Klarheit

Lieber Luther,
der Schlüssel zu dem Predigttext dieser Woche, die Verklärung Jesu in der Version bei Matthäus (Mt 17, 1-9) steht eigentlich in der Bibel schon ein Kapitel vorher:
Denn es wird geschehen, dass des Menschen Sohn komme in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln (Mt 16, 27).
Nach sechs Tagen nahm Jesus die 3 Jünger, die ihm am Nächsten waren – Petrus, Jakobus und Johannes – mit sich auf einen hohen Berg. Immer wieder kommt der „hohe Berg“ als Bild in der Bibel vor. Gott wohnt in der Höhe. Mose hat mit Gott auf einem hohen Berg geredet, Elia ist vor seinen Verfolgern ins Gebirge geflohen, ebenso David. Wenn in der Bibel von Abgöttern die Rede ist, wird meistens gesagt: Ihr betet auf den Höhen zu Baal & Co., tut sie ab von den Höhen, denn – das ist implizit gemeint – allein Gott ist in der Höhe, Gott ist die Höhe. Dieser Platz gehört nur ihm. Gott kam vom Mittag und der Heilige vom Gebirge Pharan. Seines Lobes war der Himmel voll, und seiner Ehre war die Erde voll. Sein Glanz war wie ein Licht; Strahlen gingen aus von seinen Händen; darin war verborgen seine Macht (Hab 3, 3)
Jesus stieg nach sechs Tagen mit den Jüngern auf den Berg, auf dem Gott ihn mit seinem Licht erleuchtete. Auch auf Moses Angesicht hat Gott seinen Glanz gelegt (2.Mose 34, 29), auch nachdem er auf einem hohen Berg, dem Berg Sinai, mit ihm geredet und ihm sein Wort gegeben hat: Den hört, diese beiden hört. Beides beschreibt einen hohen göttlichen Legitimationsakt. Paulus Polemik gegen Mose ist völlig unberechtigt, undemütig, arrogant und selbstherrlich angesichts solch göttlich-herrlichem Geschehen (2.Kor 3, 13-14), Jesus würde Mose, den Freund Gottes (2.Mo 33,11) nie so abgewertet haben. Nicht ein einziges abwertendes Wort ist von ihm über Mose übermittelt. Aber das nur am Rande.
Über die Zahl sechs habe ich dir, lieber Luther, erst kürzlich geschrieben, ich brauche hier nicht alles wiederholen. Dass das weiße Kleid auf Jesus nach sechs Tagen fällt ist konsistent: Die Sieben steht für die Vollendung, für das reine weiße Kleid, das denen angetan wird, die Gott in seinem neuen Jerusalem sammelt: Und der siebte Engel posaunte: und es wurden große Stimmen im Himmel, die sprachen: Es sind die Reiche der Welt unsers HERRN und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit (Offb 11, 15). Jesus zieht in die Heilige Stadt ein, in das Neue Jerusalem. Deshalb war es so hell. Als er später in das alte Jerusalem einzog, war es nur laut. Er hat seine Meisterprüfung bestanden! Das heißt „Verklärung“. Er zieht in das Neue Jerusalem ein und wir, ja wir sind aufgefordert, nachzufolgen, irgendwann, wenn unsere Zeit da ist. Er ist derjenige, der uns als Erster vorangeht, uns zeigt, was auch für uns sein wird.
Die Jünger sehen Gottes Herrlichkeit nicht, sie sind noch nicht im Neuen Jerusalem angekommen. Sie sehen nur den Abglanz. Sie sind voll des Schlafes (Lk 9, 32), wie später in Gethsemane. Was geschieht, ist für die Jünger und Jesu Nachfolger nicht in Jesu Klarheit zu sehen, hören und zu erfahren.
Hier ist Wohlsein, soviel begreifen sie, und wollen für Mose, Elia und Jesus je eine Hütte bauen. Intuitiv spüren sie, dass sie hier an etwas Großartigem teilhaftig werden, an etwas, das ihr Verstehen übersteigt. Sie spüren: Hier ist Wohlsein, hier will ich bleiben, hier will ich meine Wohnung und mein Haus bauen.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein (Offb 21, 3). Gott hat seine Hütte in Jesus aufgerichtet: Eine lichte Wolke überschattet sie und eine Stimme kommt aus der Wolke, die sagt: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören! (Mt 17,5). Eine andere Hütte muss nicht aufgerichtet werden. Das ist mein lieber Sohn: Das ist die Hütte, das ist die Wohnung.
Die Jünger erschraken, fielen auf ihr Angesicht. Gottes Herrlichkeit übersteigt jedes menschliche Verstehen, das Unbegreifliche schürt Ängste. Jesus rührte sie an und sprach: Fürchtet euch nicht. … und siehe, es kam einer in des Himmels Wolken wie eines Menschen Sohn bis zu dem Alten und ward vor ihn gebracht. Der gab ihm Gewalt, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker, Leute und Zungen dienen sollten. Seine Gewalt ist ewig, die nicht vergeht, und sein Königreich hat kein Ende. Ich, Daniel, entsetzte mich davor, und solches Gesicht erschreckte mich (Dan 7, 13-15). Der Mensch kann sich Gott nur begrenzt aussetzen.
Das ist mein Lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe: Und als ich mich umwandte sah ich .. einen, der war eines Menschen Sohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und begürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee … und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie ein Toter; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! (Offb 1, 12-17).
Er rührte ihn an und sage: Fürchte dich nicht! Sein Kleid war weiß wie Schnee, dass kein Färber auf Erden kann so weiß machen (Mk 9, 3). Fürchtet euch nicht! Denn: Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, sei von dir. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben; und sie haben es angenommen und erkannt wahrhaftig, dass sie glauben, dass du mich gesandt hast. Ich bitte nicht für die Welt, sondern für die, die mir gegeben sind; denn sie sind dein. Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verklärt. Und ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt (Joh 17, 7-11).
Auch bei Jesu Taufe kam dieses Wort aus dem Himmel: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe (Mt 3, 13). Seither war aber schon vieles geschehen, Jesus hat gelehrt, Gottes Wort durch Jesus war geschehen, Jesu Meisterschaft des Wortes, deshalb heißt es jetzt: Den sollt ihr hören, den Prediger!
Lieber Luther, was zeigt uns das alles? Hört! Hört Jesus zu. Folgt nach, werdet zur Hütte, werdet zur Wohnung Gottes wie Jesus. Wo Gottes Wohlgefallen ist, ist unser Wohlsein. Selbst wenn ihr es nicht verstehen, unverständig seid wie die Jünger. Lasst euch anrühren von Jesus, fürchtet euch nicht, hört den, der euch vorangegangen ist, folgt nach, strebt nach dem weißen Kleid. Hört den Prediger, was er gesagt hat, führt zur Klarheit, verklart ihn in uns.  Das Neue Jerusalem ist dort, wo Jesus mit seiner Klarheit in uns ist, wo er in uns verklärt ist. Lasst euch von Jesus anrühren!
Herzliche Grüße
Deborrah

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