Psalmen und Sprüche

Lieber Luther,

ich habe mich entschlossen, nach einem Jahr Pause wieder einen Bibelleseplan anzufangen, der mich täglich einen Blick in die Bibel werfen lässt. Ich will mir nicht mehr so viel zumuten wie 2014, das könnte ich neben meinen übervollen Berufsalltag nicht schaffen. Ich werde also die nächsten 372 Tage Psalmen und Sprüche lesen. Ich habe gerade angefangen und merke, wie mich das inspiriert.

Psalmen sind Lobgesänge. Schon im Lesen merkt man, wie der innere Mensch, die Seele, anfängt, die Schönheit und Erhabenheit Gottes zu besingen. Die Gedanken können kaum folgen, so angeregt sind sie von beiden – Psalmen und Sprüche. Ich könnte schreiben und schreiben…

In den Psalmen und Sprüchen sind wir alle gleichermaßen als Kinder Gottes angesprochen:

Du bist mein Sohn, meine Tochter, mein Kind,
ich habe dich heute gezeugt (Ps 2, 7).
Du bist in mir jeden Tag neu erschaffen.
Ich zeuge von dir.

Bei den Sprüchen ist beschrieben, worum es geht: Es geht darum, die „Worte des Verstandes“ zu verstehen, es geht um Gottesverständnis, um Weisheit und Erkenntnis. Es geht darum, „verschlungene Rede“ zu verstehen, die Gottes-Weisheits-Worte der Weisen und ihre Rätsel (Spr 1, 5)

Sprüche 1 ist ein Auftakt, der die Richtung weist: So höre mein Kind. Es liegt nicht auf der Hand, es ist nicht einfach zu verstehen, was die Botschaft Gottes ist und die Lehren daraus sind. Gott ist ein Rätsel und gibt Rätsel auf, die der Mensch nur bedingt entschlüsseln kann. Gott vermögen wir nicht direkt zu befragen. Auch wenn wir alle Weisheit dieser Welt zusammennehmen, ein Gottes-Ganzes wird daraus nicht. Auch die Weisesten können nur helfen, sich dem Göttlichen zu nähern. Es bleibt immer nur eine versuchte Annäherung. Was auch bleibt, ist die Versuchung, falschen Verlockungen nachzugeben, wider die Weisheit. Nur Narren verachten Weisheit und Verstand (Spr 1, 7).

Psalmen und Sprüche sind voller Weisheit und es bedarf der Weisheit, sie zu verstehen. Sie fordern auf: Mein Sohn, meine Tochter, sei nicht hochmütig, geh in die Lehre, nutze die Weisheit, von der Psalmen und Sprüche erzählen, um deinen Weg zu finden. Die Psalmen und Sprüche erzählen auch davon, dass die Weisheit sich nicht einfach Bahn bricht. Sie erzählen vom Leben wie es ist, ohne Schönfärberei, darin eingeschlossen Gewalt- und Machtausbrüche, so wie diese, bar jeder Weisheit, tatsächlich Teil des Lebens sind.

Wenn wir heute nur einmal die Nachrichten anschauen, übertreffen wir spielend die in der Bibel berichteten Gräueltaten. Scheinheilige Empörung ist fehl am Platz und hält uns nur den Spiegel unserer eigenen Falschheit vor. Auch in der Beziehung ist die Bibel schonungs- und zeitlos. Nur die Mittel der Gewalt haben sich geändert. Sie sind noch brutaler und tödlicher geworden. Menschen schrecken vor keiner Abscheulichkeit gegen andere Menschen und gegen die Schöpfung zurück. Heute wie vor 3000 Jahren. Nur erlaubt die heutige Technik eine flächendeckendere und entmenschlichtere Menschen-Ermordungs-Maschinerie als vor 3000 Jahren. Drohnen und Bomber müssen ihren Opfern nichts ins Auge sehen. Man muss nur noch auf den Knopf drücken und „die Sache“ ist großflächig erledigt. Blut klebt den Verantwortlichen nur indirekt an den Händen.

Psalmen und Sprüche spiegeln Glaubenserfahrungen und Glaubensweisheiten wider, die zum Teil über 3000 Jahre alt sind. Sie sind nach und nach entstanden. Die Mehrzahl der Psalmen wird König David zugeschrieben, die Sprüche seinem Sohn Salomon. Faktisch sind sie jedoch nicht als ein Ganzes entstanden, sondern im Laufe der Jahrtausende erst unter „Psalter“ und „Sprüche“ zusammengefasst worden. Auch die Reihenfolge, in der sie stehen, war keinesfalls fix. Sie haben vielfältige Autoren, Anpassungen und Veränderungen erfahren. Ein erstes Buch „Psalmen“ entstand etwa 300 v.Chr., aber nicht in seiner jetzigen Form.

