Hassen – Perspektivwechsel

Lieber Luther,

heute ist der 5.Sonntag nach Trinitatis. Nichts besonderes. Gottesdienstalltag in der Kirche, möchte man meinen. Und doch war es heute nicht so, der Predigttext eine Herausforderung: Lukas 14, 25-33. Man muss jedoch den ganzen Abschnitt lesen, da er zusammengehört und eine eindeutige Botschaft enthält. Ich kann ihn hier nicht ganz wiedergeben, du kannst ihn selbst nachlesen. (Lk 14, 25-35)

Die Pastorin hat ihn in 3 Teile geteilt und keinen Zusammenhang gefunden. Sie hat sich sehr schwer getan mit dem Teil: „So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk 14, 26). Wie soll man das auch auffassen, als Mutter, Familienmensch? Guter Gott, was mutest du uns da wieder zu? Das kann doch nicht dein Ernst sein?

Doch, es ist sein Ernst. Es heißt in diversen Bibelübersetzungen (Luther, Elberfelder, Schlachter, Herder) tatsächlich „hassen“. Nur in der „Guten Nachricht“ in meiner schon sehr alten Fassung heißt es „an die zweite Stelle setzen“. Daran klammerte sich dann auch der Predigttext. Wie soll man dieses Wort sonst auch jemanden vermitteln? Das klingt nicht nach froher Botschaft und Liebe.

Die Aufforderung Jesu, unsere Familie, unser soziales Umfeld zu hassen, ist auf den ersten Blick starker Tobak, aber nur auf den ersten Blick. Was ist damit gemeint?

Hassen hat etwas damit zu tun, dass man jemanden oder etwas nicht leiden kann. Man mag „nicht leiden“ mit demjenigen, um den es geht. Man wendet sich nicht dem anderen zu, auch wenn es schmerzt, sondern von ihm weg. Hassen bedeutet, sich von jemandem abwenden, hassen heißt: verlassen. Innerlich oder äußerlich oder beides. Solange man seinen Nächsten hasst, d.h. nicht lieber selbst leidet als ihn nicht leiden kann, ist man nicht in der Liebe Gottes seinem Nächsten gegenüber. Solange man hasst, regieren die Emotionen, nicht die Nächstenliebe, die Gott von uns fordert. Lieber den anderen „nicht leiden“ können, als sich selbst verleugnen.

Deshalb heißt der nächste Vers auch: Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk 14, 27). Sein Kreuz tragen heißt in diesem Zusammenhang: Wer sich in den Vordergrund stellt vor dem anderen, vor sich selbst und vor Gott, liebt nicht den Nächsten wie sich selbst. Das ist nicht Jesu Weg. Jesus sieht nur uns, nicht sich. Für uns geht er ans Kreuz. Das verlangt er auch von uns: Jeder trage des anderen Last, auch wenn du dafür ans Kreuz musst.

In den Überschriften diverser Bibeln heißt es „Bedingungen“ der Nachfolge. Es ist genau umgekehrt. Was hier beschrieben ist, ist bedingungslose Nachfolge. Aber nicht in dem Sinn, dass wir unsere Familie, unsere Heimat, die die wir lieben, verlassen sollen, uns der Verantwortung und der Aufgabe entziehen, uns davonmachen. Man soll nicht die verlassen, die man liebt, sondern sich selbst lassen und sich dem anderen zuwenden, auch wenn es schmerzt. Hassen in dem Sinn zielt auf die eigene Selbstzentriertheit. Sie hassen heißt, alles tun, um sie zu verlassen. Hassen in diesem Sinne ist ein bewusster Akt der Selbst- und der Nächstenliebe, den Jesus hier einfordert. Es muss etwas passieren, du musst dich bewegen. Weg von deinen eigenen Interessen, hin zu Gott, den du zu allererst in dem findest, der dir am nächsten ist.

