Schweigen

Lieber Luther,

der entscheidende Satz im heutigen Predigttext fehlt, wurde fälschlicherweise abgeschnitten:

Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch (Lk 17, 20-21).

Was hat sich zugetragen (Lk 17, 12-14)? Jesus ist ein Wanderprediger mit Charisma, dem der Ruf eines Heilers voraneilt. Zehn Menschen mit äußerlichem Gebrechen, einer Hautkrankheit, sehen ihn von weitem kommen und rufen: Meister Jesus, habe Erbarmen mit uns. Sie denken an ihre Krankheit und erwarten von ihm, dass er sie davon heilt. Man kann es ja versuchen.

Jesus macht nicht viele Worte. Erstaunlicherweise sagt er: Zeigt euch den Priestern! Wie? Was hat das mit den Priestern zu tun? Von Jesus wird die Heilung erwartet? Obwohl ihnen die Anweisung wohl seltsam erschienen sein mag, machen sie sich auf den Weg und während sie gehen, werden sie rein.

Man sieht schon, wie sich diverse Stirne in Falten legen. Wieder so eine Wundergeschichte über Jesus… Wer soll das glauben? Ist das aber wirklich eine Wundergeschichte? Oder schaut man da nur an die Oberfläche, auf die Haut der Kranken, anstatt in ihr Inneres? Ist das nicht eher eine Parabel in der Parabel?

Wieso schickt Jesus die Männer zu den Priestern? Die Priester stehen für die vermeintlich Reinen. Für diejenigen, die sich gerne mit weißer Weste darstellen. Die Aussätzigen stehen für die Verachteten, die Kranken, die Schwachen, diejenigen, die im Dreck liegen, die ihre Unreinheit förmlich auf der Haut tragen. Jeder sieht es, jeder geht ihnen aus dem Weg, sie gehören zu den Randfiguren der Gesellschaft. Priester versus Aussätzige, Rechtschaffenheit gegen kranke Kreatur, vermeintliche Reinheit gegen vermeintliche Unreinheit, Weiß gegen Schwarz, Heilige gegen Sünder, gut gegen schlecht, Privilegien gegen Chancenlosigkeit. Schubladendenken, alles gemessen mit dem Maßstab der Äußerlichkeit. Es ist ein subjektiver Maßstab, der gern als objektiv verkauft wird, aufgestellt von den Herrschenden und gemäß der durchgesetzten Regeln.

Der Spannungsbogen ist geschlagen und offensichtlich, der Leser gespannt, was wohl passieren wird. Die Männer gehen los. Wie werden wohl die feinen Herren von der Priesterschaft reagieren, wenn sie plötzlich mit diesen auf wundersame Weise geheilten Outlaws konfrontiert werden? Man erwartet dass die Priester das Heilsgeschehen erkennen, Dankeshymnen anstimmen, Dankopfer darbringen, … schließlich ist etwas Wunderbares geschehen. Dass sie neugierig sind, nachfragen. Und dann das Überraschende: Es passiert anscheinend nichts, nichts Erwähnenswertes. Schweigen.

Schweigen. Das Schweigen ist das Lauteste in der Geschichte. Das Heilsgeschehen, das unmittelbare Wirken Gottes, wird nicht gewürdigt, sondern mit eisigem Schweigen quittiert. Bis auf eine Ausnahme (Lk 17, 15-19):

Einer aber unter ihnen, da er sah, dass er geheilt war, kehrte um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel auf sein Angesicht zu seinen Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind ihrer nicht die Zehn gereinigt geworden? Wo sind aber die Neun? Haben sich sonst keine gefunden, der zurückkehrten und Gott Ehre zu geben, außer diesem Fremdling? Und er sprach zu ihm: Stehe auf, gehe hin; dein Glaube hat dich gerettet.

Nur ein einziger, der sieht und erkennt, was eigentlich passiert, worin das eigentliche Heilsgeschehen liegt. Ein „Fremdling“ erkennt es, einer, der eigentlich nicht zum vermeintlich erlauchten Kreis der Eingeweihten und Geweihten gehört, einer dem nicht die Kompetenz hierfür zugesprochen wird, ein vermeintlich Ungläubiger, einer der Ausgegrenzten. Er sieht mit dem inneren Auge das göttliche Geschehen, kehrt um und dankt aus vollem Herzen. Die anderen Neun und die Priester schweigen.

Die Enttäuschung Jesu ist fast mit Händen zu greifen. Wie die Stille nach einer großen Explosion. Nachhallende Stille. Zehn Menschen hat Gott die Gnade seiner Fülle erwiesen. Nur einer erkennt es und dankt. Wo sind die neun anderen, und unausgesprochen noch viel drängender: Wo sind die Priester? Null Reaktion. Keine Einsicht. Keine Nachfragen. Kein Dankeswort. Kein Lobpreis an Gott. Schweigen, das weh tut.

