Vaterunser (9) – Erste Liebe

Lieber Luther,

niemals kann ein Mensch seinen Bruder von seinen Sünden, seiner Bösartig- und Schlechtigkeit lösen, denn zu kostbar ist seine Seele. Es bedarf des Atemhauches Gottes. So viel kann ein Mensch nicht in die Waagschale werfen, damit es den Atemhauch Gottes aufwiegen würde. Gott allein ist es, der den Menschen von der Gewalt des Scheols, von der menschlichen Hand in ihrer Abgründigkeit, vom Menschen, der ohne Atemhauch Gottes handelt, entreißen kann. Gott allein kann lösen, kann erlösen (Ps. 49, 9-16). In Psalm 49 steht, um was es geht, wenn wir im Vaterunser beten:

Und erlöse uns von dem Bösen, von allem Übel.

Wie weltlich reich ein Mensch auch ist, wie angesehen, wie intelligent, wie weise, wie sehr er auch meint, er selbst sei mit vielem gesegnet: Es nützt ihm nichts. Er fährt ins Grab und hat nichts in seinem Fruchtkorb, was ihn vom Tod bewahren könnte. Armer reicher Mensch.

Gott alleine löst und erlöst, kein Mensch, auch kein Menschensohn, kann dies erwirken. Nur der Vater allein. Die Kindschaft, die Sohnschaft, an sich macht Gottes Erben aus. Jesus spricht von sich meistens in der dritten Person, vom Menschensohn oder dem Sohn des Menschen, von dem, den Gott als sein Ebenbild erschaffen hat. Wir sind alle adama, fruchtbarer Ackerboden, aus der Muttererde Gottes. Um jeden einzelnen geht es Gott, um dich und mich.

Jeder bekommt oder IST zu gleichen Teilen. Was er daraus macht, liegt bei jedem selbst. Jesus erzählt im Gleichnis vom verlorenen Sohn davon. Der Sohn, der auf dem falschen Weg war, erkennt in tiefer Not, was er Gutes beim Vater hatte, kehrt um, bereut ehrlich: Vater ich habe gesündigt vor dir und gegen den Himmel, ich bin es nicht wert, dein Sohn zu heißen. Mach mich wenigstens zu einem, dem du nur das gibst, was er jeden Tag verdient. Wie reagiert der Vater: Lasst uns fröhlich sein und ein Fest feiern, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden (Lk 15, 11-31). Die Sohnschaft hat auch dieser verlorene Sohn nicht verwirkt. Die Arme des Vaters sind weit geöffnet, er wartet jeden Tag auf die Rückkehrer.

Und erlöse uns von dem Übel, heißt, HERR, lass mich umkehren, lass mich abkehren vom falschen Weg. Es heißt, ich bin bereit, mich von meinen Übeltaten und dem Bösen zu lösen, einzusehen, zu bereuen, umzukehren. Ich will aktiv, gewollt, willentlich zum richtigen Weg, zum Vater, zu Gott, zurückkehren, auch, wenn ich bei ihm nur zu den Geringsten zähle.

Der Mensch ist das Kind Gottes, der Mensch, in dem Gottes Atemhauch ist, der Gott in sich atmen lässt, ist sein Erstling. Gott sagt Ja zum Menschen, er will seinen Erstling zurück haben. Er will ihn nicht an Abgötter verloren geben. Er schlägt die ägyptischen Erstlinge, streicht sein Blut, sein Leben, an die Hauspfosten, in denen seine Erstlinge sind, zum Zeichen: Hier ist nicht der Tod, hier, wo ich bin, ist Leben (2.Mose 12, 29). Hier sind die wahren Erstlinge, die das wahre Reich erben.

Gott belehrt Kain: Wenn du recht tust, erhebt sich das Rechte zu mir, wenn du aber nicht recht tust, lagert sich die Sünde vor der Tür und hat Verlangen nach dir. Du sollst aber über sie herrschen (1.Mose 4, 7), d.h., du sollst das Böse, die Versuchung beherrschen. Das gelingt dem Menschen nur partiell. Gott kennt die Fehlbarkeit des menschlichen Willens von Anbeginn. Selbst nach dem Brudermord gibt Gott Kain nicht auf, er will ihn nicht als Blutopfer enden sehen. Gott will keine Menschenopfer – kein Sühneopfer – weder Kain, noch Isaak, noch Jesus. Weder den Schuldigen, noch den Unschuldigen, noch jeglichen Sohn der Menschen, für den Jesus steht (= Menschenkind). Gott will seinen Erstling ganz zurück.

