Vom Glucken, oder: Auch Party machen will gelernt sein

Party zum 18.Geburtstag meines Sohnes.
50 Gäste waren erwartet worden.
Im Garten hatte er ein Zelt aufgebaut,
den Wohnraum für die Party geöffnet.

Meine Erschöpfung war gestern tatsächlich so groß,
das mich keine Erschütterung und kein Party-Lärm mehr
für ein paar Stunden vom Schlafen abhalten konnten.

Meine beiden Söhne hatten alles im Griff,
bis…

Gegen 4:15 bin ich wieder aufgewacht.
Nebenan immer noch die Boxen auf voller Lautstärke.
Es war eine gute Strategie,
die Boxen im Haus und nicht im Freien aufzubauen,
der Lärm und die Erschütterungen im Haus waren zwar größer,
aber die Nachbarn waren mehr geschont und
hat uns die Polizei diesmal erspart.
Sie lernen dazu.

Ich höre Unterhaltungsfetzen.
Jonathan ist nicht mehr da,
wahrscheinlich im Bett …

Die Musik ist inzwischen auf Ballermann-Niveau,
wird schlechter und schlechter,
bis meine Toleranzgrenze überschritten ist.
Ich schreite zur Tat.

Als ich die Küchentür öffne,
stehe ich im Nichts.
Alles voll Nebel,
keinerlei Gegenstand ist mehr zu erkennen.
Ich begebe mich Richtung Ess- und Wohnraum.

Einige letzte Mohikaner sehe ich durch Nebelschwaden.
Ich schließe, trotz Nebel, die Terrassentür,
das Gegröle aus den Lautsprechertürmen
kann man keinem Nachbarn zumuten.
Ich selbst finde es unerträglich.
Den Abstellknopf finde ich nicht.

Es klopft an der Terrassentür.
Sohn und Mann stehen vor der Tür.
Sie kommen von der S-Bahn,
wo sie eine Ladung Mädchen abgeliefert hatten.
Sohn beruhigt Mutter und stellt endlich dieses Gegröle
aus den Boxen ab, das ist schon die halbe Miete.

Er baut sich vor seinen Freunden auf
und nennt jeden der dort Sitzenden
einzeln beim Namen einen Idioten:
N., du Idiot, G., du Idiot, M., du Idiot, …
Ich war gerade mal eine halbe Stunde weg…
und was macht ihr Idioten,
brüllt er sie an.
Wer war das?
Keiner natürlich.
Ich lächle in mich hinein.

Sie hatten die Nebelmaschine ins Haus geschafft
und scheinbar die gesamte halbe Stunde
auf den Nebelauslöserknopf gedrückt.
Harmlos, gottseidank, aber doch nicht, wie es sein sollte.
Und wieder etwas gelernt …

Wir wundern uns, dass die Rauchmelder nicht angegangen sind.
Also alle Fenster und Terrassentüren auf,
bis der Rauch wieder abgezogen ist.
Ich räume währenddessen schon mal etwas auf.

Es sieht ganz zivil aus.
Beide Söhne hatten aufgepasst,
dazwischen immer wieder aufgeräumt.
Sie lernen dazu.
Ich bin’s ganz zufrieden.

Ich reiche denen, die hier schlafen wollen, eine Decke,
mein Mann bringt noch zwei junge Männer nach Hause.

Keiner ist alkoholisiert gefahren,
im Zweifelsfall bestellten alle ein Taxi,
ohne dass jemand sie dazu auffordern musste.

Das zu sehen, beruhigt mich sehr,
und erfüllt mich mit unbestimmter Dankbarkeit.
So verantwortungsvoll zu handeln,
haben alle wie selbstverständlich
anscheinend schon gelernt.

Die Ruhe,
die danach ins Haus einkehrt,
ist eine Ruhe,
die man nach all dem Lärm hört.
Andächtig lausche ich der Ruhe,
bevor auch ich mich auf die 2. Schicht Schlaf mache.

Heute haben wir alle gemeinsam aufgeräumt,
nochmals zusammen gegessen.

Verantwortung übernehmen, muss gelernt sein.
Auch für große Partys und Menschenansammlungen.
Das gilt auch für den Umgang mit Alkohol.
Aber man muss den Kindern die Verantwortung
auch zutrauen und geben.
Nur so lernen sie.

Glucken heißt, nicht Lernen lassen, weil man selbst kein Risiko eingehen will.
Glucken heißt, den Kindern eine Lernchance nehmen.
Glucken heißt, die Kinder nicht vorbereiten fürs Leben.

Lassen, in Gelassenheit.
Trauen, zu vertrauen.

Sie müssen lernen:
zusammen arbeiten,
zusammen feiern,
zusammen sich kümmern,
zusammen aufräumen,
zusammen reparieren.

Der Zusammenhalt und das Zusammen sind wichtig, hilft und gibt Sicherheit, das sich Verlassen-können auf die Familie, auf die Mutter, den Vater, die Geschwister, die Freude. Im Gelingen wie im Nichtgelingen. Familiärer sozialer Zusammenhalt muss erfahren werden, soll er nachhaltig sein. Er muss gelernt werden, wollen wir unsere Kinder fit machen, nicht nur Verantwortung für sich, sondern auch für andere, für ihre Zukunft zu übernehmen. Es fängt im Kleinen an, was sich im Großen bewähren muss.

Party is over
Am anderen Morgen

2 Kommentare zu „Vom Glucken, oder: Auch Party machen will gelernt sein“

  1. Respekt vor deiner Geduld und deinem Vertrauen! Gerade habe ich mich erinnert, an meine Zeit in dem Alter deines Sohnes. Daheim wäre das überhaupt nicht möglich gewesen. Zumindest nicht, wenn die Alten da waren 😉 Meist war ich aushäusig aktiv und mit der Verantwortung hatten wir das allesamt nicht, was Alkohol und fahren anging. Mit entsprechenden Konsequenzen, unter denen Gott se Dank niemand ernsthaft zu Schaden kam. Mein Sohn ist ganz anders, er trinkt, wenn überhaupt, nur sehr wenig.

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    1. Ja, was du sagst, hatte ich irgendwie im Sinn. Wir waren auch keine Engel. Das hat mich bewogen, heute meine Losungs-Meditation mit „Dankbarkeit“ zu überschreiben. Sehr bewogen hat mich auch, dass mein Sohn, als wir alle zusammen aufgeräumt und geputzt haben, gesagt hat: „Danke, dass ihr mir helft, danke, dass ihr so tolerant seid!“ Ein reicher Augenblick.

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