Hat sich sonst keiner gefunden, der umkehrt und Gott die Ehre erweist? fragt Jesus fassungslos. Ihr habt nach Gott geschrien. Gott hat gewirkt. Hat keiner das innere Bedürfnis, Gott dafür zu danken? Ihr schreit, Gott, hab Erbarmen. Im Fordern seid ihr gut. Und wenn Gott sein Erbarmen erweist, schweigt ihr, nehmt es als selbstverständlich, schaut betreten weg, verneint es, nennt es Zufall. Ihr meint nicht Gott, ihr meint euch selbst, wenn ihr nach Gott schreit. Ihr seid euer eigener Gott, euer eigener Leitstern. Oder, nach Mt 23, 28:

Von außen erscheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.

Wie stellt ihr euch eigentlich vor, dass Gott wirkt? Habt ihr überhaupt eine Vorstellung? Wie ein Zauberer mit Hokuspokus? Wir nennen ihm unseren Wunsch und er tut ihn?

Es geht in der Geschichte ganz und gar nicht um die wundersame Heilung einer Hautkrankheit, um reine Haut, es geht um innere Reinheit, um innere Ehrlichkeit vor Gott, um die Wahrhaftigkeit gegenüber Gott. Es geht um die Übereinstimmung von äußerer und innerer Reinheit, von äußerem und innerem Sein vor Gott. Ohne innere Aufrichtigkeit vor Gott, hilft aller äußerlicher reiner Schein nichts.

Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch.

Die Neun, die nicht umgekehrt sind, nicht gedankt haben, einfach weiter gemacht haben wie bisher, haben den göttlichen Funken in sich nicht gesehen. Die innere Einsicht hat gefehlt. Auch die Priester waren nur qua Amt rein, ohne innere Wahrhaftigkeit. Aussätzige und Priester hatten die gleiche innere Armut, darin waren sie sich – trotz aller äußeren Klassengegensätze – gleich. Das wollte Jesus vor Augen führen. Es ist nicht der äußere Schein, der zählt, egal wie unterschiedlich die Lebensumstände auch sein mögen. Egal ob Aussätziger oder Priester. Vor Gott ist das unerheblich. Was zählt ist nur die Wahrhaftigkeit oder Unwahrhaftigkeit vor Gott im Äußeren und Inneren.

Jesus muss gedacht haben: Welche Zeichen müssen eigentlich noch passieren, um sie zur Umkehr zu bewegen? Die äußeren Zeichen der göttlichen Gegenwart werden nicht gewirkt, um der Zeichen willen, sondern um die innere Erkenntnis zu wecken, dass Gott gegenwärtig ist, hilft und heilt. Um zur Umkehr zu bewegen.

Wer aber mit Ohrstöpseln durch das Leben geht, in Abwehrhaltung, hört nicht Jesu Wort: Dein Glaube hat dich geheilt. Er erkennt Gottes Reich in sich nicht, erkennt nicht, wie reich er mit Gott in sich ist. Er hört nicht, wie Jeus sagt: Stehe auf und gehe hin. Dein Glaube hat dich gerettet. Dein Vertrauen, dass Gott in, mit und an dir wirkt. Gott heilt diejenigen, die sich innerlich heilen lassen. Diejenigen, die die Erkenntnis und das Wirken von Gottes Gegenwart im Jetzt zulassen.

Es sind nicht viele, auf die das zutrifft, lieber Luther. Auch das sagt diese Geschichte. Die überwiegende Mehrheit schaut weg, schweigt, ordnet nicht Gott zu, was Gott zuzuordnen ist. Mensch schreit: Gott, hab Erbarmen, wenn es ihm schlecht geht, er krank oder verzweifelt ist, wenn das Leben nicht so läuft, wie er es gern hätte. Sobald es aber körperlich und psychisch wieder geht, hat Gott ausgedient, geht es wieder weiter ohne Gott.

Was passiert, lieber Luther, so fragt man sich, mit den Neunen, mit den Priestern, den Schweigenden, den innerlich Tauben, die nur Gottes Gnade für sich reklamieren, wenn sie aber geschieht, sie nicht erkennen, sie im Gegenteil auf Abstand gehen, nicht danken, wenn es Zeit wäre, zu danken?

Jesus sagt: Dein Glaube hat die gerettet. Er sagt nicht, die Heilung deiner physischen Krankheit hat dich gerettet. Die inwendige Rettung, von der Jesus spricht, ist eine Rettung, die in die Ewigkeit fortdauert. Das wird, lieber Luther, gern verwechselt, mit Kurzzeitbrille gesehen. Wir lesen Heilung und meinen körperliches Wohlergehen. Das ist eine Rettung, die Jesus nicht meint. Das sollten wir bedenken, wenn wir in der Not Gott um Erbarmen anschreien. Der Glaube allein bringt die Rettung, die innere und äußere Wahrhaftigkeit vor Gott, nicht die Heilung unseres Körpers. Werden wir eine ehrliche Haut vor Gott, um unsere Haut zu retten. Amen.

Herzliche Grüße
Deborrah

Veröffentlicht von

Deborrah

Spirituelle Pilgerreise zu mir selbst; Auseinandersetzung mit Kirche, Religion, Glaube, Gott, Bibel; Meditatives; Impulse zu den Herrnhuter Losungen / Tageslosungen; Lieber Luther Predigten

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