Gottes, dem Menschen seinen Willen zu lassen. Es ist für ihn unendlich schwierig, angesichts seiner bedrohten Situation, die Schwachheit des Menschen so zu akzeptieren, wie Gott sie akzeptiert. Das ist die eigentliche Herausforderung für Jesus. Das Wahrhaftige zu erkennen, und das Finstere zuzulassen. Dieser Kampf, dieser Zwiespalt, lässt ihn Blut und Wasser schwitzen (Luk 22, 44). Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5, 48). Das ist sein Anspruch an die Vollkommenheit vor Gott. Das Finstere im Angesicht des Lichts zuzulassen, zerreißt ihn fasst. Aber, Jesus ist 100% Demut vor dem Vater, er ordnet sich dem väterlichen Willen ohne Wenn und Aber unter: Nicht wie ich, sondern wie du willst.

Jesus kommt keine Sekunde auf die Idee, sich zu widersetzen, sich zu retten, indem er das Feld räumt, seine Predigertätigkeit einstellt und flieht. Ganz im Gegenteil. Er sagt: Ich beuge mich eurem Willen nicht, ich lasse mich nicht einschüchtern von euch, ich tue den Willen meines Vaters, sein Wort zu den Menschen zu bringen. Ich gehe hinauf nach Jerusalem, in die Höhle des reißenden Löwen, ich gehe in die unheilige Stadt, um das wahre Wort dorthin zu bringen, das wahre Wort muss dort gehört werden, damit Babel fällt, ob sie es hören wollen oder nicht. Ich bringe Gott zum Sprechen, auch wenn ihr mich zum Schweigen bringen wollt.

Das heißt, Jesus sieht zwar die Konsequenzen für seine physische Person, aber darauf, wie auf alles Leibliche, nimmt er keinerlei Rücksicht, auch, wenn es seinen physischen Tod bedeutet. Wenngleich er die Schmerzen, wie jeder Mensch fürchtet, weiß er, dass das nicht sein Ende ist. Gott macht Jesus nicht willentlich zum Sündopfer, er hält seinen Bund gegenüber den Menschen, auch wenn sie seine Stimme zum Schweigen bringen wollen. Jesus weiß, dass sie dies nicht wirklich können. Gott lässt sich von einem Menschen nicht zum Schweigen bringen. Er lässt ihnen zwar ihren Willen, er zwingt seinen Willen nicht auf. Seinem Willen zu folgen, beruht auf reiner Freiwilligkeit. Aber er gibt seinen Willen, die Menschen unter dem Wort zu sammeln, nicht auf. Sie können seine Stimme, Jesus, nicht wirklich töten, sie mussten das nach seinem Tod erfahren. Seine Stimme wurde und wird auch nach seinem Tod gehört. Mehr als vorher. Gott lässt sich nicht zum Schweigen bringen.

Wenn gelehrt wird, Gott, der Vater, habe Jesus, den Sohn, absichtlich sterben lassen, weil er ihn, wie in alter mosaischer Tradition die Schlachtopfer, den menschlichen Sünden geopfert hat, ist das in Jesu Ohren Gotteslästerung und damit eine Todsünde. Die einzige Todsünde, die es für ihn gibt. Diese Lehre findet auch in der Alten Schrift keinerlei Grundlage. Auch von Abraham hat Gott den Kindsmord nicht abverlangt. Er wollte Abraham prüfen, ob er in allem Gottes Willen tut. Abraham hat die Prüfung bestanden, wie auch Jesus. Jesus hat in allem 100% Gottes Willen getan.

Menschenopfer passen nicht in Gottes und Jesu Weltbild, das haben schon die Propheten erkannt: Sie verbrennen (oder kreuzigen) ihre Söhne und Töchter, davon ich ihnen nichts befohlen habe. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass sie solche Greuel tun sollten, und meine Kinder damit zur Sünde verleiten (Jer 32, 35). Das ist eine Verdrehung von Gottes Willen. Der göttliche Wille wird dem menschlichen Willen unterstellt, um sich mit wenig Aufwand – den erbringt ja für den Sünder ein Tier oder das Menschenopfer, in dem Fall Jesus mit seinem Opfertod – auf die Sonnenseite zu stellen. Jesus trägt für uns die Last. So einfach entledigt man sich seiner Missetaten, denkt man. Und vor lauter Dankbarkeit wird hin und wieder halbherzig gefastet und an Karfreitag eine Trauermine aufgesetzt, wenn überhaupt. Ein abstruses Konstrukt. Ein Rückschritt in das Heidentum, wie bei Jeremia nachzulesen (Jer 32, 33): Und obwohl ich sie lehrte, haben sie in das Haus, über dem sie meinen Namen ausrufen, ihre Irrlehren gesetzt. Das würde Jesus mit Sicherheit sagen, angesichts seiner Rolle, die ihm nach seinem Tod in der Sündentheologie antheologisiert wurde und wird.