Letzten Endes ist die Entstehungsgeschichte unerheblich, sofern man nicht aus dem Blick verliert, dass die Texte von Menschen über Jahrhunderte mündlich überliefert, irgendwann aufgeschrieben, abgeschrieben, übersetzt, interpretiert wurden. Jede Art der Überlieferung und Veränderung war vom jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext geprägt. Alle Bibeltexte sind Menschenwerk, von Menschenhände und Menschengeist in seiner jeweiligen Zeit in eine mündliche oder schriftliche Form gebracht. Selbst jetzt gibt es nicht „die“ Bibeltexte. Die Unterschiede in den Übersetzungen sind zum Teil erheblich und führen zu völlig unterschiedlichen Botschaften. Ich habe darüber schon häufig geschrieben.

Aber, selbst das ist unerheblich, denn, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, es geht darum, Erkenntnis, Weisheit und Verständnis des Göttlichen zu vermitteln, um dem Menschen zu ermöglichen, die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Es geht um die Botschaft, um die Lehre, weniger um die Entstehungsumstände, es geht nicht um absolute Wahrheiten, sondern um „die“ Wahrheit, die jeder Mensch, in seinen besonderen Lebensumständen, daraus zieht. Niemand kann einem das Vorbeten. Die Söhne und Töchter Gottes sind selbst gefragt. Jeder liest anders, hat einen anderen Erfahrungs-, Lebens- und Bildungshintergrund. Es gibt kein „wahres“ Lesen oder eine „wahre“ Interpretation dessen, was diese Glaubensweisheitsliteratur zu vermitteln hat. Sie ist zeitlos und glücklich, wer sie frei von Doktrin mit persönlichem Gewinn lesen kann.

So kann, lieber Luther, jeder über Psalm 2 nachdenken:

Warum toben die Nationen und beherrschen Egoisten die Welt?
Warum ratschlagen Machthaber miteinander gegen andere Machthaber?

Die Antwort ist radikal:

Lasst uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile, in die sie uns binden und verstricken.

Nachdenken kann man auch darüber, wieso Ps 2 der meistzitierte im Neuen Testament ist. Der Psalm wird gerne angezogen, um Jesus vermeintlich exklusive Gottessohnschaft theologisch zu vereinnahmen.

„Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“ (Ps 2, 7)

Lukas nimmt diese Worte in seiner Weihnachtsgeschichte auf (Lk 1, 35). Mariens Schwangerschaft vom Heiligen Geist sagt im Prinzip nichts anderes als Psalm 2, 7: Der Sohn der Maria ist ein Sohn Gottes, so wie all diejenigen, die – wie in Ps 1, 2 zu lesen – ihre Lust an Gott haben und Tag und Nacht zu ihm hinstreben. Auch bei Jesu Taufe wird diese Botschaft erneuert: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Mk 1, 11; Mt 3, 17). Das macht auch theologisch Sinn. Jesu Taufe wird in der Bibel vor den Beginn seiner Lehrwanderschaft gesetzt. Was liegt näher als eine Bekräftigung der Überzeugung, dass derjenige, der lehrt, und dem man eine zentrale Bedeutung in der eigenen Gotteslehre zumisst, auch ein Sohn Gottes ist und kein Gottloser. Ein weiteres Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu erfolgte im Bericht über die Verklärung Jesu. Auch hier heißt es: Und eine Stimme fiel aus der Wolke und sprach: Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören! (Mk 9, 7).

In den Psalmen belehrt David die Menschen, in den Sprüchen Salomon, in den Evangelien Jesus: Das ist mein Sohn – oder König, oder Gesalbter -, den sollt ihr hören! Lieber Luther, in dem Sinne, spitzen wir die Ohren, öffnen unser Herz, unseren Verstand und unsere Sinne, dass etwas von der Weisheit dieser Lehrer zu uns überspringt.

Herzliche Grüße
Deborrah

Veröffentlicht von

Deborrah

Spirituelle Pilgerreise zu mir selbst; Auseinandersetzung mit Kirche, Religion, Glaube, Gott, Bibel; Meditatives; Impulse zu den Herrnhuter Losungen / Tageslosungen; Lieber Luther Predigten

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