Alle Erstgeburt unter meinen Kindern ist mein, seit der Zeit, seit ich die Erstgeburt in Ägypten schlug und sie mir heiligte (4.Mose 8, 17). Unter diesem Blickwinkel ist auch zu verstehen, wieso Esau zum Verhängnis wurde, dass er sein Erstgeburtsrecht für einen vollen Magen an seinen Bruder Jakob verkaufte. Jakob ist uns zum Bild gegeben. Strebt wie Jakob danach, bei Gott Erstling zu werden. Das innere Streben zählt, die menschlichen Verfehlungen zwischen den Menschen sind hierbei zweitrangig. Gott hat Jakob trotz alledem zu seinem Erstling gemacht, ihm den Namen Israel gegeben, ihn zum Erstling für sein auserwähltes Volk gemacht. Der Erstling ist der Haupterbe, er empfängt den väterlichen Segen, ihm gebührt der Ehrenplatz am Tisch.

Mit der menschlichen Erstgeburt hat Gottes Erstling nichts gemein. Ruben, der formal Erstgeborene Jakobs, hat sein Erbe verspielt, indem er „seines Vaters Bett entweihte“. Es ist gemeint, er hat sich genommen, was nicht sein war, er hat das, was Gott gehörte, von Gott weg und zu sich hingezogen, hat verführt, war Satan. Jakobs „Fürstentum“ ging an Juda, das Erstgeburtsrecht an den Sohn Joseph (1.Chr 5, 1), sie sind vor den formal Erstgeborenen gesetzt worden. Gott schert sich nicht um menschliche Hierarchien. Er setzt seine Wahrheit über menschliches Recht.

Und erlöse uns von dem Übel. Gemeint ist erstrangig das Übel, Gottes Erbschaft achtlos zu verspielen, die Ehre, Gott in uns zu haben, nach Gottes Ebenbild geschaffen zu sein, mit Füßen zu treten. Menschliche Bösartigkeiten untereinander sind im Verhältnis dazu belanglos. Deshalb sagt Jesus auch: Ihr könnt über alles fluchen, einschließlich mich, nur nicht über den Wind, der weht, über den Atemhauch meines Vaters. Wer dies tut, ist schuldig des ewigen Gerichts (Mk 3, 29). Das ist das Böseste vom Bösen.

Und ich sah das Lamm stehen auf dem Berg Zion und mit ihm 144.000, die hatten seinen Namen und den Namen des Vaters auf die Stirn geschrieben. Sie sangen ein neues Lied, das nur die 144.000 lernen konnten. Sie waren „erkauft“ von der Erde. Sie folgen dem Lamm nach, wohin es geht. Sie sind erkauft aus den Menschen zu Erstlingen Gott und dem Lamm, denn in ihrem Mund wurde kein Falsch gefunden (Offb 14, 1-5).

Das heißt, lieber Luther, Gott muss sich seine Erstlinge von der Erde zurückkaufen. Er muss wettbewerben auf dem Marktplatz der irdischen Angebote. Er steht zwischen den Verkaufsständen mit den verschiedenen menschlichen Heils- und Unheils-Sonder-Angeboten und versucht, ein offenes Ohr für sein Wort zu finden. Und erlöse uns von dem Übel, heißt also auch, löse unsere Schwerhörigkeit. Jesus hat nicht umsonst so viele Taube geheilt. Ihr seid die Tauben, öffnet eure Ohren, hört Gottes Angebot. Die Heilungen war nur ein Zeichen, damit ihr überhaupt hinhört. Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt (Offb 2,4). Erlöse uns von dem Bösen heißt, HERR, lass den Erstling deiner Liebe zurückkehren zu dir, seiner ersten Liebe.

Herzliche Grüße
Deborrah

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