Der Weg dorthin ist dornenreich. Er führt – wie bei Jesus – so auch bei uns über das Kreuz. Das Kreuz bedeutet Läuterung, bedeutet Schmerz, bedeutet Anfechtung im Glauben. Wer nicht dieses Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. Deshalb prüfe jeder genau, ob er bereit ist, diesen Weg zu gehen. Will oder kann ich den Preis dafür zahlen? Fühle ich mich stark genug, um gegen das Heer der inneren und äußeren Widerstände anzukämpfen und zu bestehen? Wer helfen kann, ist nur Gott. Er allein kann den Frieden und die Unterstützung geben, die wir brauchen, um in allen Anfechtungen bestehen zu können .

Nein, leicht ist diese Nachfolge nicht, da macht Jesus keinen Hehl daraus. Wer etwas anderes denkt, ist auf dem Irrweg. Erst wenn man sich von sich selbst gelöst hat, ist man in seiner wahren Nachfolge, sein Jünger. Ist das überhaupt jemals möglich? Man muss alle irdenen Bindungen lösen, um bedingungslos zu lieben, so wie Jesus uns das gelehrt hat. Um bedingungslos für den anderen leiden zu können, ihn „nicht leiden“ sehen zu können. Um das zu können, muss man bereit sein, selbst bedingungslos und selbstlos zu leiden, sich nicht an „zweiter Stelle“ zu sehen, wie in der „Guten Nachricht“ steht, sondern sich gar nicht zu sehen. Das hat eine ganz andere Qualität und ist eine ganz andere Dimension. Das eine ist menschlich gedacht, das andere göttlich.

Hassen hat auch etwas mit „hässlich“ zu tun. Unsere eigenen Mängel erkennen und anerkennen wir nicht gern, viel leichter diejenigen der anderen. Jedoch, indem wir die Mängel der anderen erkennen, schauen wir in Wahrheit in den eigenen Spiegel und sehen die eigene Hässlichkeit. Das „Hassen“ wird so zur Voraussetzung, um die eigene Hässlichkeit zu überwinden. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. Schonungslos.

Hass hat auch mit Verfolgung zu tun. Mit Passion. Man verfolgt andere und wird selbst verfolgt. Ein Kreislauf des Leides und des Leidens. Viele Jünger Jesu haben Verfolgung erlitten, Hass, Martyrium und Tod. Nachfolge in der Verfolgung, trotz Verfolgung. Mir fällt Bonhoeffer ein. Prüfe genau: Bist du bereit, den Preis zu zahlen? Jesus ist ganz transparent, er verschweigt nichts.

Was hat das alles mit uns zu tun? Wir leben in Sicherheit. Verfolgungen des (christlichen) Glaubens wegen gibt es in unseren Regionen derzeit nicht. Märtyrer sind bei uns gerade nicht gefragt. Ein paar Nummern kleiner tut es auch. Kommt jemand auf die Idee, seine Familie zu verlassen, um Jesus nachzufolgen? Nein?

Jesus nachzufolgen, heißt ihm bedingungslos nachzufolgen, ohne Wenn und Aber. Ein bisschen Nachfolge, solange es nicht weh tut und ich nicht anfange zu leiden, geht nicht. Was tun wir, wenn Gott uns in die Wüste führt? Wenn du vor dem Kreuzweg stehst? Gehen wir mit aller Konsequenz oder schaudern wir lieber zurück, zögern, zaudern, schieben hinaus? Heraus aus der Komfortzone hinein ins Unbekannte? Sehend, vertrauend, nicht zurückzuckend? Widerstehen wir der Versuchung, uns aufs Sofa zurückzuziehen und uns in unserer Schein-heil(ig)en Welt hinter dem schönen Schein zu verstecken?

Lieber Luther, nein, bequem ist Jesu Nachfolge sicher nicht. Auch – oder gerade – bei uns, in unserer übersättigten Wohlstandgesellschaft nicht. Man steht da ziemlich schnell am Pranger. Bedingungslos folgen, bedingungslos den Nächsten lieben ist ein Kreuzweg, egal an welchem Ort und zu welcher Zeit wir in der Menschheitsgeschichte stehen. Gern gehört wird das nicht. Aber Jesus lässt keinen Zweifel: Wenn das Salz dumm wird, womit wird’s man würzen?

Herzliche Grüße
Deborrah

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