Dein Wille geschehe heißt also: Den Willen Gottes geschehen zu lassen, auch den Willen, den Menschen ihren Willen zu lassen. Wie oft hört man die Klage: Wie kann Gott das zulassen? Es muss heißen: Wie kann Mensch das zulassen? Es ist eine Absage, Gott etwas zuzuschreiben, was nicht Gottes ist, sondern abgrundtief menschlich. Missetaten gehören nicht zum Göttlichen, sie gehören in den Machtbereich des Finsteren. Sie dem göttlichen Willen zu unterstellen, ist Jesu Lehre entgegengesetzt. Es würde ihn empören. Die Duldung und Geduld Gottes mit dem Finsteren im Menschen samt ihrer unmenschlichen Auswüchse zu akzeptieren, erfordert Demut, ist Demut vor Gott, dagegen Gottes wahrhaftiges Wort zu stellen, ist Nachfolge.

Wie erkenne ich den göttlichen wahren Willen? Eine Antwort hat Jesus schon Pilatus gegeben: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme (Joh 18, 37).

Philippus bittet Jesus, ihm den Vater zu zeigen. Jesus sagt: Wer mich sieht, der sieht den Vater. Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst. Der Vater aber, der in mir wohnt, der tut die Werke. Glaubt mir, dass ich im Vater und der Vater in mir ist; und wo ihr die Worte nicht glaubt, glaubt mir wenigstens um der Werke willen. WAHRlich, WAHRlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere tun; denn ich gehe zum Vater. Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht (oder geheiligt) wird (Joh 14, 9-14).

In Gespräch mit der Samariterin, einer Ungläubigen in damaligem Verständnis, geht es auch um das Beten. Jesus sagt: Ihr betet an was ihr nicht kennt. Wir wissen was wir anbeten. Anbeten tut man weder in Jerusalem, noch auf einem anderen irdischen Ort, denn die Rettung kommt nicht von Äußerlichkeiten. Wer das Wasser (= Wort) trinkt, das ich ihm gebe, der wird ewig nicht mehr dürsten, denn das Wasser, das ich ihm gebe wird IN IHM ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. Es kommt die Zeit und ist schon da, da werden die WAHRHAFTIGEN Anbeter den Vater im GEIST anbeten und in der WAHRHEIT. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der WAHRHEIT anbeten (Joh 4, 13-24). Oder, wie es in der Offenbarung steht: Ich will geben den Durstigen vom den Brunnen des lebendigen Wassers umsonst (Offb 21, 6). Das Wort kostet nichts, ist frei zugänglich.

Das heißt also, lieber Luther, um zusammenzufassen: Wer zu Gott wahrhaft betet, unterwirft sich völlig dem göttlichen Willen, auch wenn es in den Konflikt mit menschlichem Willen führt, bis zum Einsatz des physischen Lebens. Jesus hat das in dieser Radikalität und Konsequenz vorgelebt. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme, sagt Jesus, der hört Gott, der ist in Gott und Gott in ihm, der hört und versteht Gottes Willen, weil Gott in ihm spricht und wirkt. Es heißt auch im Umkehrschluss: Wer Jesus nicht hört, ist nicht in Gott und nicht in der Wahrheit. Ein selbstgebastelter Gott, mit oder ohne Jesus, oder Rosinenpicken hat da keinen Platz. Auch diese Botschaft Jesu ist eindeutig.

Lieber Luther, man muss alles verlassen, um Gott zu finden. Das lehrt Jesus. Die Sündentheologie lehrt vereinfacht: Ich bin ein armer Sünder, Jesus ist für mich gestorben und hat für meine Sünden gebüßt und deshalb komme ich doch in den Himmel. Asche auf mein Haupt. Mit Jesu Lehre hat das rein nichts zu tun. Jesus geht nicht für uns den Weg zu Gott, den müssen wir selbst gehen. Er ruft uns zur Nachfolge seines Weges, willentlich den Willen Gottes zu tun. Das ist das Besondere an Jesus: Er ist 100% Demut, er ist 100% Wille Gottes, in ihm spricht zu 100% Gott, in ihm spiegelt sich Gott zu 100%, er ist zu 100% Gottes Sohn, zu 100% sein Ebenbild. Jesus ist 100% Mensch gewordener Gott. Uns Gott zu zeigen, dazu ist er in die Welt gekommen, uns den Weg zu ihm zu weisen.

Herzliche Grüße
Deborrah

PS: Nur ein Satz aus dem Vaterunser geschafft heute: Dein Wille geschehe. Es ist für den Menschen der schwierigste Teil. Morgen: Wie im Himmel, so auf Erden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.